Kombiklasse 4 der Grundschule Pullach (Schuljahr 2017/2018)

… Leise waren diese Schritte, sie kamen zielstrebig näher. Irgendwie leichtfüßig. Auch Rosenblau mit ihren so gut trainierten Ohren konnte die Schritte erst wahrnehmen, als sie schon recht nahe waren. „Rußschwarzchen, da kommt jemand. Dreh dich mal vorsichtig um. Wer ist das?“, flüsterte sie.
Aber noch ehe ihr Freund das tun konnte, hörte sie schon eine Stimme, die offenbar zu den Schritten gehörte: „Ihr zwei, was macht ihr denn hier? Sucht ihr etwas?“ Eine Frauenstimme, wahrscheinlich nicht sehr alt, dem blinden Mädchen war sie unbekannt. Aber irgendwie hörte sich die Stimme dumpf an, wie wenn jemand einen dicken Schal umgebunden hat.
„Ja, …ähhh, den Weg, ich bin nämlich blind,“ gab Rosenblau zögernd zur Antwort. Aus Efahrung wusste sie, dass es für sie meistens besser war, Fremden rasch von ihrer Blindheit zu erzählen. Denn wer das nicht wusste, nahm auch keine Rücksicht auf sie.
„Dann seid ihr bestimmt aus einem der Dörfer hier in der Gegend?“, fragte die unbekannte Frau weiter.
„Ja, unser Dorf ist gar nicht weit, das nächste bei diesem Wald. Wir sind hier, weil wir die Räuber suchen. Die sind böse, die haben den Prinzen gefangen. Aber wir kriegen die Belohnung.“ Rußschwarzchen freute sich immer, wenn er die richtige Auskunft geben konnte. Seiner blinden Freundin hingegen war unbehaglich zumute. Sie hielt es für keine gute Idee, der Fremden so viel zu erzählen, aber jetzt war es schon zu spät. Hoffentlich würde die die unzusammenhängenden Sätze des Jungen nicht recht verstehen.
„Aha, so ähnlich dachte ich mir das schon“, war die Unbekannte jetzt zu hören. Sie schien erfreut. „Ich bin eine arme Frau, die Pilze sammelt. Beim Pilzesammeln bin ich vorhin in euer Dorf gekommen. Die Leute dort haben gesagt, dass sie ein blindes Mädchen und einen Jungen suchen. Das müsst ihr sein. Ihr sollt ganz dringend nach Hause kommen.“
In Rosenblaus Gehirn arbeitete es fieberhaft. Es könnte gut möglich sein, dass die Bäuerinnen im Dorf in der Zwischenzeit ihr Verschwinden bemerkt hatten. Aber dass diese Pilzsammlerin dann sofort auf dem kürzesten Weg ebenfalls hierher gelangt sei, wäre schon ein ziemlicher Zufall. Außerdem war die Fremde sehr leise und sehr zielstrebig gegangen, so bewegt man sich nicht, wenn man auf dem Boden nach Pilzen sucht.
„Ist dir kalt?“, fragte Rußschwarzchen unvermittelt in seiner mitfühlenden Art. „Du hast so ein schwarzes Tuch vor dem Mund. Aber es ist doch gar nicht Winter…“
Während die Fremde rasch etwas von Halsschmerzen murmelte, fühlte sich Rosenblau in ihrem Verdacht bestätigt. Vielleicht gehörte die Frau zu den Räubern? Räuber verhüllen oft ihr Gesicht, um nicht erkannt zu werden. Auch wenn dies für das blinde Mädchen schwer vorstellbar war, denn sie erkannte alle Menschen immer an der Stimme. Oder an der Art, wie sie sich bewegten.
„Dann solltest du dich aber lieber ins Bett legen,“ meinte Rußschwarzchen nun. „Pilze hast du ja sowieso keine gefunden. Du hast ja nicht einmal einen Korb dabei…“
Für Rosenblau gab es nun keinen Zweifel mehr. „Komm, Rußschwarzchen, die Eltern suchen uns“, rief sie. „Führ mich schnell zurück in unser Dorf.“ Sie musste bei der Räuberin einen möglichst harmlosen Eindruck erwecken.
„Aber ich will doch die Belohnung…“, protestierte der Junge, doch Rosenblau drückte einmal kurz und kräftig seine Hand, zum Zeichen, dass er ihr vertrauen sollte. Und auch wenn Rußschwarzchen die Zusammenhänge nicht begriff, vertraute er ihr. Also führte er sie ein Stück in die Richtung ihres Dorfes.
Als sie weit genug weg waren, dass die Räuberin, die ihnen nicht folgte, wohl keinen Verdacht schöpfen würde, flüsterte Rosenblau: „Rußschwarzchen, sag nichts, aber dreh dich vorsichtig um. Siehst du, was diese Frau macht?“

„Sie spürte seine Bewegung, dann machte er nur: „Hmmm.“ Das Mädchen musste schmunzeln darüber, dass ihr Freund ihre Bitte nichts zu sagen so exakt umsetzte. „Dann pass gut auf und berichte mir später!“, raunte sie ihm zu. So geschah es auch. Die beiden warteten solange, bis Rosenblau sich sicher war, dass die Räuberin weg war, dann erfuhr sie, was sich zugetragen hatte: Die Räuberin hatte eine Weile gewartet, dann war sie zwischen die herbahängenden Zweige des großen Brombeergestrüpps gekrochen. Dahinter musste der Eingang einer Höhle verborgen sein, Rußschwarzchen hatte einmal kurz ein großes, dunkles Loch erspähen können. Bestimmt war das der Eingang der Räuberhöhle – und wenn sie Glück hatten, würden sie dort den Prinzen finden. Aber vielleicht waren viele Räuber in der Höhle. Was tun?
Schon hatte Rosenblau einen Plan. Sie beschloss abzuwarten, bis es Abend und dunkel wurde. Im Dunkeln würde sie sich gut in die Höhle schleichen können, denn für ihre blinden Augen machte die Dunkelheit keinen Unterschied. Wenn die Räuber schliefen, könnte sie so einen Prinzenbefreingsversuch unternehmen.
Während der Wartezeit wurde Rußschwarzchens Geduld auf eine harte Probe gestellt. Als es endlich ganz dunkel war, schlichen die beiden näher. Hinter dem Brommbeergestrüpp war ein vielstimmiges Schnarchen zu vernehmen. Jetzt war der richtige Zeitpunkt! Rosenblau bat ihren Freund, hier auf sie zu warten, dann tastete sie sich hinter die Brombeerzweige. Nach einer guten Viertelstunde kam sie wieder zurück: „Die Höhle ist sehr groß, und es sind viele Räuber darin. Mindestens zehn. Ob der Prinz auch dort ist, weiß ich nicht, von allen Seiten schnarchen die Räuber, es schien mir zu gefährlich, die ganze Höhle abzutasten. Aber das hier hab ich gefunden!“ Sie zeigte ihm ein dickes, in Leder gebundenes Buch, dann packte sie plötzlich seine Hand: „Still, da kommt jemand. Ich höre schon wieder Schritte.
Die zwei kauerten sich hinter einen dicken Baum, aber dann vernahm das Mädchen, wie eine ihr wohlbekannte Stimme die beiden beim Namen rief. Die älteste Großmutter aus dem Dorf!
Bald stellte sich heraus: Die Großmutter hatte sich Sorgen um die beiden Jugendlichen gemacht und war gekommen, um sie zu suchen. Jetzt sprachen sie kurz mit einander, dann zeigte ihr Rosenblau das dicke Buch, das sie gefunden hatte. Es war das Zauberbuch der Hexe, die bei den Räubern lebte. Zum Glück konnte die Großmutter lesen, und so fand sie bald einen Zaberspruch, der ihnen jetzt helfen konnte. Damit ließen sich alle Menschen in einem bestimmten Gebiet (zum Beispiel in der Räuberhöhle) in Bäume verwandeln. Der Spruch funktionierte wirklich! Nachdem die Großmutter ihn vorgelesen hatte, schlichen die drei gemeinsam in die Höhle, wo das Schnarchen bereits einem hölzernen Knarren gewichen war. Tatsächlich, alle Räuber waren nun Bäume, die mit ihren Ästen an die Höhlenwände ragten. Ein Baum aber lag mit dicken Stricken umwickelt auf dem Boden und streckte die Wurzeln in die Luft – das musste der gefangene Prinz sein. Gemeinsam brachten sie ihn aus der Höhle hinaus, und draußen sprach die Großmutter den Gegenzauber, den sie ebenfalls im Buch gefunden hatte. Natürlich achtete sie darauf, dass der Gegenzauber nur außerhalb der Höhle wirksam sein sollte.
So wurde der Prinz befreit und konnte wohlbehalten zum Schloss seines Vaters zurückkehren. Die vom König ausgesetzte Belohnung von 1000 Goldtalern bekamen die beiden Jugendlichen zusammen mit der Großmutter, die aber gerne auf ihren Anteil verzichtete. Rußschwarzchen und Rosenblau heirateten bald und lebten sehr glücklich im Dorf. Alle Bauern achteten sie nun und feierten sie als Helden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch glücklich und zufrieden.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Kinder der Kombiklasse 4 der Grundschule Pullach

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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