Klasse 2a der Grundschule an der St.-Konrad-Straße, Haar (Schuljahr 2018/2019)

… Mit ihren gut trainierten Ohren hörte das blinde Mädchen die Geräusche dieser Schritte natürlich vor ihrem Freund. Offensichtlich kamen da viele Men-schen, den Stimmen nach Männer und Frauen, sie sprachen ab und zu leise mit einander. „Rußschwarzchen, dreh dich mal vorsichtig um, da kommen irgend-welche Leute. Wer ist das?“, flüsterte sie, dann spürte sie schon seine Bewegung neben sich.
„Viele Leute, vornehm gekleidet. Keine Bauern, die da müssen reich sein. Ich glaube, die suchen ‚was, denn sie schauen immer wieder in verschieden Richtungen, und oft auf den Boden.“
„Dann sind sie wahrscheinlich nicht gefährlich. Und keine Räuber. Komm, gehen wir ihnen entgegen, sprechen wir mit ihnen!“ Sofort ergriff Rußschwarzchen ihre Hand und führte sie in die Richtung der Stimmen und Geräusche. Die beiden Freunde kannten sich schon so lange, sie waren so gut auf einander eingespielt. Wenn er die Hand seiner blinden Freundin mit leichtem Druck festhielt, konnte er sie wie ein Steuer benutzen. Beide hielten dann ihre Muskeln ein wenig angespannt, und wenn er ihre Hand ganz leicht nach links oder rechts drückte, verstand sie, wohin sie gehen sollte. Ein kurzer, stärkerer Druck mit dem Daumen bedeutete: „Achtung da kommt ein Hindernis!“, ein noch stärkerer, langer Druck sagte ihr, sofort stehen zu bleiben.
Als sie bei diesen Menschen ankamen, wollte Rosenblau sie vorsichtig ansprechen, ohne dabei zu viel zu verraten, aber ihr Freund kam ihr leider zuvor: „Hallo, wer seid ihr denn?“, rief er mit lauter Stimme und setzte gleich hinzu: „Sucht ihr die Räuber und den Prinzen? Das tun wir auch. Aber die Weihanchtsplätzchen, die es zur Belohnung gibt, die wollen wir kriegen…“
„Was fällt dem Lümmel da ein? So ein dreckiger Bauernbengel!“, dröhnte eine tiefe Männerstimme, aber eine Frau unterbrach weitaus sanfter: „Ach lass doch, Heinrich, es sind noch Kinder. Und was er da von Weihnachtsplätzchen faselt, ist ja Unsinn. Offenbar ist er nicht besonders helle. Und das Mädchen neben ihm ist wohl blind, weil sie uns gar nicht ansieht, sondern uns ihr Ohr zuwendet. Die sind harmlos.“
„Aber sie suchen ebenfalls den Prinzen, das hat er gesagt“, gab der mit „Heinrich“ angesprochene Mann zurück.
Jetzt schaltete sich Rosenblau ein: „Ja, das stimmt, und Sie sind offenbar auf der gleichen Suche. Vielleicht können wir uns gegenseitig unterstützen?“
„Das glaube ich kaum, wie wollt ihr uns denn helfen“, antwortete Heinrich. „Aber meinetwegen. Nur ob wir die Belohnung mit euch teilen, das wissen wir noch nicht. Wir sind drei reiche Patrizierfamilien aus der Stadt des Königs, wir teilen nichts mit solchem Bauernpack.“
Dennoch besprachen sich nun alle, und so erfuhr Rosenblau, dass die reichen Leute tatsächlich gekommen waren, um den Prinzen zu suchen und sich die Belohnung zu sichern. Von den Rittern in der Stadt, die ja mit dem Prinzen vor dessen Gefangennahme unterwegs gewesen waren, hatten sie erfahren, in welchem Wald die Räuberbande ihr Unwesen trieb.
Daraufhin erzählte Rosenblau von den eigenartigen Brombeeren, die sie gerade entdeckt hatten. Reife Brombeeren im Mai gibt es nicht – entweder mussten sie verzaubert sein, oder giftig. Heinrich und ein paar andere Männer hatten Schwerter mitgebracht, mit wenigen Schritten eilten sie nun zu dem Brombeerstrauch und hieben mit kräftigen Schlägen die Brombeerzweige ab. Und was entdeckten sie? Dahinter befand sich tatsächlich der Eingang zu einer Höhle, vermutlich hatten sie das Räuberversteck gefunden.
Jetzt teilten sich die reichen Leute auf: die Männer der Gruppe marschierten mit ihren Schwertern sofort in die Höhle hinein, während sich die unbewaffneten Frauen in einem Gebüsch gegenüber verstecken sollten. Dort sollten sie warten und im Notfall weitere Hilfe herbeiholen. Schon begannen die Patrizier ihren Entschluss auszuführen, auf Rosenblau und Rußschwarzchen achteten sie überhaupt nicht. Das blinde Mädchen überlegte: Vielleicht blieb sie besser nahe bei diesem Höhleneingang, um zu hören, was darin gesschah? Rußschwarzchen war unschlüssig, er begriff nicht, was er tun sollte, deshalb wartete er auf ein Zeichen seiner Freundin. So verharrten die beiden, während das Mädchen aufmerksam in die Höhle hineinlauschte. Zunächst vernahm sie, dass die Herren, die mit ihren Schwertern gegen die Räuber kämpfen wollten, nicht besonders umsichtig vorgingen. Sie setzten polternd ihre Schritte und sprachen sogar ab und zu. Sie schienen sehr von sich überzeugt zu sein. Aus der Tiefe der Höhle kam kein Laut. Wenn die Räuber da waren, mussten die sich längst versteckt haben.
Plötzlich ertönte eine Frauenstimme: „Ihr seid ganz schön blöd. Denkt ihr, wir hätten euch nicht längst bemerkt? Mit meinem Zauberstab verwandle ich euch in Luft: Simsalabim!“ Darauf folgte ein eigenartiges Ploppgeräusch – und dann Stille. Das polternde Getrampel der Männerstiefel hatte schlagartig aufgehört. Die Frau musste wirklich eine Hexe sein, und die reichen Männer waren — verschwunden.
„Rußschwarzchen, führe mich mal zu den Damen“, flüsterte das blinde Mädchen, nachdem sie noch ein paar Sekunden vergeblich gelauscht hatte. Den vornehmen Frauen berichtete sie anschließend, was sie mit ihren Ohren „beobachtet“ hatte. Die Damen wollten sofort zur Stadt zurückeilen und die ganze Armee des Königs herbeirufen.
Aber das Mädchen konnte sie daran hindern: Wenn es zu einem Kampf käme, würde die Hexe entweder auch die Ritter verschwinden lassen. Oder sie würde selbst umkommen, aber dann könnte niemand mehr die Herren zurückzaubern. „Bitte warten Sie bis morgen, lassen Sie mich heute Nacht etwas versuchen“, beschwor sie die verzweifelten Damen. „Wenn die Räuber schlafen, will ich mich in die Höhle schleichen und einen Rückzauber probieren.“
„Was, du? Du blinde Göre?“, enfuhr es einer der Damen verächtlich, aber Rosenblau entgegnete nur mit einem leisen Lächeln: „Ja, gerade weil ich blind bin. Für mich macht die Finsternis in der Höhle keinen Unterschied, bei mir ist es ja immer dunkel. Und an den Atemgeräuschen werde ich die schlafenden Räuber erkennen können. Bestimmt schnarchen die recht laut, und die Hexe, die ja eine Frau ist, wird anders klingen beim Schnarchen. Bitte lassen Sie es mich versuchen.“ Da erkannten die Damen, dass dies vermutlich die beste Lösung war, und sie fügten sich in den Vorschlag.
Einen halben Tag lang mussten sie noch warten, bis endlich die Nacht hereinbrach. Dann schlichen sich Rosenblau und ihr Freund zur Höhle, denn er ließ es sich natürlich nicht nehmen, dort gleich neben dem Eingang auf seine mutige Freundin zu warten. Dass er ihr bei dem gefährlichen Unterfangen nicht helfen konnte, war ihm zu seinem eigenen Bedauern klar.
Völlig lautlos glitt das blinde Mädchen schließlich in die Höhle hinein und verschwand in der Dunkelheit. Und wie sie es geplant hatte, konnte sie sich wirklich an den Schnarchgeräuschen der tief schlafenden Räuber gut orientieren. Bald hatte sie auch die leiser schnarchende Hexe ausgemacht, und wie sie vermutet hatte, lag der wertvolle Zauberstab direkt neben ihr, wollte sie ihn doch immer gleich zur Hand haben. Ohne ein Geräusch zu verursachen nahm Rosenblau den Zauberstab an sich. Zuerst wollte sie versuchen, die reichen Herren wieder zurückzuzaubern. Was die Hexe bei ihrem Zauber ausgesprochen hatte, hatte sie sich gut eingeprägt. Also versuchte sie den Spruch umzukehren: „Ihr Herren, mit meinem Zauberstab verwandle ich euch aus der Luft wieder zurück. Simsalabim!“ Ein leises Klackern war zu hören, als all die vornehmen Männerstiefel sich nun wieder auf dem Höhlenboden einfanden – es hatte geklappt.
Davon aber erwachten die Räuber und die Hexe, doch Rosenblau zögerte nicht: „Mit meinem Zauberstab verwandle ich die Räuber und die Hexe in Luft, Simsalabim!“ Wenn sie hätte sehen können, hätte sie nicht schlecht gestaunt darüber, dass die Räuber und die Hexe einfach weg waren.
Kurz darauf zeigten sich die reichen Damen überglücklich, als Rosenblau und Rußschwarzchen mit den Herren wohlbehalten die Höhle verließen. Und den Prinzen brachten sie natürlich mit, den hatten sie gefesselt in der Höhle gefunden und befreit. Sogleich wanderten alle gemeinsam zum Schloss in der Stadt, wo die reichen Leute gerne auf die Belohnung verzichteten, sahen sie doch ein, dass nur Rosenblau und Rußschwarzchen den Prinzen zu retten vermocht hatten.
Dieser aber hatte in dem blinden Mädchen die Schönhet aus dem Dorf wiedererkannt, in die er sich schon beim ersten Anblick verliebt hatte, und er bat sie sofort, seine Frau zu werden. Lächelnd willigte sie ein, aber nur unter der Bedingung, dass Rußschwarzchen die gesamte Belohnung von 1.000 Goldtalern bekam. Damit kehrte der Junge fröhlich in das Dorf zurück, wo er nun von allen wegen seines Reichtums geachtet und bewundert wurde. Jetzt hatte er genug Geld, dass er sich für all die Dinge, die er alleine nicht so recht schaffte, Helfer anstellen konnte. Auf diese Weise übernahm er den elterlichen Bauernhof, der immer reichen Ertrag abwarf. Alle paar Wochen aber machte er einen Ausflug zum Schloss um seine Freundin Rosenblau und den Prinzen zu besuchen, und die ließen dann in der Schlossküche zur Feier des Tages immer die von Rußschwarzchen so geliebten Weihnachtsplätzchen backen.
Rosenblau war klug genug, den Zauberstab der Hexe sofort zu zerbrechen. Niemand sollte diese und die Räuber je wieder zurückzaubern können. Dadurch lebten alle Menschen in der ganzen Gegend glücklich und blieben von den Räubern für immer verschont.

© 2018 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 2a der Grundschule an der St.-Konrad-Straße, Haar

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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