2f der Grundschule an der Astrid-Lindgren-Straße, München (Schuljahr 2016/2017)

…Das langsame Schlurfgeräusch dieser Schritte war kaum zu hören, nur Rosenblau mit ihrem feinen, gut trainierten Gehör hatte es vernommen. „Psst,“ raunte sie ihrem Freund Rußschwarzchen zu, „da kommt jemand. Dreh dich ganz vorsichtig um. Ich glaube nicht, dass es ein Mensch ist.“
„Quaaak!“, machte es da schon hinter den beiden.
„Ist das ein Frosch?“, fragte das blinde Mädchen erstaunt. Irgendetwas schien eigenartig an dem Frosch, er setzte seine patschigen Füße anders auf den Boden, als es Frösche gewöhnlich tun.
Rußschwarzchen konnte nicht sofort antworten, er musste erst die Gedanken in seinem Kopf sortieren. Aber da drang schon die quakende Stimme des Frosches, oder was es auch war, an Rosenblaus Ohren: „Nein, ich bin kein Frosch, sondern eine Kröte.“
„Und du kannst sprechen?“ IhreVerwunderung kannte keine Grenzen, nur für Rußschwarzchen schien eine sprechende Kröte ziemlich normal zu sein: Wenn Menschen sprechen konnten, warum sollten es dann Kröten nicht können?
„Ich bin ein verzauberter Prinz“, erklärte die Kröte. „Kommt doch näher und helft mir.“
Ob die beiden Freunde so schnell schon den entführten Prinzen gefunden hatten? Rußschwarzchen eilte geschickt auf dem holprigen Waldpfad zu der Kröte hin, aber er vergaß nicht, seine Hand nach hinten auszustrecken, so dass Rosenblau sie ergreifen und ihm folgen konnte. Neugierig beugten sich die beiden über die Kröte, mit einem Mal quakte diese ein unverständliches Zauberwort – und im gleichen Augenblick verwandelte sie sich in eine ziemlich große, schwarz ge- kleidete, vermummte Gestalt, die hämisch grinste.
Das blinde Mädchen sah natürlich nicht, was da für eine plötzliche Bewegung neben ihr vor sich ging, und Rußschwarzchen konnte alles überhaupt nicht begreifen: „Wer? Wo? Was? … Wo ist … die Kröte… ich meine … der Prinz…?“, stotterte er. Aber da war er schon von den starken Armen des Räubers gepackt, noch ehe er sich’s versah, waren seine Hände auf dem Rücken gefesselt. Und Rosenblau erging es genauso, sie hatte keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren oder zu entkommen.
„He, he, es ist schon gut, dass wir eine eigene Hexe haben“, feixte der Räuber, während er die beiden Jugendlichen vor sich her in die Höhle trieb, welche sich gleich hinter dem Brombeergebüsch auftat. „Sie hat gehört, dass da jemand vor unserem Eingang war, und hatte diese geniale Idee. Mit ihrer Zauberei konnte ich den zur Kröte verhexten Prinzen spielen – und mich im richtigen Moment mit einem kleinen Zauberwort zurückverwandeln. Aber diese zwei da würden uns ohnehin nicht gefährlich werden. Die eine ist blind, der andere blöd im Kopf – bei denen kann ich mir sogar das Durchsuchen sparen. Ihr kommt jetzt mit in die Höhle, da liegt schon der gefesselte Prinz, neben dem ist noch ein Plätzchen für euch frei…“ Böse stieß er die beiden vor sich her, die blinde Rosenblau hatte große Mühe nicht hinzufallen.
Mehrere hundert Meter ging es in die Höhle hinein, offenbar unterirdisch, das konnte Rosenblau aus dem modrig-feuchten Geruch und dem Klang ihrer Schritte schließen. Endlich wurden sie auf den feuchten, harten Boden gestoßen, wo sie sich hinlegen sollten. Rechts neben Rosenblau lag noch jemand, und am besonderen Duft seines edlen Parfums erkannte sie den echten Prinzen, denn dem war sie ja am Tag zuvor im Dorf begegnet. Der böse Räuber schlurfte bald wieder davon, offenbar zu den anderen Räubern, die in einiger Entfernung an einem kleinen Feuer saßen, über dem sie ein gefangenes Rebhuhn brieten.
„Guten Tag, königliche Hoheit,“ flüsterte Rosenblau nach rechts. „Seien Sie unbesorgt, wir sind gekommen, um Sie zu befreien.“ Vor Staunen konnte der Prinz nichts antworten, aber das Mädchen fuhr zu ihrem Freund gewandt fort: „Rußschwarzchen, ist es hier hell?“
„Nein, total schummrig,“ murmelte der Junge. „So finster wie in unserem Rübenkeller zu Hause.“
„Das ist gut,“ entgegnete sie. „Als blindes Mädchen bin ich die Dunkelheit ja gewöhnt, ich werde mich hier besser als alle anderen zurechtfinden. Wenn ich nur diese blöden Fesseln aufbekäme.“
„Würde dir ein Messer helfen?“, fragte Rußschwarzchen.
„Ja natürlich, aber woher soll ich das nehmen?“
„Ich habe doch eines dabei. Ich habe es in mein rechtes Hosenbein mit hineingekrempelt. Als wir in den Wald gingen, hab ich eines mitgenommen. Weil ich mir dachte: wenn wir gegen Räuber kämpfen, brauche ich eine Waffe. Aber in der Hand kann ich es nicht halten, weil ich doch dich führen muss.“
„Oh Rußschwarzchen, auf deine Art bist du klüger als viele andere,“ antwortete Rosneblau und musste sich anstrengen, vor Freude nicht zu laut zu sprechen. „Bleib einfach still liegen, ich rutsche auf dem Boden zu dir und hole mir das Messer.“ Mit geschickten Händen und völlig lautlos tastete das Mädchen nach dem Messer, bald hatte sie es aus der schützenden Lederhülle gezogen, schon war der Strick ihrer Handfessel durchtrennt. Wenige Augenblicke später waren auch der Prinz und Rußschwarzchen befreit. Keiner hätte das im Dunkeln so schnell und lautlos geschafft wie sie. Dann flüsterte sie: „Bleibt hier, ich suche mal nach einem Ausgang!“ Schon kroch sie ohne das geringste Geräusch auf allen Vieren davon.
Nach etwa zehn Minuten war sie wieder zurück. „Wir dürfen nicht in die Richtung der Räuberstimmen fliehen, sondern in die entgegengesetzte. Wird es dort immer dunkler?“ Der Prinz bestätigte es. „Dort ist eine kleine Extrahöhle, das hab ich gerade ertastet. Sie ist nur durch einen schmalen Gang zugänglich, neben dem liegt ein großer Stein, den ihr zu zweit rollen könnt. Dorthin locke ich jetzt die Räuber, dann könnt ihr den Gang mit dem großen Stein verschließen.“
„Aber was werden die Räuber dann mit dir machen?“, fragte Rußschwarzchen, und alle wunderten sich, wie er so schnell auf diesen Gedanken gekommen sein konnte. Die Sorge um seine Freundin stand für ihn einfach immer an erster Stelle.
„Keine Angst,“ beruhigte ihn das Mädchen, „am Ende der Extrahöhle ist eine Falltür, die habe ich sogar schon aufgemacht. Darunter ist ein weiterer Gang, und der führt ins Freie, denn ich rieche von dort frischere Luft. Vermutlich der geheime Ausgang der Räuberhöhle. Da lasse ich mich einfach hinununterfallen und versperre von unten die Falltüre mit einem großen Stock, den ich dagegen klemme. So ein Stock liegt oben neben der Falltür, er müsste die richtige Länge haben, ich hab es schon ungefähr ausprobiert. Wahrscheinlich haben die Räuber den Stock sogar bereit gelegt, um die Geheimtür zu versperren, falls Ritter ihre Höhle stürmen. Jetzt macht euch bereit!“
Schon war Rosenblau davongekrochen, bald hörte man lautes Scharren aus der Extrahöhle, auf das auch bald die Räuber aufmerksam wurden. Natürlich glaubten sie sich entdeckt und stürzten kampfbereit in die Richtung des Geräuschs – alles klappte genau so, wie Rosenblau es geplant hatte. Von der einen Seite versperrten Rußschwarzchen und der Prinz die Extrahöhle mit dem Stein, von unten klemmte das Mädchen den Stock gegen die Falltür, er hatte genau die richtige Länge. Die Räuber schlugen von oben gegen die Falltür, sie hämmerten mit den Fäusten – aber der Stock gab keinen Millimeter nach.
Rosenblau kroch durch den geheimen Ausgang ins Freie, der Prinz und Rußschwarzchen verließen die Räuberhöhle durch den normalen Eingang – bald hatten sie das blinde Mädchen entdeckt, das neben dem Geheimausgang auf sie wartete.
Natürlich eilte der Prinz mit seinen beiden Rettern auf schnellstem Weg zum Königsschloss, von wo aus er die Ritter losschickte, die die gefangenen Räuber ohne Schwierigkeiten verhaften konnten.
Der König zögerte nicht, den beiden Jugendlichen die versprochene Belohnung von 1000 Goldtalern auszuhändigen, aber Rosenblau meinte nur: „So viel Geld brauchen wir beide ja gar nicht. Davon können jetzt alle armen Leute in unserem Dorf zufrieden leben.“
Da fiel der Prinz auf seine Knie und bat das blinde Mädchen: „Du bist so schön, klug und hilfsbereit, ich will keine andere heiraten. Willst du meine Prinzessin werden?“
Alle im Schloss hielten für einen Moment den Atem an, aber Rosenblau lächelte: „Königliche Hoheit, Ihr Antrag ehrt mich sehr, aber ich muss ihn ablehnen. Mein Herz gehört Rußschwarzchen. Ich kenne keinen Menschen, der nur halb so liebevoll für mich sorgt wie er.“
Rußschwarzchen lachte: „Na klar, das war doch schon immer so.“
Wirklich heirateten die beiden und sie lebten lange glücklich in dem kleinen Bauerndorf, wo sie fortan nie mehr verspottet sondern von allen geehrt wurden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Klasse 2f der GS an der Astrid-Lindgren-Straße

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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