Kombiklasse 3 der Grundschule Pullach (Schuljahr 2017/2018)

… Zum Glück waren die Ohren des blinden Mädchens so gut trainiert, dass sie diese Schritte bereits hören konnte, als sie noch weit weg waren. „Psst, Rußschwarzchen“, flüsterte sie, „da kommt jemand. Schnell, wir müssen uns verstecken.“
„Ist gut,“ gab dieser flüsternd zurück, blickte sich kurz um und hatte schon einen Holzstapel als geeignetes Versteck entdeckt. Im Verstecken war Rußshwarzchen gut, dieses Spiel mochte er gerne. Er freute sich darüber, dass Rosenblau mit ihm spielen wollte. Nur leider war dies ja kein Spiel! Rosenblau wollte ihren Freund natürlich nicht suchen – und die Schritte kamen immer näher, was sollte sie tun? In dem ihr völlig unbekannten Gelände ein Versteck zu finden, war für sie unmöglich. Hoffentlich verhielt sich wenigstens Rußschwarzchen still…
Plötzlich hielten die Schritte inne. „Ja, wen haben wir denn da?“, rief eine fremde Frauenstimme. Wer mochte das sein? War bei den Räubern vielleicht auch eine Frau? „Sag, Mädchen, was suchst du hier?“, herrschte die Fremde Rosenblau an.
Geistesgegenwärtig beschloss diese, möglichst nichts zu verraten. „Pilze!“, rief sie der Unbekannten zu. „Ich suche Pilze. Hier im Wald muss es doch welche geben!“ Insgeheim hoffte sie, dass keine Pilze direkt in der Nähe waren, damit die Fremde nicht merkte, dass sie nicht sehen konnte.
„Ach so, eine Pilzsammlerin“, die Frau schien beruhigt. „Da wirst du hier keine finden. Aber gerade eben bin ich an einer Lichtung vorbeigekommen, da hinten, ein paar hundert Meter weit weg, da waren ganz viele Pilze. Sehr lecker! Dort solltest du suchen!“
„Danke, das ist ein guter Tipp, das mache ich“, gab Rosenblau rasch zur Antwort und machte sich sofort auf den Weg, wie ihr die Frau gesagt hatte. Zum Glück hatte diese den Weg mit den Worten ‚bin ich an einer Lichtung vorbeigekommen‘ beschrieben, so dass Rosenblau einfach in die Richtung gehen musste, aus der sie zuerst die Schritte gehört hatte. Dabei senkte sie den Kopf, als ob sie nach Pilzen Ausschau hielte, so fiel es nicht auf, dass sie vorsichtig, tastend und langsam ging. Die Frau hatte wohl keinen Verdacht geschöpft. Nach etwa hundert Metern blieb Rosenblau stehen und lauschte angestrengt. Von der Fremden war absolut nichts mehr zu hören, sie musste weitergegangen sein. Das Mädchen brach sich von einem Baum einen dünnen Ast ab, den konnte sie nun als Blindenstock benutzen. Vorsichtig schlich sie zurück. Wo war nur Rußschwarzchen?
Plötzlich drang ein eigenartig hicksendes Geräusch an ihre Ohren. Was war das? Gleich hörte sie es wieder, dann noch einmal. Rosenblau musste lächeln: Schluckauf! Bestimmt hatte Rußschwarzchen in seinem Versteck vor Aufregung Schluckauf bekommen. Sie musste nur auf dieses Geräusch zugehen, schon hörte sie, wie ihr Freund sich beklagte: „Dieser blöde Schluckauf! Mein Versteck war so gut, ohne den Schluckauf hättest du mich nie gefunden.“ Rasch machte sie ihm ein Zeichen, dass er still sein solle, dann ließ sie sich neben ihm auf dem Boden hinter dem Holzstapel nieder. Flüsternd fragte sie ihn, was er beobachtet hatte, und so erfuhr sie: Die Frau war offenbar wirklich eine Räuberin, denn sie hatte ihr Gesicht mit einem schwarzen Tuch verhüllt. Und sie war hinter dem dichten Brombeergestrüpp verschwunden, bestimmt war dahinter der Eingang zu einer Höhle. Ob sie die Räuberhöhle gefunden hatten?
Vorsichtig schlichen sich Rosenblau und Rußschwarzchen wirklich in diese Höhle hinein. Im Dunkel der Höhle tauschten sie die Rollen. Draußen hatte der Junge seine blinde Freundin geführt, drinnen war es nun umgekehrt. Denn für Rosenblau war die Dunkelheit ja normal, sie konnte sich hier auf die gleiche Art wie überall zurechtfinden. Und vor allem konnte das Mädchen fast lautlos schleichen und dabei mit den Füßen tasten, diese Art der Fortbewegung war sie gewohnt.
So gelangten sie ein Stück in die Höhle hinein. Zuerst ging es schräg nach unten, offenbar waren sie schon unter der Erdoberfläche, dann fanden sie eine Abzweigung, die von diesem unterirdischen Gang nach rechts wegführte. Von vorne hörte Rosenblau sehr leise dumpfes Gemurmel, vermutlich waren dort die Räuber. Also raunte sie ihrem Freund zu, hier an der Kreuzung an die Wand gekauert zu verharren und Wache zu halten. Dann schlich sie sich in die Abzweigung hinein. Bald vernahm sie schnaufende Atemgeräusche und undeutliche Laute, die vom Boden zu kommen schienen. Hier musste jemand liegen, vermutlich mit einem Knebel vor dem Mund, um zu verhindern, dass er um Hilfe rufen konnte: der Prinz?
Schon kniete sie neben ihm, ihre geschickten Finger tasteten nach den Knoten in den Stricken, mit denen der Prinz gefesselt war. Der hatte bald begriffen, dass sie gekommen war um ihn zu befreien, also verhielt er sich mucksmäuschenstill. In Windeseile löste das Mädchen die Knoten, der Prinz staunte über die Geschicklichkeit, mit der sie dies trotz der völligen Dunkelheit schaffte. Dann schlichen sie zurück, zusammen mit Rußschwarzchen waren sie schon nach wenigen Augenblicken wieder vor der Höhle. Hier erst erkannte der Prinz seine Retterin, die ihm schon am Tag zuvor in dem Bauerndorf wegen ihrer Schönheit aufgefallen war.
Aber es blieb nicht viel Zeit: Der Prinz übernahm nun die Führung und brachte seine beiden Befreier zum Schloss seines Vaters, welcher überglücklich war, den Sohn so schnell wohlbehalten wiederzusehen. Sofort wollte er den beiden Jugendlichen die versprochene Belohnung von tausend Goldtalern auszahlen lassen, aber der Prinz unterbrach ihn. Dann fiel er vor Rosenblau auf die Knie und bat sie inständig, seine Frau zu werden. Diese lächelte nur und nickte sacht.
Und weil Rosenblau nun den Prinzen heiratete, verzichtete sie gerne auf die Belohnung, die ihr Jugendfreund Rußschwarzchen alleine bekam. Der kaufte sich von dem Geld gleich neben dem Schloss ein schönes Haus, so konnte er in der Nähe seiner Freundin bleiben. Das Mädchen schickte ihm auch täglich Diener aus dem Schloss herüber, die ihm bei all den Alltagsdingen halfen, bei denen er sich alleine schwer tat.
Einmal in der Woche kam Rosenblau aber selbst zu Rußschwarzchen, und dann buken sie gemeinsam Weihnachtsplätzchen, die er eben am liebsten mochte. Egal ob es Dezember war oder Juli.
So lebten alle zusammen glücklich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann backen die beiden Freunde auch heute noch jede Woche ihre geliebten Vanillekipferl und Kokosmakronen, Butterplätzchen und Lebkuchen.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Kinder der Kombiklasse 3 der Grundschule Pullach

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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