Klasse 4a der Grundschule Pullach (Schuljahr 2017/2018)

… Natürllich konnte Rosenblau diese Schritte zuerst vernehmen, ihr Gehör war ja gut trainiert, musste es doch das fehlende Augenlicht ersetzen. Obwohl diese Schritte sehr leise waren. Offenbar schlich sich da jemand an, langsam und ein bisschen schwerfällig. ‚So geht ein alter Mensch, kein junger‘, überlegte sie. ‚Wer mag das sein?‘ Und schon raunte sie ihrem Freund zu: „Psst, Rußschwarzchen, ich höre jemand, der will sich vielleicht anschleichen. Schnell, wir müssen uns verstecken.“
„Verstecken?“, fragte der Junge viel zu laut zurück. „Sollen wir Verstecken spielen? Warum denn? Ich mag lieber was anderes spielen. Vielleicht Fangen?“
„Leise, um Gottes Willen!“, versuchte das blinde Mädchen ihn noch zu warnen, aber zu spät. Die Person, die da näher kam, hatte sie schon entdeckt.
„Na ihr zwei, was macht ihr denn da im Wald?“ Die fremde Stimme klang ein bisschen heiser, aber nicht unfreundlich. Langsam drehten sich Rosenblau und Rußschwarzchen um, und wie er es gewohnt war, beschieb der Junge für seine blinde Freundin sofort, was er sah: „Da kommt eine alte Frau, sie lächelt lieb. Ich kenne sie nicht. Einen alten Kittel hat sie an, mit einer geflickten Schürze. Und ein paar trockene Äste hat sie dabei. Bestimmt sammelt sie Holz, das muss ich für Mama auch manchmal machen.“
„Guten Tag“, grüßte Rosenblau unsicher die Unbekannte.
„Bist du blind, Mädchen?“, fragte die Alte.
„Ja, woher wissen Sie das?“ Rosenblau war erstaunt, denn wer es nicht wusste, konnte das normalerweise nicht sofort erkennen.
„Du hältst deinen Kopf schief, um mit den Ohren besser die Richtung hören zu können, aus der ich spreche, Und schaust nur ungefähr zu mir her,“ erklärte die Frau, offenbar lächelte sie dabei, zumindest klang das so. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Habt ihr vielleicht ein bisschen zu essen für mich? Ich bin arm und habe so Hunger.“
„Wir haben selber Hunger,“ gab Rußschwarzchen zur Antwort. „Aber da vorne wachsen so schöne Brombeeren.“
„Ja, die sehe ich, die sehen sehr lecker aus. Aber an die, die oben hängen, komme ich nicht dran, und zu den tief hängenden kann ich mich nicht hinunterbücken. Wollt ihr mir helfen?“
„Ja, gerne!“ Rußschwarzchen half immer, wenn er es konnte.
„Halt!“, rief Rosenblau dazischen. „Die Brombeeren sollten wir lieber nicht anfassen. Jetzt ist doch Mai, da sind Brombeeren noch gar nicht reif. Mit denen stimmt etwas nicht. Vielleicht sind sie verzaubert.“
„Hmmm, da habt ihr Recht“, entgegnete die alte Frau, „Ihr seid klug, und zu den Räubern gehört ihr bestimmt nicht. Ich habe euch nur gefragt um euch zu testen.“ Sie kicherte ein bisschen, dann erklärte sie, dass sie selbst eine Hexe sei, weshalb sie auch den bösen Zauber in den Brombeeren sehen könne. Sie sei aber eine gute Hexe und wolle den beiden Jugendlichen gerne zur Seite stehen.
Rosenblau fiel ein Stein vom Herzen. Von Anfang an hatte sie bei der Stimme der Alten ein gutes Gefühl gehabt, was sie jetzt sagte, passte dazu. Da erzählte das blinde Mädchen der guten Hexe von dem gefangenen Prinzen, den Räubern und der Belohnung. Und die Hexe hatte gleich eine Idee: Sie wusste, dass bei den Räubern eine böse, junge Hexe war, die die Brombeeren verzaubert hatte. Und die wollten sie nun mit ihren eigenen Waffen schlagen. Also zauberte die gute Hexe einen wunderbar duftenden Brombeerkuchen herbei, mit genau diesen Zauberbrombeeren. Das ging ganz einfach, sie musste nur den richtigen Zauberspruch aufsagen. Schon stand auf dem Waldboden direkt vor dem Brombeergestrüpp, hinter dem sich der Eingang zur Räuberhöhle befand, ein Teller, darauf war schön angerichtet und mit Puderzuker bestäubt ein Kuchen, bei dessen Anblick jedem sofort das Wasser im Mund zusammenlief. Aber wer genau hinsah, konnte bemerken, dass nur noch die Hälfte der Brombeeren an den Zweigen hingen.
Die alte Frau, Rosenblau und Rußschwarzchen hatten sich kaum in einem anderen Gebüsch gegenüber versteckt, da kamen schon die Räuber aus der Höhle. Der Kuchen verströmte nämlich einen so herrlichen Duft, eine Verlockung, der sich kein Räuber entziehen konnte. Die schwarz gekleideten, unrasierten und ungewaschenen Unholde stürzten sich auf den Kuchen, jeder von ihnen wollte so viel wie möglich davon ergattern. In Windeseile stopfte sich jeder in den Mund, was er fassen konnte. Je weniger vom Kuchen übrig war, desto mehr stritten und prügelten sich die Männer, zuletzt lagen sie auf dem Bauch im Kreis um den Kuchenteller herum und versuchten, die letzten Brösel aufzuschlecken, während sie sich gleichzeitig mit den Fäusten bearbeiteten. Und dann blieben sie gleich so liegen und schnarchten. Die Zauberbrombeeren ließen alle in einen tieften Schlaf fallen.
Alle, nur leider nicht die junge Hexe. Die war mit ihren Räubern aus der Höhle gerannt, hatte aber den Zauber im Kuchen bemerkt. Also schimpfte sie und brüllte die Räuber an, den Kuchen nicht anzurühren, aber vergebens. Als jetzt alle Räuber laut schnarchten, blickte sie sich suchend um. Irgendwo musste eine andere Person sein, die zaubern konnte.
Sofort entbrannte ein wilder Zauberkampf zwischen den beiden Hexen. Jede versuchte, die andere mit ihrer Zauberkraft zu besiegen, aber beide waren ungefähr gleich stark. Keine konnte die andere bannen, so sehr es jede auch versuchte. Beide zitterten von der Anstrengung, mit der sie sich gegenseitig in Steine verwandeln wollten.
Rosenblau und Rußschwarzchen verharrten eine Weile still, dann flüsterte der Junge: „Das klappt nicht. Beide Hexen sind gleich stark. Das ist wie letzte Woche, als ich mit Hans bei uns im Dorf Armdrücken gemacht habe. Da hat auch keiner gewonnen.“
„Was ist mit den Räubern?“, fragte sie ebenfalls flüsternd, „sind die noch da?“
„Ja, aber sie schnarchen alle,“ antwortete Rußschwarzchen.
„Dann schnell, führ mich in die Räuberhöhle. Drin ist es vermutlich dunkel, aber das macht für mich ja keinen Unterschied. Da werde ich mich schon zurechtfinden.“
Der Junge fragte nicht lange. Schon betraten die beiden die Höhle. Mit den Händen tastete sich Rosenblau an den Höhlenwänden entlang, während sie behutsam ihre Füße aufsetzte. Bald blieb sie stehen. „Hier ist jemand, ich höre das Atmen. Aber von unten, er liegt auf dem Boden.“ Sie ging in die Hocke und ertastete eine am Boden liegende Gestalt, mit vornehmer Kleidung, das spürte sie am Stoff, ein junger Mann, der nach einem edlen Parfüm duftete: der Prinz, der gefesselt und geknebelt da lag. Ihre geschickten Finger brauchten keine Minute, um die Knoten der Fesseln zu lösen, und wiederum wenige Minuten später traten sie alle zusammen aus der Höhle hinaus.
Dort tobte der Hexenkampf noch immer. Nur leider schienen der alten Frau langsam die Kräfte auszugehen, sie sank immer mehr in die Knie. Die junge Hexe triumphierte: „Gleich hab ich dich! Jetzt zaubere ich dir die Zauberkräfte weg, dann bist du verloren. Ene, mene, eins, zwei drei, mit allem Zauber ist’s vorbei! Hexhex!“
Im gleichen Moment fiel die alte Frau kraftlos nieder. Aber der jungen Hexe ging es nicht anders. Auch sie stürzte – hatte sie doch ihren Zauberspruch falsch formuliert: Mit diesem Spruch hatte sie jeglichen Zauber auf der ganzen Welt ausgelöscht.
Rußschwarzchen sprang sofort herbei und packte die böse Hexe. Er begriff zwar nicht alles, aber dass die böse war, das hatte er längst begriffen. Er war jung und kräftig, unter seinem Griff hatte sie keine Chance. Der Prinz hingegen wandte sich sofort den am Boden liegenden Räubern zu. Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte er mit jeder Hand einen Räubersäbel gepackt, und als die Räuber jetzt langsam erwachten (weil ja der Schlafzauber auch erloschen war), wagte keiner von ihnen aufzustehen, stand doch der Prinz mit den Säbeln bewaffnet drohend über ihnen, genau in der Mitte, auf dem Teller, auf dem noch kurz zuvor der Brombeerkuchen gewesen war.
Rosenblau holte die Stricke, mit denen zuvor der Prinz gefesselt gewesen war, aus der Höhle, und schon waren alle Bösewichte einschlißeßich der jungen Hexe an der Flucht gehindert. Dann geleiteten die Retter gemeinsam den Prinzen zum Schloss seines Vaters. Dort erhielten Rosenblau, Rußschwarzchen und die alte Frau zusammen die versprochene Belohnung, und dann bat der Prinz das schöne Mädchen auch noch, seine Frau zu werden.
Rosenblau aber lehnte ab, sie konnte einfach nicht vergessen, dass der Prinz ihre Ungeschicklichkeit für Dummheit gehalten hatte. Außerdem hatte sie ihr Herz längst dem liebevollen Nachbarsjungen Rußschwarzchen geschenkt, dessen Verstand zwar langsam arbeitete, auf dessen Herz sie sich aber immer verlassen konnte. Zusammen mit der alten Hexe, die ja auch keine Zauberkräfte mehr besaß, lebten sie nun glücklich und zufrieden in dem kleinen Bauerndorf, und der Belohnung wegen sogar in bescheidenem Wohstand. Alle im Dorf achteten und bewunderten sie jetzt sogar.
Nun wissen wir also, warum es heute keine Hexen- und Zauberkräfte mehr auf der Welt gibt.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 4a der Grundschule Pullach

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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