Klasse 4a der Grundschule an der Astrid-Lindgren-Straße, München (Schuljahr 2018/2019)

… Rosenblaus Ohren waren sehr gut trainiert, stets hörte sie die leisesten Geräusche, denn hauptsächlich der Hörsinn musste ihr ja das fehlende Augenlicht ersetzen. Deshalb vernahm sie die sich nähernden Geräusche schon, als sie noch weit entfernt waren. ‚Da kommt jemand‘, fuhr es ihr durch den Kopf. ‚Ich höre Schritte. Oder nein, es muss ein Pferd sein, so hören sich Pferdehufe auf weichem Waldboden an. Ein einzelnes Pferd, keine Gruppe von Reitern…‘ Sofort berichtete sie Rußschwarzchen flüsternd von ihren Überlegungen, dann fügte sie hinzu: „Wir sollten uns besser verstecken. Aber nicht bei diesen Brombeeren. Die haben bestimmt Dornen, und außerdem ist da etwas sehr seltsam: reife Brombeeren kann es im Mai nicht geben. Siehst du noch ein anderes Versteck?“
Mit Verstecken kannte sich der Nachbarsjunge aus, das Versteckspiel mochte er gerne. Unzählige Male hatten sie als Kinder Verstecken gespielt, auf diese Weise hatte sie gelernt, wann sie für andere sichtbar war und wann nicht. Da sie ja schon seit ihrer Geburt blind war, war es für sie anfangs schwierig sich vorustellen, dass andere sie entdecken konnten, obwohl sie sich absolut lautlos verhielt. Aber jetzt konnte sie die Übung, die sie durch die Kinderspiele gewonnen hatte, gut nutzen. Auch wusste sie, dass sie sich auf ihren Freund verlassen konnte: er würde sie zum besten Versteck führen, das es hier gab.
So kauerten sich beide schon wenige Augenblicke später hinter einen großen Felsen auf der anderen Seite des schmalen Weges. ‚Findlinge‘ nennt man solche Steine, die ausssehen, als ob ein gewaltiger Riese im Wald mit ihnen Fußball gespielt hätte. Von diesem Versteck aus konnten sie beobachten bzw. belauschen, was geschah.
Tatsächlich kam ein Pferd langsam und zielstrebig näher. Das Mädchen vernahm mehrmals das Geräusch von Schnauben und sich blähenden Nüstern, und Rußschwarzchen pfiff leise bewundernd durch die Zähne, als er das edle Zaumzeug bemerkte. Jetzt schien das Pferd vor dem Brombeergestrüpp stehen zu bleiben, ein Huftritt, Knacken von Holz, dann ein Rumpeln, das sogar den Erdboden ein wenig zittern ließ. „Was ist das?“, flüsterte das Mädchen, und Rußschwarzchen, der es natürlich nicht unterlassen konnte, hinter dem Findling vorzulugen, gab ebenso leise zurück: „Das Pferd ist aber klug. Es hat eine Art Hebel heruntergetreten, und plötzlich hat sich der Brombeerstrauch bewegt. Wie wenn er unsichtbar zur Seite geschoben worden wäre. Dahinter ging eine große Holztür auf…“
„Ein Geheimgang!“ Jetzt musste sich sogar Rosenblau beherrschen, um vor Aufregung nicht zu laut zu sprechen. „Bestimmt ist hier die Räuberhöhle. Erzähle mir weiter!“
Der Nachbarsjunge berichtete, dass das Pferd langsam und vorsichtig in die sich öffnende Höhle hineinschritt. Es schien sich gut auszukennen. Aber bald darauf entstand ein Tumult in der Höhle, das Pferd galoppierte wieder heraus, gefolgt von mehreren Männern, die brüllten: „Wie kommt das Pferd des Prinzen hier herein?“– „Schnell, wir müssen es einfangen.“ – „Du da, geh mal auf die andere Seite!“ Dann fuhr eine gebieterisch Frauenstimme dazwischen: „Das Pferd kann die Geheimtür ja nicht aufgemacht haben. Wir müssen schnell raus, vielleicht hat uns jemand entdeckt. Nehmt eure Waffen mit, die machen wir fertig!“
„Soll niemand den Prinzen bewachen?“, fragte einer der Männer, und die Frau, die vielleicht die Anführerin war, entgegnete: „Nein, der ist gut gefesselt, der entkommt uns nicht. Schnell, Männer!“ Trampelnd rannten die Männer – es waren bestimmt die Räuber – hinter dem Pferd her, das aber schon ein gutes Stück davongelaufen war.
Rosenblau überlegte: Hier war offenbar die Räuberhöhle, in der der Prinz gefangen gehalten wurde. Jetzt war die Türe offen, die Räuber waren anscheinend nicht da. Ob auch diese Anführerin mit hinausgerannt war? Vielleicht war es die einzige Chance, aber sie mussten sehr vorsichtig sein! Ihrem Freund musste sie nur wenge Worte zuflüstern, schon begriff der, worum es ging. War sein Denken manchmal auch zäh wie Fichtenharz, wenn es darauf ankam, verstad er oft erstaunlich schnell. Er führte sie ins Innere der Höhle, je weiter sie hineinkamen, umso langsamer wurde er, weil er im Dämmerlicht immer weniger sehen konnte. Dann übernahm Rosenblau die Führung, für sie machte die Dunkelheit ja keinen Unterschied. Schon nach kurzer Zeit hörte sie gepresste Atemgeräusche von der Höhlenwand gegenüber. Sie zog die Luft tief in die Nase, dann wusste sie, wer dort war: der Prinz! Sie hatte den Duft seines Parfums wiedererkannt. Mit wenigen Schritten waren die zwei bei ihm, der sich sehr wunderte, wie schnell die geschickten Hände des Mädchens trotz der Finsternis seine Fesseln zu lösen vermochten.
Doch gerade als sie gemeinsam fiehen wollten, hörten sie, wie die Räuber zurückkehrten. Die Frauenstimme schimpfte: „Zu blöd, das Pferd ist uns entkommen. Dafür hätten wir viel Geld kriegen können. Aber sonst war niemand da. Das Pferd muss sich irgendwie losgerissen haben. Und es muss recht klug sein, weil es sich den Hebel gemerkt hat, mit dem die Geheimtür zur Höhle aufgeht. Beim nächsten Mal müsst ihr Blödmänner besser aufpassen. Ihr seid ja so dumm, ihr könnt nicht einmal ein Pferd richtig anbinden.“ Bei den letzten Sätzen war ihre Stimme lauter und noch wütender geworden.
Unterdessen wisperte der Prinz: „Das ist die Chefin der Räuber, eine Hexe. Sie hat auch die Brombeeren hergezaubert, ich habe gehört, wie sie damit geprahlt hat. Aber ich weiß einen Ausweg: es gibt einen zweiten Geheimgang, der nicht gesichert ist. Kommt!“ Gerade noch rechtzeitig, bevor die Räuber in die Höhle stapften, verschwanden die drei in die entgegengesetzte Richtung durch einen schmaklen Gang. Dort mussten sie auf allen Vieren kriechen – ein Glücksfall für das blinde Mädchen, denn auf diese Weise konnte sie sich gut fortbewegen.
Ab dann ging alles ganz einfach: Bald erreichten sie das Freie (sie merkte es an der frischen Waldluft), dann wanderten sie gemeinsam durch den Wald, wobei sie die Wege mieden und lieber durch das Dickicht krochen. Denn auf den Wegen würden sie vielleicht die Räuber suchen. Diese mussten die Flucht des Prinzen längst entdeckt haben. So kamen sie zu einer Waldlichtung, auf der plötzlich das Schnauben eines Pferdes erklang: das Pferd des Prinzen! Das treue Ross trug die drei dann auf schnellstem Weg zum Schloss, von wo aus der Prinz seine Ritter in den Wald schickte, um alle Räuber und die Hexe gefangen zu nehmen.
Hierfür hatte Rosenblau einen entscheidenden Tipp: Sie erinnerte sich, dass die älteste Großmutter im Dorf vor Jahren einmal erzählt hatte, man könne Hexenkräfte mit einem Kranz aus Efeublättern stoppen. So gelang es auch, die Hexe einzusperren.
Der König war überglücklich über die Rettung seines Sohnes und wollte die beiden Jugendlichen gerne belohnen, aber der Prinz unterbrach ihn. Er fiel vor Rosenblau auf die Knie und bat sie um Verzeihung dafür, dass er sie wegen ihrer Blindheit, die er für Ungeschicklichkeit gehalten hatte, ausgelacht hatte. Und noch inständiger bat er sie, seine Frau zu werden.
Rosenblau hingegen schüttelte lächelnd den Kopf: „Ihr Antrag ehrt mich sehr, königliche Hoheit, und ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit und Gunst. Doch muss ich ablehnen, denn mein Herz hat sich längst entschieden. Rußschwarzchen ist seit jeher für mich da, er unterstützt mich nicht nur bei den Dingen, die ich alleine nicht kann, es ist viel mehr: Noch nie habe ich jemanden getroffen, der meine Unzulänglichkeiten so akzeptiert wie er, und der so behutsam und liebevoll zu mir ist. Wenn ich jemanden heiraten will, dann nur ihn.“
„Natürlich heiraten wir“, platzte der Junge heraus, „das war doch immer schon klar! Und zur Hochzeitsfeier gibt es Kuchen und Weihnachtsplätzchen!“
Der Prinz besann sich kurz, dann verbeugte er sich galant vor Rosenblau: „Vor einer solchen Liebe kann ich nur den Hut ziehen, du schönes Mädchen! Aber ihr würdet mir eine Freude machen, wenn ihr mir erlaubt, den 1000 Goldtalern, die mein Vater euch schon versprochen hat, noch etwas hinzuzufügen. Wollt ihr hier bei uns im Schloss leben? Und wollt ihr mir die Ehre erweisen, mich als euren Freund zu betrachten und mit „du“ statt mit „Hoheit“ anzusprechen? Eure Hochzeit wollen wir auch hier im Schloss feiern.“
Als dieses Fest sieben Wochen später im Schloss stattfand, waren auch viele Bauern und Bäuerinnen aus dem Dorf eingeladen. Die entschuldigten sich mit unbeholfenen Worten bei Rosenblau und Rußschwarzchen dafür, dass sie sie so oft ausgelacht hatten.
Der Prinz, Rosenblau und Rußschwarzchen lebten lange und unbeschreiblich glücklich. Noch heute spricht man in dem armen Bauerndorf nur in größter Bewunderung von alldem.

© 2018 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 4a der Grundschule an der Astrid-Lindgren-Straße, München

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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