Klasse 3e der Grundschule St. Lantbert, Freising (Schuljahr 2017/2018)

… „Psst, sei mal leise!“ Das blinde Mädchen musste diese Worte nicht einmal flüstern, nur hauchen, schon begriff ihr Freund, dass es gefährlich wurde. Mucksmäuschenstill war er und hielt den Atem an. Auch wenn in seinem Kopf meist eine Art dicker Nebel waberte, durch den sich die Gedanken nur langsam und schwerfällig arbeiten konnten, spürte er oft intuitiv, was zu tun war. Auch Rosenblau verharrte regungslos und lauschte. Die Schritte, die sich langsam auf dem gleichen Weg näherten, auf dem die beiden gekommen waren, stammten von einer einzelnen Person, vermutlich schon recht alt, denn sie bewegte sich etwas schwerfällig und hob die Füße kaum über den Boden. Mit den Geräuschen unterschiedlicher Schritte hatte sie viel Erfahrung. Ob da ein alter Räuber kam? Oder jemand anderes? Sie durften kein Risiko eingehen. Jetzt waren die Schritte bestimmt noch weit genug entfernt. Sie erinnerte sich, dass der Weg vor diesem Brombeergestrüpp eine Biegung machte, diese Person musste noch dahinter sein. Also fasste sie einen Entschluss. „Schnell, wir müssen uns verstecken. Geht das bei diesen Brombeeren?“
„Ja, komm!“ Rußschwarzchen fragte nicht lange, er griff einfach nach ihrer Hand und zog sie sanft zur Seite und nach unten. Die beiden kannten sich so gut, seit sie denken konnten, waren sie sich die liebsten Freunde. So hatten sie eine ganz eigene Technik entwickelt, mit der sie sich zusammen gut fortbewegen konnten: Der Junge benutzte dabei ihre Hand wie ein Steuer, hielt sie sanft fest und drückte sie jeweils nur leicht in die Richtung, in die sie gehen sollte. Und das Mädchen wusste, dass sie sich auf ihren Freund verlassen konnte, der immer und mit viel Gespür für sie „schaute“.
Auf diese Weise krochen die beiden seitlich hinter die Brombeerzweige, die weit bis zum Boden herabhingen. Von der Seite kam man ganz leicht dahinter, dort war mehr Platz, als sie gedacht hatte. Und dass sich das Mädchen dabei nicht an den Brombeerdornen verletzte, dafür sorgte ihr umsichtiger Freund, indem er manchmal schützend seine Hand über die ihre legte. Zum Glück kamen die Schritte nur langsam näher, hielten mehrmals inne, wie bei jemandem, der etwas sucht. Bestimmt waren die beiden noch nicht entdeckt.
Aber was war da? An ihrer Wange und am Arm spürte Rosenblau einen Luftzug, der irgendwie hinter den Brombeeren hervorkam. Vorsichtig tastete sie mit der freien Hand, die nicht von Rußschwarzchen gehalten wurde, denn die Verbindung mit ihm wollte sie keinesfalls abreißen lassen. Der Boden hinter den Brombeeren bestand aus Steinen und Erde und führte steil nach oben, da musste eine Art Hügel sein. Aber sie konnte eine felsige Öffnung spüren, aus der der Luftzug kam: eine Höhle, vielleicht die Räuberhöhle?
Nun bogen die Schritte anscheinend um die Kurve, man musste die Person sehen können. „Wer kommt da?“, wisperte sie.
Ihr Freund antwortete ebenso leise: „Ein alter Mann mit einem langen, grauen Bart. Er hat einen hohen, spitzen Hut und einen blauen Mantel mit Sternen drauf. Das muss ein Zauberer sein. Jetzt bleibt er stehen und schaut direkt zu uns her. Hat er uns gesehen? Das kann nicht sei…“
„Ssst!“, machte Rosenblau nur. Sie hatte genug gehört, in ihrem Kopf arbeiteten fieberhaft die Gedanken. War der Zauberer gut oder böse? Gehörte er vielleicht zu den Räubern? Dann musste sie verhindern, dass er merkte, dass sie diese Höhle entdeckt hatten. In dem Versteck bleiben konnten sie auch nicht, denn die Räuber könnten ja jederzeit aus der Höhle kommen. Die beiden saßen in einer richtigen Zwickmühle. Wenn es möglich wäre, hätte sie einfach die Zeit angehalten, aber das konnte sie ja leider nicht. „Komm, wir sprechen mit ihm“, flüsterte sie schließlich, und Rußschwarzchen fragte wieder nicht, sondern handelte. Ebenso geschickt wie vorhin dirigierte er sie hinter den Brombeeren hervor. Der alte Mann blieb stehen und blickte ihnen ruhig entgegen.
„Guten Tag“, sprach Rosenblau nun mit so fester Stimme wie möglich, wobei sie den Kopf ungefähr in die Richtung hielt, aus der sie die Schritte zuletzt gehört hatte.
„Wer seid ihr und was macht ihr hier?“ Die Stimme des Zauberers klang tief, aber nicht krächzend, irgendwie beruhigend.
„Wir suchen den Pr…“, platzte Rußschwarzchen heraus, aber das Mädchen unterbrach ihn sofort: „Wir sind in den Wald gegangen. Das machen wir manchmal, wenn unsere Eltern uns zum Beerensammeln schicken. Wir kommen aus dem kleinen Dorf, nicht weit von hier.“ Rosenblau war klug genug, den Zauberer nicht anzulügen. Wort für Wort sagte sie die Wahrheit. Sie verschwieg nur, dass sie auf der Suche nach dem Prinzen und den Räubern waren.
„Mir könnt ihr ruhig die ganze Wahrheit sagen,“ entgegnete der Zauberer. „Ich weiß nämlich immer, was in den Herzen der Menschen vorgeht. Ihr seid auf der Suche nach dem Prinzen, weil ihr helfen wollt. Ihr seid gute Kinder, das sehe ich.“ Na ja, eigentlich waren sie keine Kinder mehr, beide schon 17 Jahre alt, aber für den alten Zauberer waren sie bestimmt noch sehr jung. „Gehen wir ein Stück auf diesem Weg zurück“, fuhr er fort, „da gibt es einen umgestürzten Baumstamm, darauf können wir uns setzen und uns in Ruhe besprechen. Mädchen, du bist blind, nicht wahr?“
„Woher wissen Sie das?“ Rosenblau war verwundert, denn die meisten Menschen sahen ihre Behinderung nicht sofort. Konnte dieser Zauberer wirklich Gedanken lesen?
Er lächelte (und das Lächeln konnte sie in seiner Stimme hören): „Dazu muss man keine Gedanken lesen. Du hältst den Kopf immer ein bisschen schief, um besser die Richtung eines Geräuschs unterscheiden zu können. Und du schaust beim Sprechen zwar ungefähr in meine Richtung, blickst mich aber nie an. Normalerweise würde ich dir anbieten, meinen Arm zur Orientierung zu nehmen, aber das ist nicht nötig, dein Freund kann das besser als ich.“
Wenige Augenblicke später saßen alle drei neben einander auf dem Baumstamm. Dort erfuhren Rosenblau und Rußschwarzchen, dass es bei den Räubern auch eine Hexe gab, die vermutlich diese seltsamen Brombeeren hergezaubert hatte, welche es im Mai nicht geben konnte. Aber die Hexe war eigentlich gar keine. Einer von den Räubern hatte dem Zauberer einen Zaubertrank gestohlen und sich damit in die Hexe verwandelt. Der Zauberer war gekommen um den Zauber mit einem geheimen Spruch rückgängig zu machen, das funktionierte aber nur, wenn zwei Menschen die Hexe unterdessen festhielten. Mit Hilfe der beiden Jugendlichen könnte es gelingen. Wo aber waren die Räuber? Das wusste der Zauberer leider nicht, nur dass sie in diesem Wald waren. Und dass sie den Prinzen gefangen hielten, davon hatte er auch gehört.
Diese Wissenslücke konnte nun Rosenblau schließen. Sie war sich sicher, dass sie hinter den Brombeeren den Eingang zur Räuberhöhle entdeckt hatten. Dann wurden nur noch wenige Worte gewechselt, schon hatten sie einen Plan geschmiedet.
Mit magischen Handbewegungen zauberte der Alte einen Sack mit Goldstücken herbei, den sie umgekippt auf den Weg vor die Brombeeren legten, damit man das Gold sofort sehen konnte. Dann versteckte sich Rußschwarzchen in der Nähe und brüllte aus Leibeskräften: „Oh Mann, da ist Gold! Schnell, das holen wir uns!“ Der Junge spielte seine Rolle bravourös, obwohl er sich das Lachen nur schwer verkneifen konnte.
Die Räuber hörten das Geschrei und stürzten aus der Höhle, wobei sie sich rempelten und gegenseitig stießen, denn jeder wollte das meiste Gold ergattern. Auch die Hexe rannte mit, in der Eile hatten alle vergessen, ihre Gesichter mit schwarzen Tüchern zu verhüllen. Und da sie die einzige Frau bei den Räubern war, wusste Rußschwarzchen sofort, zu wem er Rosenblau führen musste. Noch während die Räuber und die Hexe sich um die Goldstücke prügelten, traten die beiden Jugendlichen neben die Hexe und berührten sie an der Schulter. Die blickte überrascht auf, aber schon rief der Zauberer seinen geheimen Spruch – die Hexe verwandelte sich in einen Räuber zurück. Ein zweiter Zauberspruch scholl durch den Wald, sofort erstarrten alle Räuber zu Stein. Wie Statuen standen oder lagen sie im Wald, mit von Gier entstellten Gesichtern.
Natürlich zögerten die drei Prinzenretter nicht: Sekunden später standen sie bereits in der dunklen Räuberhöhle, und hier war die blinde Rosenblau diejenige, die am wenigsten Schwierigkeiten hatte. Als sie den Prinzen gefunden hatten, tastete sie mit geschickten Händen nach seinen Fesseln und löste die Knoten der Stricke. Für sie machte die Dunkelheit ringsumher keinen Unterschied.
Sobald sie mit dem Prinzen wieder ans Tageslicht getreten waren, erkannte er in ihr auch das schöne Mädchen, das er tags zuvor im Dorf gesehen hatte. Er fiel vor ihr auf seine Knie und bat sie, seine Frau zu werden. Sie aber lachte: „Erst bringen wir Sie zurück ins Schloss, königliche Hoheit!“
Im Schloss angekommen, schickte der Prinz unverzüglich seine Ritter in den Wald, um die noch immer versteinerten Räuber festzunehmen. Der Zauberer erklärte nämlich, dass der Zauber nur für eine begrenzte Zeit wirksam war. Dann schloss der König seinen Sohn glücklich in die Arme, und der Prinz stellte ihm seine Retter vor, wobei er bei Rosenblau anmerkte: „In ihr habe ich auch die Frau gefunden, die meine Prinzessin werden soll.“
Der König blickte das blinde Mädchen fragend an, die den fragenden Blick zwar nicht sah, aber spürte: „Das wäre mir eine große Ehre und Freude“, gab sie zur Antwort. „Aber nur, wenn mein bester Freund Rußschwarzchen die gesamte Belohnung alleine bekommt. Denn ich habe dann alles, was ich will.“
Der König nickte lächelnd, Rußschwarzchen jedoch widersprach: „Nein, ich will nur die Hälfte der Belohnung. Die andere Hälfte soll der Zauberer kriegen. Ohne ihn hätten wir es nie geschafft. Und die Hälfte von den ganzen Weihnachtsplätzchen, die es zur Belohnung gibt, reicht für mich auch.“
Der Zauberer lachte: „Mein junger Freund, zur Belohnung gibt es keine Weihnachtsplätzchen, sondern 1000 Goldtaler. Aber wenn du gerne Plätzchen magst, dann lade ich dich ein, mit mir zu kommen. In meinem Haus backen wir gemeinsam Plätzchen, so oft du magst. Die könnte ich zwar auch zaubern, aber das Backen macht viel Spaß. Und duftet so gut.“
„Uiii, ja!“ Rußschwarzchen war begeistert. Und er durfte mit dem Zauberer nicht nur backen: Dieser hatte längst erkannt, welche Fähigkeiten in dem Jungen steckten. Also nahm er Rußschwarzchen als Gehilfen bei sich auf, der langsam aber stetig das Zaubern von ihm lernte. Und weil er wusste, dass der Junge ein Herz wie aus Gold hatte, war er sich auch sicher, dass er die Zauberkräfte nur für gute Zwecke einsetzen würde.
Rosenblau und der Prinz heirateten bald, lebten glücklich im Schloss und besuchten den Zauberer und Rußschwarzchen oft im Zauberhaus. So lebten alle lange, glücklich und zufrieden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

© 2018 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 3e der Grundschule St. Lantbert, Freising

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.