Klasse 3c der Grundschule Pullach (Schuljahr 2017/2018)

… Leider konnte das blinde Mädchen nicht sehen, dass zu diesem eigenartigen Brommbeerstrauch von der anderen Seite auch ein größerer Weg führte. Sie und ihr Freund waren auf einem schmalen Pfad gekommen, der sich durch den Wald schlängelte. Hier traf dieser Pfad auf einen geraden, breiten Weg, auf dem sich nun Pferde mit Reitern näherten. Allerdings nicht in schnellem Galopp, sondern nur im langsamen Schritt, weshalb diese Geräusche auf dem weichen Waldboden auch nicht sehr laut waren.
Rosenblau hörte die Pferdetritte zwar mit ihren gut trainierten Ohren, doch leider erst relativ spät, hatte sie doch mit größter Mühe ihren Freund Ruß-schwarzchen davon abgehalten, diese Brombeeren zu essen. Brombeeren im Mai – da konnte etwas nicht stimmen! Nur war ihre Aufmerksamkeit dadurch so gefordert, dass sie die nahenden Pferde erst jetzt bemerkte. „Rußschwarzchen, da kommen Pferde. Wer ist das?“, flüsterte sie noch.
Aber es war zu spät. Die Reiter hatten die beiden Jugendlichen vor dem Brombeerstrauch längst gesehen. „He, ihr da!“, rief nun eine Männerstimme streng. „Was tut ihr hier? Steht uns Rede und Antwort, wir sind die Ritter des Königs!“
Rosenblau war sehr erleichtert. Die Ritter des Köngs – bestimmt waren sie ebenfalls auf der Suche nach dem Prinzen. Ihr Freund Rußschwarzchen schien den gleichen Gedanken zu haben, denn er rief den Rittern ziemlich respektlos entgegen: „Wenn ihr auch den Prinzen sucht, dann sucht nicht hier, sondern anderswo. Hier suchen wir, denn wir wollen die Belohnung kriegen. Die Belohnung, das sind nämlich Weihnachtsplätzchen. Weihnachtsplätzchen sind die beste Belohnung auf der Welt, und für einen Prinzen muss es ja so eine leckere Belohnung geben. Also geht weg und lasst uns hier suchen!“
„Sag einmal, Bürschchen, wie sprichst du eigentlich mit den königlichen Rittern? Dir werde ich gleich ein wenig Anstand lehren!“ Einer der Ritter schien ziemlich erbost, er drohte Rußschwarzchen mit der Reitpeitsche.
Rosenblau aber trat schnell nach vorne. „Bitte, Euer Gnaden“, rief sie, wobei sie keine Ahnung hatte, ob sie den Ritter auf korrekte Weise ansprach, „Rußschwarzchen meint das nicht so. Er ist manchmal, na ja, er versteht nicht immer alles, aber er hat ein sehr gutes Herz. Sicher sind Sie hier, weil Sie den Prinzen befreien wollen. Das möchten wir auch. Ich vermute, dass mit diesen Beeren etwas nicht stimmt. Aber ich kann es nicht sehen, ich bin nämlich blind. Bitte, sehen Sie sich die Beeren an. Sind das wirklich Brombeeren? Jetzt im Mai?“
Inzwischen waren alle Ritter bei ihnen angelangt. Einer beugte sich vom Pferdesattel aus zu den Brombeeren. Es war nicht der, der vorher mit Rußschwarzchen geschimpft hatte, seine Stimme klang anders. Jetzt murmelte er: „Du hast recht. Die Beeren sehen aus wie Brombeeren. Auch die Zweige und Blätter. Aber reife Brombeeren im Mai – das gibt es nicht. Das habt ihr gut beobach…“ Der Ritter unterbrach sich, und das blinde Mädhen vermutete zunächst, dem Ritter sei es peinlich, in ihrer Gegenwart von „Beobachtung“ zu sprechen, denn beobachten kann sie ja eigentlich nicht. Vielen Menschen ist es peinlich, wenn sie zu einem Blinden gedankenlos ‚Schauen wir mal!‘ oder ‚Wie siehst du das?‘ sagen – wobei viele Blinde diese Redewendungen selbst gerne schmunzelnd gebrauchen. Aber bald merkte Rosenblau, dass sie sich geirrt hatte. Der Ritter fuhr nämlich in sehr ernstem, aber sehr nachdrücklichen Ton fort: „Na ja, bestimmt ist das nur eine neue Sorte. Und hier gibt es nichts weiter zu finden. Kommt alle mit, wir suchen dort drüben weiter. Den Weg zurück, auf dem wir gekommen sind, und dann in der anderen Richtung. Kommt Freunde, und nehmt diese beiden Bauernkinder auch mit!“ Schon wurde Rosenblau von oben an der Schulter gepackt und langsam weggedrängt, Rußschwarzchen erging es nicht anders, das hörte sie an den Schritten neben ihr.
Die Ritter auf den Pferden führten sie ein Stück weit von den Brombeeren fort, doch dann flüsterte einer von ihnen: „Sag mal, Kunibert, spinnst du? Was hattest du auf einmal?“
Der Ritter, der bei dem Wort „beobachten“ gestockt hatte und den die anderen Kunibert nannten, erwiderte: „Hinter diesen Brombeeren hab ich plötzlich eine Gestalt auftauchen sehen. Ein Mann oder eine Frau, das konnte ich nicht erkennen. Mit einem langen schwarzen Mantel und einem schwarzen Tuch vor dem Gesicht. Ich glaube, das ist ein Räuber. Und da die Person auf keinem der Wege hierherkam, muss hinter den Brombeeren noch eine Art Weg sein. Man sieht aber, dass dahinter ein Hügel ist, also glaube ich, dass es in dem Hügel eine Öffnung gibt, eine Höhle oder so etwas. Von dort her muss dieser Räuber gekommen sein. Vielleicht sind wir ganz nahe am Ziel. Bringen wir die Pferde noch um die nächste Wegbiegung und binden sie dort fest. Dann schleichen wir zurück und beobachten das Brombeergestrüpp, bis wir noch mehr Anhaltspunkte haben.“
„Sollen wir die Jugendlichen hier mitnehmen?“, fragte ein anderer.
„Ja“, antwortete Kunibert. „Die sind auf ihre Art klug, und ich will ihnen glauben, dass sie den Prinzen befreien wollen. Wir beschützen sie. Weglaufen dürfen sie jetzt sowieso nicht, sonst sehen die Räuber sie womöglich und sind dann gewarnt.“
Genauso geschah es auch. Rosenblau wagte kein Wort zu sprechen. Auch Rußschwarzchen schien zu spüren, dass sie auf diesen Kunibert vertrauen mussten, der schien die Lage zu überblicken. Schon nach wenigen Minuten waren sie alle in einem dichten Gebüsch versteckt, das blinde Mädchen fühlte die Blätter und Zweige und roch das frische, junge Grün um sie herum. Keiner sprach ein Wort, alle spähten angestrengt nach dem Brombeerbusch. Rosenblau eben auf ihre Art, mit den Ohren. Deshalb konnte sie die Geräusche vieler schwerer Stiefel auch schon vernehmen, als noch niemand die zugehörigen Männer sah. „Psst, da kommt jemand“, flüsterte sie in die Richtung, in der sie den Ritter namens Kunibert vermutete. „Mehrere Leute, wahrscheinlich Männer mit schweren Stiefeln.“ Alle hielten den Atem an.
Die Schritte kamen näher, bald sahen die anderen die schwarz gekleideten Männer, die auf das Brombeergestrüpp zustapften. Rußschwarzchen holte tief Luft, er wollte gerade ‚Da sind die Räuber!‘ rufen, aber das Mädchen drückte kurz und kräftig seine Hand – und er begriff: er musste mucksmäuschenstill bleiben. Wenn der Junge sich auch damit schwer tat, Zusammenhänge zu begreifen, intuitiv tat er oft das Richtige.
Dann hörte man einen der Räuber vor sich hinschimpfen: „Nichts haben wir gefunden, nirgends gibt es etwas zu klauen. Aber wir müssen immer im ganzen Wald herumrennen. Und die faule Hexe hockt gemütlich in unserer Höhle. Mir knurrt der Magen, das kann ich euch sagen! Ich will endlich was zu ess…“ Jetzt stockte er kurz, dann rief er wesenlich fröhlicher: „Da sind Brombeeren, schöne reife Brombeeren. Die gehören mir!“ Schon stürzte er sich auf die süßen Früchte und begann, sich so viel wie möglich in den Mund zu stopfen. Die anderen Räuber brüllten: „Wir auch!“, und schon begannen sie, sich heftig um die Beeren zu zanken, zu streiten, zu prügeln.
Allerdings nicht lange. Sobald einer von ihnen drei Beeren verschlungen hatte, fiel er um und begann zu schnarchen. Ein paar Sekunden später waren alle Räuber eingeschlafen.
Noch ehe die Ritter sich entschließen konnten, ihr Versteck zu verlassen, bemerkten sie erneut eine Bewegung hinter den Brombeeren. Eine einzelne, schwarz gekleidete Gestalt kam zum Vorschein, beugte sich über die Räuber und zeterte mit einer Frauenstimme: „Ihr seid so dumm! Das sind doch die Beeren, die ich hergezaubert habe, um den Eingang unserer Höhle zu schützen. Ihr wisst doch, dass man von meinen Zauberbeeren einen ganzen Tag lang schläft. Aber ihr Blödmänner habt das wohl vergessen. Aufwachen, ihr Trottel!“ Sie musste die Hexe sein, von der der Räuber gesprochen hatte. Nun schüttelte sie einen der schnarchenden Räuber.
„Jetzt!“, gab der Ritter namens Kunibert das Kommando. Mit wenigen Schritten sprangen alle Ritter nach vorne, packten die Hexe und drückten sie zu Boden. Das geschah so schnell, dass sie nicht nach ihrem Zauberstab greifen konnte – und ohne diesen war sie machtlos. Sie und alle schlafenden Räuber wurden gefesselt und sollten ihrer Strafe nicht mehr entgehen.
Aber noch während die Ritter mit der Gefangennahme der Räuber beschäftigt waren, tastete sich Rosenblau flink in die Höhle hinein. Dass es dort dunkel war, machte für sie keinen Unterschied. Bald hörte sie das Geräusch gepresster Atemzüge, sie hatte den gefesselten und geknebelten Prinzen gefunden. Ihre geschickten Finger lösten im Dunkeln die Knoten schneller, als die meisten Menschen dies bei Tageslicht vermöchten.
Nach wenigen Augenblicken trat der Prinz hinter ihr ins Freie. Die Ritter umarmten ihn vor Freude und vergaßen dabei, dass sich so ein Verhalten natürlich nicht schickte. Aber auch das Mädchen wurde gleich umarmt, von ihrem Jugendfreund nämlich, der dabei vorwurfsvoll rief: „Wo warst du denn? Ich hab mir Sorgen gemacht!“
Dann fiel der Prinz vor Rosenblau auf die Knie und bat sie, seine Frau zu werden. Das Mädchen willigte lächelnd ein, aber nur unter der Bedingung, dass Rußschwarzchen die ganze Belohnung allein bekäme.
Dieser strahlte: „Die ganzen Weihnachtsplätzchen allein? Nein, ich teile sie gerne mit dir!“
Der Prinz machte ein sehr verwundertes Gesicht, aber nachdem ihm das Mädchen von Rußschwarzchens großer Vorliebe für Weihnachtsplätzchen erzählt hatte, lachte einer der Ritter, die daneben standen: „Nein, du lieber Junge, du bekommst 1000 Goldtaler zur Belohnung. Aber davon kannst du dir so viele Plätzchen kaufen, wie du dir nur vorstellen kannst.“
„Ich hab einen besseren Vorschlag“, wandte Rosenblau ein. „Rußschwarzchen soll sich von dem Geld lieber ein schönes Haus im Dorf kaufen. Oder in der Nähe vom Schloss. Dort kann er dann immer sorgenfrei leben. Und aus dem Schloss schicken wir ihm jede Woche so viele Plätzchen, wie er mag. Und natürlich soll er uns immer besuchen können.“
So geschah es auch. Rosenblau und der Prinz heirateten, und Rußschwarzchen wurde ein wohlhabender Mann, den alle in der ganzen Gegend schätzten – wegen seines Geldes, aber noch mehr wegen seines stets freundlichen Wesens.
Und so lebten alle lange glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

© 2018 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 3c der Grundschule Pullach

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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