Klasse 3c der Grundschule an der Keilberthstraße, München (Schuljahr 2019/2020)

… Weil Rosenblau es ja gewohnt war, sich immer mit ihrem Gehör zu orientieren, konnte sie die Schritte schon vernehmen, als sie noch weit entfernt waren. ‚Seltsam‘, überlegte sie, ‚da kommen viele Leute, denn ich höre die Schritte von mehreren Personen. Aber sie kommen nicht zielstrebig hierher, sondern gehen langsam und vorsichtig. Anscheinend versuchen diese Leute, möglichst keine Geräusche zu machen. Ob sie etwas suchen?‘ Sie überlegte noch kurz, dann raunte sie ihrem Freund Rußschwarzchen zu: „Dreh dich mal vorsichtig um. Da kommen einige Leute, bestimmt mehr als acht. Aber sie kommen langsam. Ob sie auch den Prinzen suchen? Oder sind es die Bauern aus unserem Dorf, die sich wohl verlaufen haben?‘
Noch während sie sprach, spürte sie, wie sich Rußschwarzchen nach hinten umdrehte. Der Pfad, auf dem sie gekommen waren, machte mehrere Biegungen, an die sie sich genau erinnern konnte. Aber das letzte Stück war eine längere, gerade Strecke. Wenn diese Leute sich so näherten, müsste man sie schon aus einer gewissen Entfernung sehen können.
Da sie wegen des fehlenden Augenlichts keine Bilder in ihrer Erinnerung abspeichern konnte, behielt sie ganz andere Informationen im Gedächtnis. Zum Beispiel, wie ein Weg verläuft und wie es an bestimmten Stellen riecht. Und da andere oft davon sprechen, was sie sehen, konnte sie sich auch ungefähr vorstellen, wann jemand für andere sichtbar war – auch wenn sie sich das Sehen selbst nicht vorstellen konnte, war sie doch schon seit ihrer Geburt blind.
Rußschwarzchen zog sie jetzt ohne ein Wort zu sagen zur Seite, vermutlich wollte er nicht, dass man sie sofort erkennen konnte. Zum Glück weg von diesen eigenartigen Brombeeren, die es jetzt im Mai gar nicht geben dürfte. ‚Rußschwarzchen ist ein Goldschatz!‘, fuhr es ihr durch den Kopf. ‚Auch wenn er mit dem Denken oft seine Schwierigkeiten hat, begreift er viele Dinge intuitiv. Daran, dass wir gesehen werden könnten, hab ich gar nicht gedacht…‘
Schon murmelte ihr Freund ganz leise neben ihr (denn er hatte begriffen, dass sie leise sein mussten): „Da kommen viele Männer, so weit kann ich gar nicht zählen. Aber die Bauern aus unserem Dorf sind es nicht. Die Männer da kenne ich nicht. Sie haben schöne Kleidung an, bestimmt nicht billig.“
Daraus schloss das blinde Mädchen, dass es sich kaum um die Räuber handeln konnte. Vielleicht die Ritter, die ja auch vorhin schon im Dorf gewesen waren, um den Prinzen zu suchen. Sie könnten ihre Pferde irgendwo festgebunden haben, um besser im dichten Wald nach Hinweisen Ausschau halten zu können. „Ich glaube, das sind die Ritter. Die können uns helfen“,flüsterte sie.
Der Junge wandte ein:„Aber von der Belohnung geben wir nichts ab. Wir kriegen die ganzen Weihnachtsplätzchen alleine!“ Er war immer noch fest davon überzeugt, dass die Belohnung, die der König für die Rettung seines Sohnes ausgesetzt hatte, nur aus Weihnachtsplätzchen bestehen konnte. Eine bessere Belohnung konnte er sich einfach nicht vorstellen.
Es dauerte auch nicht mehr lange, bis die Ritter nahe genug herangekommen waren, dass das Mädchen sie ansprechen hätte können. Aber die Männer kamen ihr zuvor: „Ihr zwei da!“, rief einer von ihnen mit einer Stimme, die das Befehlen gewohnt war. „Was macht ihr hier? Wir suchen den Prinzen, habt ihr den…“
Rußschwarzchen fiel ihm ins Wort: „Den suchen wir auch. Wir sind die besten Prinzenretter aus unserem Dorf!“ Rosenblau versetzte ihm einen leichten Rippenstoß, damit er still war, dann übernahm sie das Gespräch. Sie berichtete den Rittern, dass sie wirklich ebenfalls nach dem Prinzen suchen wollten, aber dass sie aufgrund ihrer Blindheit die Unterstützung der Ritter dringend benötigten. Aus Erfahrung wusste sie nämlich, dass sie anderen so früh wie möglich von ihrer Behinderung erzählen musste, da man diese ihr nicht ansah. Nur wenn andere davon wussten, konnten sie auch Rücksicht nehmen. Zuletzt machte sie die Ritter auf die eigenartigen Brombeerbüsche aufmerksam, die da ganz in der Nähe ihre offenbar reifen Früchte in die Luft reckten. Die Ritter fackelten nicht lange: Sie hatten ebenfalls sofort begriffen, dass es reife Brombeeren zu dieser Zeit nicht geben konnte. Also nahmen sie rasch ihre Schwerter zur Hand, die sie am Gürtel mitführten. Mit kraftvollen Hieben droschen sie auf die Brombeersträucher ein, buchstäblich im Handumdrehen lagen die Brombeerzweige wie klein gehäckselt auf dem Boden verstreut. Dahinter zeigte sich nun der Eingang einer Höhle, die zuvor von den Brombeersträuchern verdeckt war und tief hinein in einen hier aufragenden Hügel führte.
Die erstaunten Ritter redeten davon, was sie so entdeckt hatten, aber Rosenblau hatte schon die richtigen Schlüsse gezogen: Das musste die Räuberhöhle sein, in der wahrscheinlich der Prinz gefangen gehalten wurde. Und die Brombeeren waren wohl von einer Art Hexe dorthingezaubert worden. Die Frauen aus dem Dorf hatten ja davon erzählt, dass bei den Räubern eine Frau war, die anscheinend die Wege verzaubert hatte.
Schon schmiedete sie einen Plan, dem die mit bewundernden Blicken lauschenden Ritter sofort zustimmten. Auch Rußschwarzchen war enverstanden, aber nur unter der Bedingung, dass die Ritter ihm kein einziges Weihnachtsplatzchen wegessen dürften – was die Ritter mit einem gütigen Lächeln versprachen.
Dann hieß es erst einmal warten. Der Plan des Mädchens sah nämlich vor, dass sie erst lange nach Einbruch der Dunkelheit, am besten erst mitten in der Nacht beginnen sollten. So lange zu warten bedeutete für Rußschwarzchen eine harte Geduldsprobe. Aber weil die Ritter ihm lauter spannende Geschichten von früheren Kämpfen erzählten, klappte es mt dem Warten. Hierzu aber zogen sich die nun vereinten Befreier des Prinzen auf eine stille Waldlichtung in der Nähe zurück, damit die Räuber sie nur ja nicht entdeckten.
Erst als es späte Nacht war, machte sich das blinde Mädchen ans Werk. Ihr Freund Rußschwarzchen führte sie bis zum Höhleneingang, denn die beiden waren ein gut eingespieltes Team. Ab hier schlich Rosenblau alleine weiter, wobei Rußschwarzchen die wichtige Aufgabe zufiel, als Wache neben dem Höhleneingang zu warten. Erst nachdem ihm von allen anderen im „Rettungstrupp“ versichert worden war, dass dies die zweitwichtigste Aufgabe überhaupt war, erklärte er sich dazu bereit.
Warum ausgerechnet das blinde Mädchen diesen gefährlichen Rettngsversuch unternahm? Weil sie sich im Dunkel der Nacht genauso gut fortbewegen konnte wie im hellen Sonnenschein. Für sie machte die Dunkelheit ja keinen Unterschied.
Aus der Räuberhöhle drang lautes, vielstimmiges Schnarchen – hoffentlich schliefen wirklich alle Räuber. Auf Zehenspitzen tastete sie sich völlig geräuschlos in die Höhle hinein, wobei sie mt den Händen und den Füßen jede Unebenheit im Raum wahrzunehmen versuchte. Hinfallen durfte sie auf keinen Fall, dann würden die Räuber sie sofort entdecken! Je weiter sie in die muffig riechende Höhle vordrang, desto besser konnte sie die Geräusche unterscheiden. Links von ihr hörte man mehrstimmiges, tiefes Schnarchen, das waren bestimmt die Räuber. Etwas seitlich daneben ein leiseres, irgendwie feineres Schrachgeräusch. Sie schnupperte: nein, das Parfum des Prinzen duftete anders. Das hier war eine Frau, die sich aber ungefähr ebenso selten wusch wie die Räuber. Vermutlich die Hexe. Lautlos ging das Mädchen in die Hocke und tastete mit vorsichtigen Fingern. Sie bekam einen dünnen, hölzernen Stab zu fassen, anscheinend mit geschnitzten Symbolen oder Buchstaben verziert, an einer Seite war eine Metallspitze. Das musste der Zauberstab der Hexe sein! Schon nahm das Mädchen diesen an sich und schlich weiter.
Wenige Schritte entfernt hörte sie nochmals Atemgeräusche, die aber dumpfer klangen. Wie wenn ein schlafender in eine Bettdecke atmet – bestimmt der Prinz, den die Räuber wohl gefesselt und geknebelt hatten. Schon huschte sie zu ihm. Mit geschickten Fingern konnte sie auch in der völligen Dunkelheit der Höhle die Knoten der Stricke und des schmutigen Knebeltuchs lösen. Dabei erwachte der Prinz zwar, aber er spürte sogleich, dass ihn jemand zu befreien versuchte, und verhielt sich mucksmäuschenstill.
Das alles dauerte nur ein paar Minuten. Schon tauchte Rosenblau mit dem Prinzen und dem der Hexe geraubten Zauberstab bei ihrem Freund Rußschwarzchen am Höhleneingang auf. Der Junge hätte vor Freude und Erleichterung einen lauten Juchzer ausgestoßen, wenn der Prinz ihm nicht mit einer raschen Handbewegung den Mund zugehalten hätte.
Auch die Ritter waren sofort zur Stelle. Sie umringten glücklich ihren befreiten Anführer. Dieser aber zögerte keine Sekunde: Mit seinen starken Händen zerbrach er den Zauberstab, da er sicher war, der Hexe auf diese Weise die Zauberkräfte nehmen zu können. Daraufhin war es für die Ritter ein Leichtes, alle schlafenden Räuber und die Hexe in ihrer eigenen Höhle gefangen zu nehmen. Der gerechte Köng verurteilte sie später zu langen Kerkerstrafen.
Natürlich eilten alle zusammen auf schnellstem Weg zum königlichen Schloss, wo der Vater des Prinzen sich überglücklich bei Rosenblau und Rußschwarzchen für die Befreiung seines geliebten Sohnes bedankte. Der Prinz aber unterbrach seinen Vater, fiel vor dem blinden Mädchen auf die Knie und bat sie, seine Frau zu werden. Rosenblau willigte lächelnd ein, aber nur, wenn auch ihr Freund Rußschwarzchen im Schloss leben durfte. In die Augen des Jungen schoss sofort ein wunderbares Leuchten, hoffte er doch, im Schloss einen schier unerschöpflichen Vorrat an Weihnachtsplätzchen vorzufinden.
Die Eltern der beiden Jugendlichen, die trotz ihrer jeweiligen Behinderung zu wahren Helden geworden waren, erklärten sich sofort damit einverstanden. Alle im Dorf bewunderten die beiden nun für ihren Mut, ihre Klugheit und Geschicklichkeit.
Der Prinz und Rosenblau feierten bald darauf im Schloss ihre traumhafte Hochzeit. Zusammen mit Rußschwarzchen lebten alle lange glücklich dort. Und wenn sie nicht gestorben sind, nascht Rußschwarzchen auch heute noch seine geliebten Weihnachtsplätzchen.

© 2019 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 3c der Grundschule an der Keilberthstraße, München

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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