Klasse 3b der Grundschule St. Lantbert, Freising (Schuljahr 2017/2018)

… Trotz ihres feinen Hörsinns vernahm auch Rosenblau diese Schritte erst ziemlich spät. Die Person, die sich da näherte, musste sich angeschlichen haben. ‚Dass wir uns verstecken, dafür ist es bestimmt zu spät‘, fuhr es dem blinden Mädchen durch den Kopf. „Rußschwarzchen, da kommt jemand. Dreh dich vorsichtig um. Wer ist das?“, flüsterte sie ihrem Freund so leise wie möglich zu.
Der fragte wie immer nicht lange, er tat, was sie sagte, wusste er doch, dass er zu Rosenblau Vertrauen haben konnte. So wie sie sich auch ihm anvertraute, wenn er sie irgendwohin führte. „Eine Frau, sie hat eine bunte Schürze über dem Kleid“, gab er zur Antwort. „Aber ich kenne sie nicht. Sie ist nicht aus unserem Dorf.“
Da war die Frau auch schon nahe genug gekommen, dass sie die beiden Jugendlichen ansprach: „Na, was sucht ihr denn hier, ganz allein im Wald? Habt ihr euch verlaufen?“
„Nein, ich kenne mich doch aus!“, platzte es aus Rußschwarzchen heraus, noch ehe das blinde Mädchen ihn daran hätte hindern können. „Wir suchen die Räuber. Die haben nämlich den Prinzen gefangen. Und dann kriegen wir die Belohnung!“
„So, so“, machte die Frau ein wenig nachdenklich. In Rosenblaus Kopf arbeitete es fieberhaft. Diese Stimme hörte sich nicht unsympathisch an, eher nett, aber vorsichtig. Wie bei jemandem, der nicht gleich alles von sich verraten will.
Rußschwarzchen plapperte unbekümmert weiter: „Ich hab gerade diese Brombeeren hier entdeckt. Aber Rosenblau will nicht, dass ich die esse. Dabei sehen die so lecker aus. Aber das kann Rosenblau ja nicht sehen.“
„Du bist blind, nicht wahr?“, wandte sich die Frau nun dem Mädchen zu.
„Ja, woher wissen Sie das?“ Rosenblau war verblüfft, denn normalerweise merkte man ihr die Behinderung nicht gleich an.
“Du lauschst ganz angestrengt und hältst den Kopf dabei etwas schief, um die Richtung besser heraushören zu können. Aber du schaust mich nicht an, blickst nur ungefähr in meine Richtung.“ Offenbar war diese Frau eine sehr gute Beobachterin. Das Mädchen nickte verdutzt, während die andere fortfuhr: „Es ist wirklich gut, dass ihr zwei so aufpasst. Ich habe schon vermutet, dass sie irgendwo hier im Wald ist. Die Hexe, meine ich.“ Sie seufzte. „Sie war mal meine Freundin, das ist aber schon ein paar Jahre her. Dann wurde sie immer habgieriger. Und sie wollte immer jünger und hübscher sein als ich. Wir haben sehr gestritten. Ich kann nämlich auch zaubern, und manche halten mich für eine Hexe. Ich will den Menschen aber nur helfen.“
„Dann bist du eben eine gute Hexe, das ist doch klar!“ Für Rußschwarzchen war die Sache ganz einfach.
„Danke, du lieber Junge“, meinte die Frau, und Rosenblau konnte hören, wie sie lächelte. Wer gut zuhört, kann das nämlich. Dann berichtete die gute Hexe weiter: „Ich bin in den Wald gegangen, weil ich sehen wollte, wie es meiner früheren Freundin geht. Ob sie inzwischen wieder vernünftig und nett geworden ist. Sie hatte nämlich gesagt, dass sie mit den Räubern leben wolle. Und wenn ich diese Brombeeren hier anschaue, dann bin ich mir sicher, dass sie nicht weit ist. Die sind verzaubert, das sehe ich. Aber ich habe eine Idee! Ich kenne einen Zauberspruch, der dafür sorgen wird, dass die Hexe und alle, die zu ihr gehören, vergessen, dass sie diese Brombeeren hergezaubert hat. Viellecht essen sie sie dann selbst…“
Rußschwarzchen und Rosenblau waren begeistert. Die gute Hexe murmelte ein paar geheimnsivolle Wörter, dann versteckten sich die drei in einem großen Gebüsch auf der anderen Seite des Weges. Sie mussten Geduld haben, fast eine halbe Stunde lang passierte nichts. Der Eingang der Räuberhöhle war genau hinter den dichten Brombeersträuchern, und als ein Räuber dann aus der Höhle schleichen wollte, rief er plötzlich: „Männer, da sind Brombeeren! Die schmecken gut, und ich hab Hunger!“ Sofort stürzte er sich auf die süßen Früchte.
Und nicht nur er. Von dem Ruf angelockt rannten auch alle anderen Räuber und die Hexe aus der Höhle, stürzten sich auf die Beeren und schlangen sie gierig in sich hinein. Dabei rempelten und stießen sie sich gegenseitig, denn jeder wollte am meisten abkriegen. Aber nicht lange: Sobald einer drei der Beeren gegessen hatte, fiel er um und schlief tief und fest ein. Schon nach ein paar Sekunden schnarchten alle Räuber und die böse Hexe.
Rosenblau, Rußschwarzchen und die gute Hexe warteten, ob sich auch wirklich nichts mehr regte, dann schlichen sie in die Räuberhöhle. Dort war es dunkel, aber das machte für das blinde Mädchen keinen Unterschied, sie konnte sich genauso geschickt bewegen wie immer. Und sie war es auch, die den Prinzen zuerst entdeckte. Dieser lag gefesselt in einer Ecke der Höhle, aber sie roch sein besonderes Parfüm. Schon war sie bei ihm und löste mit ihren flinken Fingern seine Fesseln. Dabei flüsterte sie: „Gleich sind Sie frei, königliche Hoheit!“
„Wie hast du mich erkannt?“, fragte er sehr verwundert.
„An Ihrem Duft. Sie tragen ein sehr gutes Parfüm. Aber es ist nicht nur das, was mir gefällt. Sie selbst duften gut. Jeder Mensch hat einen ganz besonderen, ganz eigenen Geruch. Und Sie mag ich wirklich gerne riechen…“ Die letzten Worte flüsterte sie noch leiser, sie war sehr verlegen.
Der Prinz schnupperte, dann flüsterte er zur Antwort: „Ich dich auch!“
Erst als sie alle wieder vor der Höhle im Tageslicht standen, erkannte der Prinz das schöne Mädchen, das er am Tag zuvor schon im Dorf gesehen hatte. Jetzt begriff er auch, dass sie blind war, und noch etwas anderes begriff er endich: Sie war diejenige, die seine Prinzessin sein sollte. Wenn sie nur wollte!?
Und natürlich wollte sie. Aber nur, wenn ihr Freund Rußschwarzchen mit ihnen im Schloss leben durfte – eine Bitte, die der Prinz gerne erfüllte. So wanderten alle zusammen glücklich zum Schloss, wo der König seinen Sohn erleichtert in die Arme schloss. Gleich darauf wurden die Ritter in den Wald geschickt, um die schnarchenden Räuber und die Hexe gefangen zu nehmen und zur Strafe ins Gefängnis zu werfen. Mit einem Riegel, den auch die böse Hexe nicht aufzaubern konnte.
Die gute Hexe aber hatte noch eine weitere Überraschung: sie konnte Rosenblau und Rußschwarzchen gesund machen! Der Junge wurde im Schloss zu einem königlichen Minister ernannt, ein Amt, das er besser als alle anderen zu erfüllen wusste. Denn er war jetzt nicht nur klug, er hatte auch immer noch sein gutes Herz. Und die gute Hexe schenkte ihm zur Belohnung noch eine ganz besondere Zauber-Plätzchendose, die sich auf wundersame Weise von alleine immer wieder füllte.
Das Mädchen und der Prinz feierten bald ihre Hochzeit, bei der Rosenblau, die dank der Hexe ja nun sehen konnte, endlich erleben durfte, wie sehr ihre Schönheit strahlte.
Aber welche Belohnung sollte die gute Hexe bekommen? Die lächelte und hob abwehrend ihre Hände: „Ich brauche keinen Lohn. Mir ist es Lohn genug, wenn ich sehe, dass durch meine Hilfe die Menschen glücklich sind.“
Und das waren sie wirklich. Ja, und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie das noch heute.

© 2018 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 3b der Grundschule St. Lantbert, Freising

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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