Klasse 2b der Grundschule an der St.-Konrad-Straße, Haar (Schuljahr 2018/2019)

… Die beiden Jugendlichen vernahmen diese Schritte gleichzeitig, und man hätte schon mehr als taub sein müssen, um sie nicht zu bemerken. Mit gewaltigem Dröhnen kamen die Schritte näher, die Erde zitterte und bebte dabei unter der Wucht. Hier musste sich mindestens ein Riese nähern, oder ein gewaltiges, schweres Ungeheuer. Aber warum hatten diese Schritte so plötzlich eingesetzt? Warum waren sie schon so nah? Diesen Riesen, oder was es war, hätte man doch schon aus mehreren Kilometern Entfernung hören müssen?
Rußschwarzchen hatte sich natürlich längst umgedreht, jetzt stotterte er angstvoll neben seiner Freundin: „D..d..da k..kkommt ein Dr..Drache!“
„Etwas stimmt nicht,“ entgegnete Rosenblau flüsternd. „Der Drache ist plötzlich aufgetaucht, wie wenn er vom Himmel gefallen wäre. Oder wie hergezaubert… Hergeflogen kann er nicht sein, wir sind mitten im Wald, zwischen den dicht stehenden Bäumen hätte so ein großer Drache unmöglich fliegen können. Hergezaubert, genauso wie die Brombeeren…“ Noch ehe sie diesen letzten Gedanken zu Ende denken konnte, ertönte ein gewaltiges Gebrüll, gefolgt von einem furchtbaren Fauchen und Zischen. „Rußschwarzchen, was macht er?“, fragte sie panisch.
„Er spuckt Feuer“, gab dieser zur Antwort und war wohl so geschockt, dass er nicht einmal stotterte. „Und er kommt direkt auf uns zu. Ich glaube, er hat uns gesehen…“
„Dann hat es keinen Sinn, dass wir uns verstecken.“ Im Kopf des Mädchens arbeitete es fieberhaft. Sie nahm sich nicht die Zeit, lang über ihre Angst nachzudenken, sie musste einen Ausweg finden. Sofort fielen ihr diese eigenartigen Beeren wieder ein. „Macht er beim Brüllen und Fauchen das Drachenmaul weit auf? Und ist er sehr groß?“
„Ja schon, ganz furchtbar“, antwortete der Junge. „Aber er bückt sich immer wieder zu uns hinunter, ich glaub er will uns verbrennen.“
‚Das Feuer ist noch ein Stück entfernt, sonst würde ich es heißer auf der Haut spüren,‘ fuhr es Rosenblau durch den Kopf, dann schlug sie vor: „Diese Brombeeren da müssen sehr giftig sein, oder verzaubert, denn im Mai kann es keine normalen Brombeeren geben. Kannst du ein paar davon abpflücken und in das Drachenmaul werfen? Triffst du das? Ich glaube, das ist unsere einzige Chance.“
„Ja, das schaffe ich.“ Rußschwarzchen war sich da sicher, wusste er doch, dass er ein guter Werfer war. Und seine Freundin wusste es auch: Schon seit sie denken konnte, hatten sie immer zusammen gespielt, und dem Jungen hatte es immer viel Freude gemacht, mit Steinen auf irgendwelche Ziele zu werfen. Sie hatte ihm oft dabei zugehört, und an den Geräuschen konnte sie immer besser heraushören, ob und welchen Gegenstand er getroffen hatte. So war das Spiel ein gutes Training für beide gewesen.
Keine Sekunde zögerte Rußschwarzchen. Er riss eine Handvoll der Beeren von dem Brombeerbusch ab, vor dem sie noch immer standen. Sie nicht zu essen fiel ihm jetzt gar nicht schwer, denn er durfte ja damit werfen, und das tat er so gerne. Rosenblaus feine Ohren vernahmen das Geräusch, wenn kleine Gegenstände nacheinander durch die Luft sausen. Ein dumpfes „Plopp“ folgte, als eine Beere in den gewaltigen Mund des Drachen fiel. Die nächste prallte an seinem Kopf ab, aber schon flog wieder eine heran, diesmal wohl direkt in seinen Schlund. Er schluckte und schmatzte, dabei schnappte er anscheinend die dritte Beere mit seinen Zähnen. Der Drache hustete, anscheinend hatte er sich verschluckt. Dann hörte man auf einmal ein gewaltiges Gähnen, einen tiefen Atemzug aus der Richtung des Drachen, dann kam die Luft über ihr irgendwie in Bewegung. Gleichzeitig packte sie Rußschwarzchen an der Hand und riss sie blitzschnell nach links. Gerade noch rechtzeitig, denn schon krachte mit unbeschreiblicher Wucht der Drache neben ihr auf den Boden. Fast ohrenbetäubendes Schnarchen erfüllte die Luft – der Drache war durch die Zauberbrombeeren eingeschlafen.
Wo der Drache so plötzlich hergekommen war, konnte Rosenblau nur erahnen: Die Hexe, die bei den Räubern lebte und die auch die Brombeeren herbeigehext hatte, hatte in der Höhle die Stimmen der beiden Jugendlichen gehört. Über einen geheimen Nebenausgang war sie hinausgeschlichen und hatte sich in den Drachen verwandelt. Sie wollte die – aus ihrer Sicht – Eindringlinge erschrecken und vertreiben. Wie sie deisen Zauber geschafft hatte? Auf der Haut des Handgelenks und des Unterarms besaß die Hexe mehrere Zaubersymbole, die sie nur drücken brauchte, um sich in etwas zu verwandeln.
Mit Rosenblaus List war sie jetzt aber durch ihre eigenen Zauberbrombeeren außer Gefecht gesetzt. Doch wie lange würde dieser Zauberschlaf anhalten? Und was war mit den Räubern? Ob sich hinter diesen verzauberten Brombeeren die Räuberhöhle befand? Jetzt war der Drache darauf gestürzt, was war mit den Räubern? Würden Sie gleich herbeistürmen, oder waren sie in der vom niederfallenden Drachen zerstörten Höhle gefangen? Und was war mit dem Prinzen?
Rosenblau wurde rasch klar, dass sie hier alleine nicht mehr weiterkamen. Jetzt brauchten sie Hilfe. Und zwar richtig starke Hilfe: der König musste mit seinen Rittern hierherkommen. Also bat sie Rußschwarzchen, sie so schnell wie möglich zur nächsten größeren Straße zu führen, was dieser natürlich tat. Er kannte sich im Wald zwar nicht aus, aber er hatte ein gutes Gespür, und auf dem Weg hierher hatte er einen breiten Weg gesehen, der bestimmt auf eine größere Straße zulief. Auf der Straße wanderten sie ein Stück, bis ein Fuhrwerk sie überholen wollte. Sie winkten, damit der Kutscher anhielt, dann fragte ihn Rosenblau, ob er zur Königsstadt führe und ob er sie mitnehmen könne. Dieser bejahte beides, so kamen sie schon eine Stunde später in der Stadt an, wo sie sich zum Königspalast durchfragten. Und als sie dem Wächter vor dem Königsschloss von den Räubern berichteten, die vielleicht in der eingestürzten Höhle gefangen waren, ging alles ganz schnell. Dem König wurde Meldung gemacht, und der gab sofort seine Befehle: Rosenblau und Rußschwarzchen sollten eine kleine Armee von Rittern unverzüglich dorhin führen.
Natürlich wurde zu allererst der noch immer schnarchende Drache gefesselt. Und dabei gab Rosenblau den entscheidenden Tipp: Da sie nicht wusste, wie lange der Drache schlafen und ob er sich nach dem Aufwachen in etwas anderes verwandeln würde, schlug sie vor, jede Vordertatze des Drachen mit dicken Stricken an einer Hintertatze festzubinden. So könnte er sich nach einer möglichen Verwandlung bestimmt nicht so schnell befreien.
Dann schaufelten die Ritter mit mitgebrachten Werkzeugen den Eingang der Höhle unter dem Drachen frei, wo sie aber bald entdecken mussten, dass sämtliche Räuber von den eingestürzten Höhlenwänden erschlagen worden waren. Was war jedoch mit dem Prinzen geschehen? Den hatten die Räuber in einer kleineren Höhle in geringer Entfernung gefangen gehalten, ein schmaler Gang führte dorthin, der zwar ebenfalls eingestürzt war, aber der Prinz war weit genug entfernt gewesen, dass er selbst unverletzt blieb. So konnte er bald befreit werden, und glücklich wollten alle zum Schloss zurückkehren. Gerade als sie aufbrechen wollten, war der ganze Tag, den der Drache schnarchend in seinem Zauberschlaf verbracht hatte, vergangen, und er verwandelte sich automatisch in die Hexe zurück. Doch die war glücklicherweise so gefesselt, dass sie die Zaubersymbole an ihren Händen nicht mit der jeweils anderen Hand drücken konnte. So gefesselt blieb sie auch und wurde in den Kerker gebracht.
Wenige Wochen später wurde im Köngsschloss eine prachtvolle Hochzeit gefeiert: Der Prinz und seine Retterin Rosenblau heirateten, hatten sie sich doch längst beide in einander verliebt. Rußschwarzchen bekam die gesamte Belohnung von 1.000 Goldtalern und durfte ebenfalls im Schloss leben. Sein Vermögen gab er aber nicht leichtfertig aus, er kaufte sich nur jede Woche ein paar seiner geliebten Weihnachtsplätzchen, so dass ihm das Geld ohne Schwierigkeiten bis an sein Lebensende reichen würde. So lebten sie alle ein langes, glückliches Leben, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

© 2018 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 2b der Grundschule an der St.-Konrad-Straße, Haar

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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