Klasse 2b der Grundschule an der St.-Konrad-Straße, Haar (Schuljahr 2016/2017)

… Allerdings waren das sehr eigenartige Schritte, die da zu vernehmen waren. Natürlich hatte Rosenblau mit ihrem gut trainierten Gehör sie zuerst wahrgenommen: „Psst, Rußschwarzchen, sei mal mucksmäuschenstill!“, raunte sie ihrem Freund zu. „Da kommt jemand. Oder etwas, es könnte auch ein Tier sein, denn es sind viele Schritte von kleinen Füßen. Die trippeln irgendwie. Aber ich habe auch leise Stimmen gehört, vielleicht sind es doch Menschen. Sehr kleine…“
„Verstecken wir uns lieber schnell“, gab der Junge flüsternd zur Antwort. „Hier, hinter den Brombeeren. Da unten geht es, da ist das Gestrüpp nicht so dicht. Kriechen wir dahinter.“ Schon kroch er voraus, Rosenblau blieb dicht hinter ihm und hielt dabei einen Zipfel seines Hemdes fest, damit sie ihn nicht verlor. Die andere Hand hielt sie sich schützend vor das Gesicht, um sich vor den Brombeerdornen zu schützen. Hinter dem Gestrüpp war auf einmal wieder mehr Raum, und weil sie ja auf allen Vieren kroch, spürte sie mit den Fingerspitzen, dass der Boden hier aus Felsgestein bestand, von vielen Füßen glatt getreten. „Was ist hier?“, flüsterte sie Rußschwarzchen zu.
Der antwortete leise: „Eine Art Höhle, der Eingang ist direkt hinter den Brombeersträuchern. Die Höhle muss ganz schön groß sein, soweit ich das sehe…“
Rosenblau lauschte auf die sich nähernden Schritte. „Und wer kommt da?“
„Kleine Männchen, es sind viele, so viele kann ich nicht zählen. Aber sie haben keine Zipfelmützen. Dann sind es keine Heinzelmännchen und auch keine Zwerge. Wie heißen die mit den strubbeligen Haaren?“
„Kobolde?“, riet das blinde Mädchen unsicher.
„Ja genau!“ ihr Freund schien sich darüber gar nicht zu wundern. „Jetzt kommen die direkt auf uns zu. Ich glaube die wollen auch in die Höhle.“
„Dann müssen wir weiter hinein, damit wir uns verstecken können. Sie dürfen uns nicht entdecken.“ Auf allen Vieren kroch das Mädchen weiter ins Innere der Höhle, Rußschwarzchen kroch neben ihr und achtete immer darauf, dass sie ihn irgendwo berühren konnte.
Aber leider kamen sie nicht weit, denn aus dem Inneren der Höhle drangen Stimmen und die Schritte schwerer Stiefel. „Jetzt werden die Kobolde bald da sein,“ konnte Rosenblau eine schrille Frauenstimme vernehmen, „dann sind die zwei Jugendlichen in der Falle. Gut dass ich die vor unserer Höhle bemerkt habe. Mit meinen magischen Kräften habe ich die Kobolde zu Hilfe gerufen, da werden wir die zwei gleich haben. Bestimmt wollen die den Prinzen befreien.“
Nun konnte sich Rosenblau also leicht ausrechnen, wo sie hier gelandet waren. Sie mussten aufstehen, denn auf allen Vieren konnten sie sich ja überhaupt nicht wehren. Mit der rechten Hand bekam sie einen auf dem Höhlenboden liegenden Stock zu fassen, das war ein Glück. Mit so einem Stock konnte sie sich den Weg ertasten, dann hatte sie die andere Hand frei, falls sie kämpfen mussten. Rosenblau ergriff den Stock, mit der gleichen Bewegung erhob sie sich auch schon aus der Hocke. Rußschwarzchen tat es ihr nach, ohne den Grund zu verstehen.
In dieser Aufwärtsbewegung schwenkte das blinde Mädchen den Stock in einer kreisförmigen Bewegung vor sich hin und her, um sicher zu sein, dass kein Hindernis in ihrem Weg lag. Aber inzwischen waren die Kobolde flink unter dem Brombeergestrüpp hindurchmarschiert (sie waren so klein, sie mussten sich nicht einmal ducken). Schon standen sie kampfbereit in unmittelbarer Nähe der beiden Jugendlichen.
Plötzlich vernahm Rosenblau ein erschrecktes und wütendes Geschrei, ihr Stock war auf einen beweglichen Widerstand gestoßen. Oder auf mehrere? In der schwungvollen Bewegung hatte Rosenblau, ohne es zu ahnen, sämtliche Kobolde gleichzeitig umgeworfen. Diese hielten sich nun ihre von den Schlägen mit dem Stock schmerzenden Köpfe.
Aber natürlich machte dies die Kobolde erst richtig wütend. Rußschwarzchen und Rosenblau saßen in einer schrecklichen Falle: Auf der einen Seite lauerten die Räuber mit der Hexe, auf der anderen Seite die erbosten Kobolde, dazwischen gab es kein Entrinnen. Was sollten sie nur tun? „Rußschwarzchen, siehst du noch irgendeinen anderen Weg?“, flüsterte das blinde Mädchen so ruhig wie möglich. Der aber schüttelte nur den Kopf, eine Bewegung, die sie zwar nicht sehen, dennoch aber spüren konnte. Waren sie verloren?
In den nächsten Augenblicken aber geschah nichts. Rosenblau wartete daruf, dass sie bald von Räuberhänden oder Kobolden gepackt würde, aber nichts passierte. Nicht einmal eine Bewegung oder ein Laut war zu hören. Da erst merkte Rosenblau, dass auch sie sich nicht mehr rühren konnte, alle in der Höhle waren wie eingefroren. Wie konnte das sein?
Endlich hörte sie etwas. Wieder Schritte, diesmal aber ganz anders, sehr langsam, wie bei einem ganz alten Menschen. Noch immer konnte sie sich nicht bewegen, aber da ertönte eine Stimme in der Höhle. Alt und rauh, aber ruhig und freundlich: „Verzeiht mir, dass ich euch allen zumindest vorübergehend die Bewegungen geraubt habe. Anders ging es nicht, sonst hättet ihr euch gegenseitig weh getan. Jetzt könnt ihr nicht anders, ihr müsst mich anhören.“ Der Mann, der da in die Höhle kam, war offenbar sehr alt, aber auch sehr höflich. Als er neben Rosenblau und Rußschwarzchen angekommen war, stellte er sich als guter Zauberer vor, sein Name sei nicht wichtig, so meinte er. „Die Hexe hat schon lange etwas gegen mich, weil ich ja nur für das Gute zaubere. Deshalb bekämpft sie mich. Und mit ihren Räubern hat sie schon vielen Menschen Schaden zugefügt. Die Kobolde hat sie mit ihrer Magie herbeigerufen. Ich habe gespürt, dass hier Gefahr droht, deshalb bin ich gekommen. Ihr Kobolde könnt jetzt frei entscheiden, darum gebe ich euch zuerst eure Stimmen wieder zurück: Wollt ihr weiter tun, was die böse Hexe euch befiehlt?“
„Nein!“, schallte es aus vielen kleinen Kehlen glechzeitig. „Das wollen wir nicht. Wir wollen auch für die gute Seite sein.“
„Dann müsst ihr uns das zeigen. Lasst euch einfallen, wie!“, gab der Zauberer zu bedenken. „In der Zwischenzeit gebe ich diese beiden jungen Menschen wieder frei. Ihr könnt euch wieder bewegen. Sagt mir: warum seid ihr hier?“
Rosenblau erzählte dem Zauberer, dass sie den Prinzen befreien wollen, da schmunzelte dieser: „Hab ich’s mir doch gedacht! Königliche Hoheit, darf ich bitten…?“ Dann murmelte er noch ein paar unverständliche Zauberworte, und schon lösten sich von ganz alleine die Stricke, mit denen der Prinz gefesselt war. Im Handumdrehen erhob sich der Prinz vom Boden, auf dem er gefesselt gelegen hatte, und trat näher, um seine Befreier zu sehen. Nicht schlecht staunte er, als er das blinde Mädchen wiedererkannte, die ihm seit dem gestrigen Tag nicht aus dem Kopf gegangen war. Unverzüglich fiel er vor ihr auf die Knie und bat sie, seine Frau zu werden.
Die hauchte erfreut eine leise Zustimmung, aber dann bat sie den Prinzen, auch ihren Freund Rußschwarzchen nicht zu vergessen. Noch ehe sie sich eine passende Belohnung ausdenken konnte, riefen die Kobolde: „Jetzt wissen wir, wie wir euch zeigen können, dass wir für das Gute sind: Das Mädchen dort ist blind. Mit unseren Zauberkräften können wir ihre Augen wieder gesund machen.
So nahm die Geschichte rasch ein gutes Ende: Rosenblau wurde gesund, sie heiratete den Prinzen und lebte glücklch mit ihm im Schloss. Die Räuber und die böse Hexe aber ließ der Prinz von seinen Rittern verhaften und im Schlossverließ einsperren. Und damit sich die Hexe nicht durch Zauberei befreien konnte, hängte der gute Zauberer zwei Fledermausflügel an das Türschloss der Gefängnistür. Diesen Zauber konnte sie nämlich nicht überwinden. Die 1000 Taler Belohnung wurden gerecht aufgeteilt, alle bekamen ihren Anteil: der gute Zauberer und die Kobolde, Rosenblau und Rußschwarzchen, und auch die armen Bauern im Dorf.
Und Rußschwarzchen? Der Prinz erkannte bald, dass der Junge mit seinen ungewöhnlichen Ideen sehr viel Lustiges hervorbrachte. Und so ernannte er ihn zum Hofnarren im Königsschloss, wo er nie mehr schwer arbeiten musste, sondern immer nur Spaß machen konnte.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Klasse 2b der GS an der St.-Konrad-Straße

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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