4. Klasse der Fritz-Schäffer-Grundschule Ostermünchen, Gem. Tuntenhausen (Schuljahr 2017/2018)

… Weil das Gehör des blinden Mädchens viel besser trainiert war als das der meisten Menschen, konnte sie diese Schritte schon hören, als sie noch recht weit entfernt waren. „Pssst, Rußschwarzchen, da kommt jemand. Mehrere Leute, sie haben anscheinend schwere Stiefel an den Füßen. Es könnten die Räuber sein. Wir müssen uns schnell verstecken. Wo?“, wisperte sie ihrem Freund zu.
„Bei diesem Brombeerstrauch, der ist groß und dicht“, raunte er zur Antwort zurück, aber Rosenblau widersprach: „Diese Brombeeren sind mir nicht geheuer. Da stimmt etwas nicht, reife Brombeeren kann es im Mai nicht geben. Verstecken wir uns besser anderswo.“
Auch da sah der Junge eine Möglichkeit: „Gegenüber von den Brombeeren, auf der anderen Seite des schmalen Wegs, da gibt es ein großes Gebüsch, da geht es auch gut. Und daneben sind ein Haselstrauch und nochmal Brombeeren, aber dort sind keine Früchte dran.“
„Hab ich es mir doch gedacht. Die Brombeeren müssen verzaubert sein. Wir verstecken uns gegenüber, aber vorher pflücken wir noch schnell ein paar von diesen verzauberten Früchten. Jedoch darfst du auf keinen Fall davon essen, versprich mir das!“
Rußschwarzchen nickte nur, denn er hatte schon damit angefangen, Brombeeren zu pflücken. Um sie gut festhalten zu können, nahm er mit einer Hand den Saum seines Hemdes, das ihm längst aus der Hose gerutscht war, zu einem Beutel zusammen, mit der anderen pflückte er dort hinein die Früchte. Rosenblau war froh, dass ihr Freund in den entscheidenden Momenten nicht lange fragte. Er vertraute ihr einfach, sie schien ihm unendlich klug, sie wusste immer, was zu tun war. Außerdem konnte sie kaum mithelfen, die Brombeeren zu pflücken, sie sah die Früchte ja nicht. Und danach zu tasten war schwierig, der spitzen Dornen wegen, an denen sie sich sonst die Finger zerstechen würde. Daher lenkte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Schritte. Es mussten fünf oder sechs Männer sein, genau konnte sie es nicht heraushören. Allmählich wurden die Geräusche der schweren Stiefel lauter. „Sie kommen, bald werden sie uns sehen. Jetzt schnell, verstecken!“ Mehr musste sie nicht sagen, schon ergriff Rußschwarzchen mit der freien Hand, mit der er nicht die Hemdzipfel hielt, die ihre und zog sie behutsam zu ihrem geplanten Versteck. Dabei hielt sie die Muskeln angespannt, dann konnte er ihre Hand wie einen Steuerknüppel nutzen: Er musste nur sanft in die richtge Richtung drücken oder schieben, schon wusste sie, wohin sie sich wenden sollte.
Aber leider hatte das Mädchen nicht daran gedacht, dass der Weg, auf dem die Männerschritte kamen, ganz gerade war, er bot einen guten Blick auf die beiden. Sie konnte sich eben nicht vorstellen, wie es war zu sehen. Noch ehe die zwei Freunde hinter dem Gebüsch verschwinden konnten, hatten die Männer sie erblickt. „He, ihr da“, hörte sie eine tiefe Stimme brüllen, „was habt ihr hier zu suchen?“ Es schienen wirklich die Räuber zu sein. Was sollte sie nur tun? Fieberhaft suchte Rosenblau in ihrem Kopf nach einem Ausweg, aber Rußschwarzchen holte schon tief Luft und gab den Räubern zur Antwort: „Nichts, bloß Brombeeren. Schaut nur, hier in meinem Hemd, ich habe schon viele gepflückt.“ Vor Schreck blieb dem blinden Mädchen fast das Herz stehen, weil ihr Freund alles verraten hatte.
Doch dessen voreilige Antwort an die Räuber sollte sich als Glück erweisen: Schon vernahm das Mädchen eine andere Mänerstimme, die grimmig knurrte: „Brombeeren? Das kommt mir gerade recht. Ich hab so Hunger! Seit heute früh sind wir im Wald und suchen Beute. Vergeblich, wie meistens. Die Brombeeren nehm ich dem Kerl weg.“
„Nein, ich zuerst, weg da!“, brüllten die anderen Räuber und stürzten sich auf Rußschwarzchen, der nicht begriff, wie ihm geschah. Schon hatten die wilden Gesellen, es waren wirklich sechs, dem Jungen die Brombeeren entrissen und sich in den Mund gestopft, wobei jeder versuchte, mehr als seine Kumpane zu erwischen. Aber lange hatten sie keine Freude daran: Sobald ein Räuber drei Brombeeren verschlungen hatte, fiel er einfach um und schlief ein. Dass diese Früchte die Zauberbrombeeren waren, die ihre Hexe zu ihrem Schutz vor den eigenen Höhleneingang gehext hatte, das hatten die Männer in ihrer Gier vergessen. Jetzt erfüllte nur noch leises Schnarchen der sechs Räuber die Luft des Waldes.
Rosenblau ließ sich von ihrem sehenden Freund berichten, was genau passiert war, weil sie nicht alle Geräusche richtig hatte deuten können. Dann wusste sie, dass der erste Teil ihres Planes bereits funktioniert hatte. Sie hatte die verhexten Beeren ja genau deshalb mitnehmen wollen, damit sie sie gegen die Räuber einsetzen konnte. Aber sie vermutete, dass nicht alle Räuber ihnen so in die Falle gegangen waren. Außerdem gab es bei den Räubern offenbar einen Zauberer oder eine Hexe, von irgendjemandem mussten die Beeren ja verhext worden sein. Rasch erklärte sie Rußschwarzchen, wie sie weiter vorgehen wollten, dann begannen sie, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Zuerst suchte der Junge bei den Räubern zwei aus, die ungefähr gleich groß wie die zwei Jugendlichen waren. Denen nahmen sie die Kleider weg und streiften sie sich selbst über. So verkleidet suchten sie den Eingang der Räuberhöhle. Die konnte nicht weit sein, die Räuber waren recht zielstrebig anmarschiert. Vielleicht hinter den Brombeeren, die sowieso verdächtig waren? Richtig, nachdem Rußschwarzchen seine Freundin vorsichtig und behutsam von der Seite hinter den dichten Brombeerstrauch geführt hatte, entdeckte er den Eingang zu einer Höhle, die tief in den Berg hineinführte.
Aber jetzt war Rußschwarzchen nicht mehr zu halten. Diese Suche nach dem Räberversteck und dem Prinzen war so spannend, dass er zum ersten Mal in seinem Leben die Blindhet seiner Freundin vergaß. Er ließ ihre Hand los und eilte mit schnellen Schritten in die Höhle hinein.
Das Mädchen war plötzlich alleine. Von den Wänden der Höhe hallten die Geräusche dumpf und eigenartig zurück, so dass sie sich schwer damit tat, deren Richtung auszumachen. Was sollte sie nur tun? Langsam ging sie in die Hocke, dann tastete sie sich vorsichtig auf allen Vieren vorwärts, bis sie in eine Nische der Höhle kam, die offenbar etwas abseits und von davor liegenden Felsbrocken geschützt war. Hier versteckte sie sich erst einmal. Bestimmt würde Rußschwarzchen sich bald an sie erinnern und ihr wieder helfen.
Tatsächlich, schon fiel diesem das Mädchen wieder ein, er erschrak richtiggehend sie losgelassen zu haben. Gellend laut rief er nach ihr, das Echo warf seine Schreie von den Höhlenwänden zurück. Aber da sich in der Tiefe der Höhle wirklich noch sechs weitere Räuber und die hier lebende Hexe aufhielten, stürzten diese sofort herbei. Im Handumdrehen war Rußschwarzchen gefesselt, geknebelt und in einem verborgenen Winkel der Höhle auf den Boden gelegt, nicht weit von einem anderen Gefangenen – einem vornehm gekleideten jungen Mann.
Aber Rosenblau wusste nun, was sie tun musste. Sie wartete, bis es bestimmt tiefe Nacht geworden war, weil die Räuber schnarchten, was das Zeug hielt. Dann schlich sie sich auf Zehenspitzen in die Höhle. Den Prinzen zu finden war für sie im Dunkeln sogar ganz einfach: dieser verwendete ein besonderes, teures Parfum, das sie bei ihm auch am Tag zuvor schon gerochen hatte, als er bei ihr im Dorf stehen geblieben war. Bald kniete sie neben ihm, ihre geschickten Hände lösten flink die Fesseln. Rußschwarzchen wurde ebenso befreit, dann schlichen die drei vor die Höhle hinaus. Und dann ging es auf schnellstem Weg zum Königsschloss, wo der König seinen Sohn voll Freude in die Arme nahm.
Der Prinz schickte natürlich sofort seine Ritter in den Wald, welche die Räuber festnahmen und ins Gefängnis warfen. Und dann fiel er vor dem blinden Mädchen auf die Knie und bat sie, seine Frau zu werden, hatte er sich doch schon auf den ersten Blick in sie verliebt, aber erst jetzt ihre besonderen Fähigkeiten erkannt.
Die willigte lachend ein, aber nur unter der Bedingung, dass auch Rußschwarzchen mit ihnen im Schloss leben durfte. Die 1000 Goldtaler, die der König zur Belohnung versprochen hatte, wurden so für beide unwichtig.
Und Rußschwarzchen, der Weihnachtsplätzchen über alles liebte, bat bald den königlichen Hofkoch im Schloss, ihm das Backen beizubringen. Dabei stellte sich der Junge sehr geschickt an, phantasievoll wie er war, erfand er immer neue Plätzchenrezepte. So ernannte ihn der König schließlich zum königlichen Hofbäcker. Auf diese Weise lebten alle glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

© 2018 Bertram der Wanderer und die Kinder der 4. Klasse der Fritz-Schäffer-Grundschule Ostermünchen

Fähigkeiten

Gepostet am

18. November 2019

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