Inklusionsprojekt

Hinter meinem Märchen „Rußschwarzchen, Rosenblau und die Räuber“ steht die Idee, die Problematik der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am alltäglichen Leben (Inklusion) kindgerecht zu veran-schaulichen, mit Kindern zu bearbeiten und dabei die Kinder selbst Lösungsansätze finden zu lassen. Denn von dem geradezu unerschöpflichen Ideenschatz kindlicher Phantasie kann die Welt der Erwachsenen vielfach profitieren.
Mit Unterstützung und Förderung der Landeshauptstadt München, des Bezirksjugendrings Oberbayern und der Inklusionsfachstelle ebs (Kreisjugendring München-Stadt) gibt es zwei verschiedene Projektmodelle:

Altersgruppe 3 bis 7 Jahre:
Bertram erzählt die komplette Geschichte (hier unten ist der Anfang des Märchens nur kurz zusammengefasst), die Thematik wird spielerisch erarbeitet und mit verschiedenen Wahrnehmungsspielen kindgerecht erlebt.

Altersgruppe 8 bis 11 Jahre:
Bertram erzählt sein Märchen nur bis zu jenem Wendepunkt, der hier unten angedeutet ist. Ab diesem.Zeitpunkt überlegen die Kinder gemeinsam, wie das Märchen weitergehen soll.
So setzen sich die Kinder intensiv, konstruktiv und zugleich phantasievoll-spielerisch mit dem Thema Inklusion auseinander.

All die zauberhaften Möglichkeiten, die Kinder für den Fortgang des Märchens gefunden haben, versammeln sich hier auf dieser Internetseite.

Lassen Sie sich von dem reichen Ideenschatz und der Vielfalt der so entstandenen Märchen überraschen!

Das Titelbild zu „Rußschwarzchen, Rosenblau und die Räuber“ sowie zu diesem speziellen Projekt gestaltete der Osnabrücker Künstler Reinhard Klink.
Weitere Informationen unter www.Reinhard-Klink.de

kurze Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse von "Rußschwarzchen, Rosenblau und die Räuber" (1. Teil)
  • Im Land mit den vielen Wäldern gab es vor langen Jahrhunderten ein kleines Dorf mit einigen armen Bauernfamilien. Dort standen auch zwei Nachbarhäuser, in einem davon lebte ein blindes Mädchen namens Rosenblau, in dem anderen der Junge Rußschwarzchen, der sich mit dem Denken sehr schwer tat. Beide waren etwa siebzehn Jahre alt.
  • An einem schönen Frühlingstag im Mai begab sich der Sohn des Königs auf Brautschau, ritt durch das ganze Land und kam so auch in jenes Dorf, wo er zufällig Rosenblau erblickte. Sie gefiel ihm sehr, doch er wusste nicht, dass sie blind war, und so hielt er ihre Unsicherheit für Dummheit.
  • Bald darauf aber fiel der Prinz in die Hand von schwarz vermummten Räubern: in ihrer geheimen tiefen Höhle im Wald hielten sie ihn gefangen und verlangten hohes Lösegeld für seine Freilassung. Die Ritter des Königs konnten die Spur des Prinzen nicht finden, und so versprach der König die Belohnung von 1000 Goldtalern demjenigen, der seinen Sohn zu befreien vermochte.
  • Die Bauern in dem armen Dorf wollten sich die Belohnung sichern und marschierten schon am nächsten Tag in den Wald, um den Prinzen zu suchen. Doch in dem unbekannten Wald konnten sie sich nicht zurechtfinden und verirrten sich.
  • Ihre Frauen versuchten klug, mittels Kuchen die Räuber anzulocken und dann diesen nachzuschleichen. Aber bei den Räubern war auch eine junge Hexe, die alle Wege im Wald verzauberte, so dass die Frauen unbewusst wieder ins Dorf zurückwanderten.
  • Durch diese Verzauberung der Wege aber gelangten die Bauern tatsächlich zur Räuberhöhle. Allerdings hatte die Hexe dort noch für einen zweiten Zauber gesorgt: Vor dem Eingang zum Höhlensystem gab es dichte Brombeersträucher, an denen bereits jetzt im Mai reife Früchte hingen. Die hungrigen Bauern verschlangen sie gierig, da die Beeren aber verzaubert waren, schliefen die Bauern sofort ein, wurden von den Räubern bestohlen und schlafend zum weit entfernten Waldrand gebracht.
  • Schließlich machten sich Rußschwarzchen und Rosenblau, die bisher im Dorf geblieben waren, zusammen auf den Weg: der Junge führte seine blinde Jugendfreundin, und die beiden gelangten wirklich bis zu den Brombeersträuchern vor dem Eingang. Rußschwarzchen wollte die süßen Früchte essen, aber das schöne Mädchen warnte ihn rechtzeitig.
  • Mit einem Mal waren Schritte im Wald zu hören…
Version der Klasse 4a der Grundschule Pullach (Schuljahr 2017/2018)

Natürllich konnte Rosenblau diese Schritte zuerst vernehmen, ihr Gehör war ja gut trainiert, musste es doch das fehlende Augenlicht ersetzen. Obwohl diese Schritte sehr leise waren. Offenbar schlich sich da jemand an, langsam und ein bisschen schwerfällig. ‚So geht ein alter Mensch, kein junger‘, überlegte sie. ‚Wer mag das sein?‘ Und schon raunte sie ihrem Freund zu: „Psst, Rußschwarzchen, ich höre jemand, der will sich vielleicht anschleichen. Schnell, wir müssen uns verstecken.“
„Verstecken?“, fragte der Junge viel zu laut zurück. „Sollen wir Verstecken spielen? Warum denn? Ich mag lieber was anderes spielen. Vielleicht Fangen?“
„Leise, um Gottes Willen!“, versuchte das blinde Mädchen ihn noch zu warnen, aber zu spät. Die Person, die da näher kam, hatte sie schon entdeckt.
„Na ihr zwei, was macht ihr denn da im Wald?“ Die fremde Stimme klang ein bisschen heiser, aber nicht unfreundlich. Langsam drehten sich Rosenblau und Rußschwarzchen um, und wie er es gewohnt war, beschieb der Junge für seine blinde Freundin sofort, was er sah: „Da kommt eine alte Frau, sie lächelt lieb. Ich kenne sie nicht. Einen alten Kittel hat sie an, mit einer geflickten Schürze. Und ein paar trockene Äste hat sie dabei. Bestimmt sammelt sie Holz, das muss ich für Mama auch manchmal machen.“
„Guten Tag“, grüßte Rosenblau unsicher die Unbekannte.
„Bist du blind, Mädchen?“, fragte die Alte.
„Ja, woher wissen Sie das?“ Rosenblau war erstaunt, denn wer es nicht wusste, konnte das normalerweise nicht sofort erkennen.
„Du hältst deinen Kopf schief, um mit den Ohren besser die Richtung hören zu können, aus der ich spreche, Und schaust nur ungefähr zu mir her,“ erklärte die Frau, offenbar lächelte sie dabei, zumindest klang das so. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Habt ihr vielleicht ein bisschen zu essen für mich? Ich bin arm und habe so Hunger.“
„Wir haben selber Hunger,“ gab Rußschwarzchen zur Antwort. „Aber da vorne wachsen so schöne Brombeeren.“
„Ja, die sehe ich, die sehen sehr lecker aus. Aber an die, die oben hängen, komme ich nicht dran, und zu den tief hängenden kann ich mich nicht hinunterbücken. Wollt ihr mir helfen?“
„Ja, gerne!“ Rußschwarzchen half immer, wenn er es konnte.
„Halt!“, rief Rosenblau dazischen. „Die Brombeeren sollten wir lieber nicht anfassen. Jetzt ist doch Mai, da sind Brombeeren noch gar nicht reif. Mit denen stimmt etwas nicht. Vielleicht sind sie verzaubert.“
„Hmmm, da habt ihr Recht“, entgegnete die alte Frau, „Ihr seid klug, und zu den Räubern gehört ihr bestimmt nicht. Ich habe euch nur gefragt um euch zu testen.“ Sie kicherte ein bisschen, dann erklärte sie, dass sie selbst eine Hexe sei, weshalb sie auch den bösen Zauber in den Brombeeren sehen könne. Sie sei aber eine gute Hexe und wolle den beiden Jugendlichen gerne zur Seite stehen.
Rosenblau fiel ein Stein vom Herzen. Von Anfang an hatte sie bei der Stimme der Alten ein gutes Gefühl gehabt, was sie jetzt sagte, passte dazu. Da erzählte das blinde Mädchen der guten Hexe von dem gefangenen Prinzen, den Räubern und der Belohnung. Und die Hexe hatte gleich eine Idee: Sie wusste, dass bei den Räubern eine böse, junge Hexe war, die die Brombeeren verzaubert hatte. Und die wollten sie nun mit ihren eigenen Waffen schlagen. Also zauberte die gute Hexe einen wunderbar duftenden Brombeerkuchen herbei, mit genau diesen Zauberbrombeeren. Das ging ganz einfach, sie musste nur den richtigen Zauberspruch aufsagen. Schon stand auf dem Waldboden direkt vor dem Brombeergestrüpp, hinter dem sich der Eingang zur Räuberhöhle befand, ein Teller, darauf war schön angerichtet und mit Puderzuker bestäubt ein Kuchen, bei dessen Anblick jedem sofort das Wasser im Mund zusammenlief. Aber wer genau hinsah, konnte bemerken, dass nur noch die Hälfte der Brombeeren an den Zweigen hingen.
Die alte Frau, Rosenblau und Rußschwarzchen hatten sich kaum in einem anderen Gebüsch gegenüber versteckt, da kamen schon die Räuber aus der Höhle. Der Kuchen verströmte nämlich einen so herrlichen Duft, eine Verlockung, der sich kein Räuber entziehen konnte. Die schwarz gekleideten, unrasierten und ungewaschenen Unholde stürzten sich auf den Kuchen, jeder von ihnen wollte so viel wie möglich davon ergattern. In Windeseile stopfte sich jeder in den Mund, was er fassen konnte. Je weniger vom Kuchen übrig war, desto mehr stritten und prügelten sich die Männer, zuletzt lagen sie auf dem Bauch im Kreis um den Kuchenteller herum und versuchten, die letzten Brösel aufzuschlecken, während sie sich gleichzeitig mit den Fäusten bearbeiteten. Und dann blieben sie gleich so liegen und schnarchten. Die Zauberbrombeeren ließen alle in einen tieften Schlaf fallen.
Alle, nur leider nicht die junge Hexe. Die war mit ihren Räubern aus der Höhle gerannt, hatte aber den Zauber im Kuchen bemerkt. Also schimpfte sie und brüllte die Räuber an, den Kuchen nicht anzurühren, aber vergebens. Als jetzt alle Räuber laut schnarchten, blickte sie sich suchend um. Irgendwo musste eine andere Person sein, die zaubern konnte.
Sofort entbrannte ein wilder Zauberkampf zwischen den beiden Hexen. Jede versuchte, die andere mit ihrer Zauberkraft zu besiegen, aber beide waren ungefähr gleich stark. Keine konnte die andere bannen, so sehr es jede auch versuchte. Beide zitterten von der Anstrengung, mit der sie sich gegenseitig in Steine verwandeln wollten.
Rosenblau und Rußschwarzchen verharrten eine Weile still, dann flüsterte der Junge: „Das klappt nicht. Beide Hexen sind gleich stark. Das ist wie letzte Woche, als ich mit Hans bei uns im Dorf Armdrücken gemacht habe. Da hat auch keiner gewonnen.“
„Was ist mit den Räubern?“, fragte sie ebenfalls flüsternd, „sind die noch da?“
„Ja, aber sie schnarchen alle,“ antwortete Rußschwarzchen.
„Dann schnell, führ mich in die Räuberhöhle. Drin ist es vermutlich dunkel, aber das macht für mich ja keinen Unterschied. Da werde ich mich schon zurechtfinden.“
Der Junge fragte nicht lange. Schon betraten die beiden die Höhle. Mit den Händen tastete sich Rosenblau an den Höhlenwänden entlang, während sie behutsam ihre Füße aufsetzte. Bald blieb sie stehen. „Hier ist jemand, ich höre das Atmen. Aber von unten, er liegt auf dem Boden.“ Sie ging in die Hocke und ertastete eine am Boden liegende Gestalt, mit vornehmer Kleidung, das spürte sie am Stoff, ein junger Mann, der nach einem edlen Parfüm duftete: der Prinz, der gefesselt und geknebelt da lag. Ihre geschickten Finger brauchten keine Minute, um die Knoten der Fesseln zu lösen, und wiederum wenige Minuten später traten sie alle zusammen aus der Höhle hinaus.
Dort tobte der Hexenkampf noch immer. Nur leider schienen der alten Frau langsam die Kräfte auszugehen, sie sank immer mehr in die Knie. Die junge Hexe triumphierte: „Gleich hab ich dich! Jetzt zaubere ich dir die Zauberkräfte weg, dann bist du verloren. Ene, mene, eins, zwei drei, mit allem Zauber ist’s vorbei! Hexhex!“
Im gleichen Moment fiel die alte Frau kraftlos nieder. Aber der jungen Hexe ging es nicht anders. Auch sie stürzte – hatte sie doch ihren Zauberspruch falsch formuliert: Mit diesem Spruch hatte sie jeglichen Zauber auf der ganzen Welt ausgelöscht.
Rußschwarzchen sprang sofort herbei und packte die böse Hexe. Er begriff zwar nicht alles, aber dass die böse war, das hatte er längst begriffen. Er war jung und kräftig, unter seinem Griff hatte sie keine Chance. Der Prinz hingegen wandte sich sofort den am Boden liegenden Räubern zu. Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte er mit jeder Hand einen Räubersäbel gepackt, und als die Räuber jetzt langsam erwachten (weil ja der Schlafzauber auch erloschen war), wagte keiner von ihnen aufzustehen, stand doch der Prinz mit den Säbeln bewaffnet drohend über ihnen, genau in der Mitte, auf dem Teller, auf dem noch kurz zuvor der Brombeerkuchen gewesen war.
Rosenblau holte die Stricke, mit denen zuvor der Prinz gefesselt gewesen war, aus der Höhle, und schon waren alle Bösewichte einschlißeßich der jungen Hexe an der Flucht gehindert. Dann geleiteten die Retter gemeinsam den Prinzen zum Schloss seines Vaters. Dort erhielten Rosenblau, Rußschwarzchen und die alte Frau zusammen die versprochene Belohnung, und dann bat der Prinz das schöne Mädchen auch noch, seine Frau zu werden.
Rosenblau aber lehnte ab, sie konnte einfach nicht vergessen, dass der Prinz ihre Ungeschicklichkeit für Dummheit gehalten hatte. Außerdem hatte sie ihr Herz längst dem liebevollen Nachbarsjungen Rußschwarzchen geschenkt, dessen Verstand zwar langsam arbeitete, auf dessen Herz sie sich aber immer verlassen konnte. Zusammen mit der alten Hexe, die ja auch keine Zauberkräfte mehr besaß, lebten sie nun glücklich und zufrieden in dem kleinen Bauerndorf, und der Belohnung wegen sogar in bescheidenem Wohstand. Alle im Dorf achteten und bewunderten sie jetzt sogar.
Nun wissen wir also, warum es heute keine Hexen- und Zauberkräfte mehr auf der Welt gibt.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 4a der Grundschule Pullach

Version der Klasse 4b der Grundschule Pullach (Schuljahr 2017/2018)

Allerdings waren das sehr eigenartige Schritte, die Rosenblau mit ihren besonders geschulten Ohren schon vernahm, als sie kaum sonst ein Mensch hätte hören können. Kleine Füße mit kurzen Beinen, wie von Kindern. Offenbar barfuß, denn mit Schuhen an den Füßen klingen Schritte anders. Aber kleine Kinder gehen meist nicht so behände, wer kam da? Hochkonzentriert versuchte sie jeden Hinweis zu erlauschen: vermutlich drei Personen, relativ klein. Nur wer?
Ihr Freund Rußschwarzchen verharrte ebenfalls regungslos und lauschte. Zwar hatte er keine Ahnung, warum er das tat, aber er tat es seiner Freundin nach, und sein Gespür war gut genug um zu begreifen, dass hier vielleicht eine Gefahr nahte.
Nach wenigen Sekunden fasste ihn Rosenblau am Arm: „Ich weiß nicht, wer da kommt. Schnell, wir müssen uns verstecken,“ flüsterte sie, „ Aber wo? Am besten nicht bei diesen Brombeeren, irgendwo anders. Siehst du was?“
„Auf der anderen Seite vom Weg, da hinter uns, da ist ein dichtes Gebüsch,“ raunte Rußschwarzchen zurück, ohne ein weiteres Wort ergriff er ihren Arm und führte sie fast geräuschlos dorthin, wo sie sich auf den Boden zwischen herabhängende Haselnusszweige und dichten Farn kauerten.
Inzwischen waren diese unbekannten Gestalten näher gekommen, drei tiefe Stimmen nuschelten undeutlich, Rosenblau konnte Fetzen eines gemurmelten Gesprächs vernehmen. „Rußschwarzchen, wer kommt da?“, flüsterte sie.
„Drei kleine Leute,“ gab er ebenso leise zurück. „Ich kenne sie nicht. Sie haben ganz viele Haare und sind recht schmutzig. Da wird ihre Mama aber schimpfen. Obwohl, Kinder sind das nicht…“
Bald blieben die drei stehen, nur wenige Meter entfernt. Sie hoben ihre Nasen und schnüffelten, dann murmelte einer: „Hier ischt jemand. Isch riesche esch.“ Ein anderer bestätigte: „Esch schind schogar tschwei. Aber schie rieschen schehr schauber. Dasch können keine Räuber schein.“ „Da drüben schind schie!“, murmelte der dritte, und schon stapften die drei haarigen Gesellen auf das Versteck der Jugendlichen zu. Dem Mädchen klopfte vor Angst das Herz bis zum Hals. Schon hörte sie, wie jemand die Zweige, hinter denen sie versteckt waren, auseinander bog.
„Da haben wir schie. Wasch tut ihr tschwei hier? Und warum verschteckt ihr eusch?“
„Bitte tut uns nichts. Und ich kann auch nichts sehen, ich bin blind,“ antwortete Rosenblau, so ruhig sie konnte. Sie wusste aus Erfahrung, dass sie Fremden am besten sofort von ihrer Blindheit erzählte, sonst wussten die das nicht und nahmen keine Rücksicht. Wenn sie sich auch nicht vorstellen konnte, wie sehen eigentlich ist.
Inzwischen standen die drei Männchen, die sich als Trolle vorstellten, um sie herum. Sie berichteten, dass sie ebenfalls auf der Suche nach dem Prinzen waren. Der König, der Vater des Prinzen, hatte nämlich einen eigenen Zauberer in seinem Schloss. Und dieser Zauberer hatte die Macht, die Trolle loszuschicken. Deshalb waren die Trolle hier im Wald, von den Rittern des Königs wussten sie, dass die Räuber nicht weit weg sein konnten.
„Das glauben wir auch,“ meinte das blinde Mädchen. „Wir versuchen nämlich auch, den Prinzen zu befreien. Wollen wir uns zsammentun?“ Freudig grunzend stimmten die Trolle zu, dann überlegten alle: Wenn das Räuberversteck nicht weit weg war, dann war es vermutlich eine Höhle hier im Wald. Vielleicht hatten sogar diese eigenartigen Brombeeren mit den Räubern zu tun.
Plötzlich hörten sie von dem Brombeergestrüpp her ein lautes Wiehern. Einer der Trolle machte den anderen ein Zeichen, dann schlich er sich dorthin. Gleich darauf war er zurück und berichtete: „Hinter den Brombeeren ischt der Eingang tschu einer Höhle, die musch tschiemlisch grosch schein. Gleisch am Anfang ischt ein Pferd angebunden, dasch kenne isch ausch dem Schlosch. Esch ischt dasch Pferd desch Printschen.“
Schon entwickelten alle einen genialen Plan: Die drei Trolle schlichen sich in die Räuberhöhle hinein, banden das Pferd des Prinzen los und führten es vor die Höhle hinaus. Dort kitzelten sie es, bis es mehrmals laut wieherte. Dann sprangen sie auf das Pferd und ritten davon, aber nicht zu schnell. Als die Räuber in der Höhle nämlich das Wiehern hörten, rannten sie aus ihrem Versteck, aus Angst, dass ihnen mit dem teueren Pferd auch ein Teil ihrer Beute abhanden käme. Das Pferd wollten sie doch für viel Geld auf dem Viehmarkt verkaufen! Vor der Höhle erblickten sie es und rannten sofort hinterher, auch die Hexe ließ sich vom Jagdfieber anstecken. Ohne an den gefangenen Prinzen zu denken, verfolgten alle das Pferd, das in ausreichender Entfernung vor ihnen durch den Wald trabte.
Inzwischen schlichen sich Rosenblau und Rußschwarzchen in die Räuberhöhle. Bis hinter die Brombeeren führte der Junge das Mädchen, aber in der Höhle tauschten sie die Rollen. Dass es dort dunkel war, machte für Roseblau nämlich keinen Unterschied, sie bewegte sich genauso vorsichtig und geschickt wie immer. Bald hatte sie sich in die Höhle hineingetastet, hatte die Atemzüge und undeutlichen Hilferufe des am Boden liegenden, gefesselten und geknebelten Prinzen gehört, hatte mit ihren flinken Fingern die Knoten der Fesseln gelöst. Der Prinz war befreit, schnell schlichen sie aus der Höhle hinaus, dann führte der Prinz seine zwei Befreier zu Fuß bis zum Schloss. Er hatte schon gehofft, dass der Zauberer seines Vaters die Trolle zu Hilfe schicken würde, und vermutete, dass diese mit ihrer List die Räuber bis in die Nähe der Stadt lockten. So war es auch, und dort war es für die königlichen Ritter ein Leichtes, die Räuber und die Hexe zu verhaften.
Warum sich die Hexe nicht durch Zauberei befreit hat? Der Zauberer hatte nicht nur die Macht, Trollen Befehle zu geben, er hatte sogar die Kraft, der Hexe sämtliche Zauberkräfte wegzunehmen.
Der Vater des Prinzen war natürlich überglücklich, seinen Sohn wohlbehalten wieder im Schloss zu haben. Dem blinden Mädchen und ihrem Freund wollte er sofort die versprochene Belohnung auszahlen. Aber noch bevor das Gold aus der Schatzkammer geholt werden konnte, fiel der Prinz vor Rosenblau auf die Knie und bat sie, seine Frau zu werden. Die willigte ein, aber nur unter der Bedingung, dass auch Rußschwarzchen bei ihnen im Schloss leben durfte. Die Belohnng wollten sie dann gar nicht mehr haben, die schenkten sie den armen Bauern im Dorf.
Der weise Köng erkannte rasch die Probleme, die Rußschwarzchen beim Lernen immer gehabt hatte. Und so gab er diesem einen besonderen Lehrer, der mit viel Geduld dem Jungen dabei half, langsam klüger zu werden.
Und die Trolle? Die sollten auch nicht leer ausgehen. Für ihre Hilfe bedankte sich der König mit einem großen Festmahl, bei dem alles gekocht wurde, was Trolle gerne essen.
Die armen Bauern in dem Dorf dachten nun voll Bewunderung an das blinde Mädchen und den Jungen, die bei ihnen aufgewachsen waren und es so weit gebracht hatten. Geradezu ehrfürchtig sprachen sie von ihnen, und noch in Jahrhunderten werden alle Menschen in der ganzen Gegend gerne von ihnen erzählen.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 4b der Grundschule Pullach

Version der Klasse 4c der Grundschule Pullach (Schuljahr 2017/2018)

Aber es waren keine normalen Schritte, die Rosenblau schon hören konnte, als sie noch sehr weit entfernt waren. Ungleichmäßig, langsam. ‚So geht jemand, der eine Verletzung hat‘, überlegte sie. ‚Der Mann oder die Frau hinkt. Aber ich glaube nicht, dass er oder sie sehr alt ist. Trotz des Hinkens bewegt sich die Person ziemlich geschickt, hebt die Füße vom Boden und setzt sie behutsam wieder auf. Alte Leute schlurfen mehr, ziehen die Schuhe über den Boden. Ach ja, Schuhe, ich glaube gar nicht, dass die Person Schuhe trägt, sie tritt nur mit den Zehen und dem Ballen auf, da höre ich keinen Schuhabsatz…‘ Innerhalb von Sekundenbruchteilen schoss dem blinden Mädchen das alles durch den Kopf. Dann raunte sie ihrem Gefährten zu: „Psst, Rußschwarzchen, sag jetzt nichts. Hier kommt jemand, schnell, verstecken wir uns. Siehst du, wo wir uns verstecken könnten?“
Ihr Freund begriff zwar nicht, was los war, aber er vertraute Rosenblau. Wenn sie ihn mahnte leise zu sein, dann hatte sie ihre Gründe. Darauf konnte er sich verlassen. „Bei diesen Brombeeren?“, gab er flüsternd zur Antwort.
„Lieber nicht, bei denen stimmt etwas nicht. Es ist Mai, da können Brombeeren nicht reif sein. Vielleicht sind das keine Brombeeren. Oder sie sind giftig. Oder verzaubert. Gibt es noch etwas anderes?“
‚Gegenüber ist ein ganz dicker Baum. Das geht.“ Schon ergriff Rußschwarzchen die Hand des Mädchens und führte sie zu dem Versteck. Die beiden waren so gut auf einander eingespielt, wenn er ihre Hand nur leicht nach links oder rechts zog, wusste sie, wohin sie ihre Füße setzen musste. Wenn er die Hand fest drückte, hieß das, sie solle aufpassen, weil ein Hindernis im Weg lag. Sie brauchten keine Worte. Als die hinkenden Schritte nahe genug waren, dass man die beiden Freunde gesehen hätte, waren die längst hinter dem Baum in Sicherheit. Zumindest vorübergehend in Sicherheit, solange sie hier lautlos verharrten. Hoffentlich hatte Rußschwarzchen begriffen, dass er nicht sprechen durfte. Aber offenbar hatte er das, er atmete sogar möglichst leise.
„Oh, Brombeeren!“, rief die Person, die hinkend hierher gekommen war. Die Stimme klang nach einem jungen Mädchen, vielleicht ebenfalls so um die 17 Jahre alt. Warum hinkte sie? Wenn sie verletzt wäre, müsste sie Schmerzen haben, dann würde ihre Stimme nicht so sanft und fröhlich klingen. Vielleicht lag die Verletzung schon länger zurück, ein gebrochener Knochen, der nicht richtig zusammegewachsen ist? Rosenblau fiel Hans ein, ein Junge aus ihrem Dorf. Nur wenig älter als sie war Hans gewesen. Mit 5 Jahren hatte er eine Krankheit bekommen, die Erwachsenen hatten diese Krankheit ‚Kinderlähmung‘ genannt. Da war das linke Bein von Hans nicht mehr richtig gewachsen, mehrere Jahre lang. Es blieb kürzer, deswegen hinkte er beim Gehen, immer stärker, je älter er wurde und je mehr das andere Bein weitergewachsen war. Vor sieben Jahren war Hans gestorben. Rosenblau wollte das Mädchen schon vor diesen Brombeeren warnen, da hörte sie, wie die zu sich selbst sagte: „Oh halt, es ist ja Mai. Das können keine Brombeeren sein, die sind im Mai noch nicht reif. Die esse ich lieber nicht.“ Ein Lächeln huschte über Rosenblaus Gesicht.
Aber dieses Lächeln gefror sofort wieder, denn auf einmal waren viele dumpfe Schritte zu hören, von schweren Stiefeln. Irgendwie gedämpft klangen die Schritte. Hoffentlich verhielt sich Rußschwarzchen weiterhin still. Sie drückte seine Hand, er erwiderte den Druck, er hatte verstanden. Dann raschelten Zweige, die Schritte wurden klarer. „Dort ist eine, die schnappen wir uns!“, brüllte eine Männerstimme. Andere Männer fielen böse kichernd ein. Das hinkende Mädchen versuchte davonzulaufen, aber das war für sie natürlich schwierig. Bald wurde sie von den Männern gepackt, sie schrie auf, dann wurde ihr vermutlich der Mund zugehalten, und man schleppte sie in die gleiche Richtung, aus der die Männer gekommen waren. Deren Stiefelgeräusche wurden wieder dumpfer, irgendwie schien der Boden die Männer langsam zu verschlucken. Jetzt wurde Rosenblau klar: Hinter diesen seltsamen Brombeeren musste der Eingang einer Höhle sein. Die Räuberhöhle!
Als alles wieder still geworden war, fragte sie Rußschwarzchen, und der bestätigte mit kanppen Worten ihre gehörten Beobachtungen. „Aber diese Räuber sind gemein! Das arme Mädchen! Sie ist sehr hübsch, gefällt mir. Und sie kann doch nicht weglaufen, weil sie ein krankes Bein hat. Diese Räuber sind ganz gemeine Blödmänner!“ Nur mit Mühe konnte er seine Wut soweit im Zaum halten, dass er nicht laut losschimpfte.
Aber Rosenblau beruhigte ihn, sie hatte bereits einen Plan gefasst: „Wir müssen diese Räuber dazu bekommen, dass sie selber die Brombeeren (oder was auch immer das ist) essen. Aber wir müssen vorsichtig sein, wenn die Früchte verzaubert sind, könnte eine Hexe zu den Räubern gehören. Und dem Prinzen, der wahrscheinlich in der Höhle gefangen ist, dürfen die Räuber keine Beeren geben.“
„Aber das machen die Räuber doch nicht,“ widersprach Rußschwarzchen. „Räuber wollen immer alles für sich haben. Die geben doch keine Beeren ab. Bestimmt haben sie selbst Hunger. Und die Beeren schauen so lecker aus. Ich darf ja nichts davon essen, hast du gesagt…“ Den verlockenden Beeren zu widerstehen, fiel ihm noch immer schwer.
„Dann müssen wir den Räubern die Beeren irgendwie so präsentieren, dass die sie essen und nicht merken, dass das ihre eigenen Beeren sind.“
„Pflücken wir sie eben in die Schüssel hinein, dann stellen wir die den Räubern vor den Eingang. Das sehen die gleich, wenn sie rauskommen, und dann essen sie sie…“ Für Rußschwarzchen war alles ganz einfach.
„Welche Schüssel?“, fragte Rosenblau völlig verwundert, aber Rußschwarzchen zog etwas vor seinem Bauch hervor und gab es ihr in die Hand, damit sie danach tasten konnte. Kein Zweifel, eine Strohschüssel. „Wo hast du die denn her?“
Ihr Freund antwortete: „Heute früh hat mir Mama angeschafft, die Hühner zu füttern. Das habe ich den ganzen Tag gemacht. Mama hat mich wohl vergessen und mir deshalb nicht gesagt, dass ich aufhören kann. Das war vielleicht viel Arbeit! Als wir beide in den Wald gegangen sind, hatte ich die leere Schüssel immer noch. Aber ich hab doch meine Hände gebraucht, um dich zu führen. Da hab ich die Strohschüssel ein bisschen zusammengedrückt und mir in den Hosenbund gesteckt. Wenn ich sie bei uns im Garten stehen gelassen hätte, dann hätte ich bestimmt Ärger gekriegt…“
Rosenblau musste leise lachen bei dieser Schilderung. Dann führten sie ihren Plan aus: schon nach wenigen Minuten stand die mit lecker aussehenden Beeren gefüllte Schüssel vor dem Höhleneingang. Und es dauerte auch nicht lange, bis einige von den Räubern aus der Höhle kamen und die Beeren entdeckten. Gierig wie sie waren, stürzten sie sich brüllend auf ihre Beute, ihr Geschrei lockte natürlich die anderen Räuber und auch die Hexe herbei. Die Unholde stritten und prügelten sich um die Beeren, jeder wollte mehr davon als die anderen essen – in wenigen Augenblicken war die Schüssel leer und alle Bösewichte lagen schnarchend auf dem Boden. Auch die Hexe, ihre eigenen Zauberbeeren versetzten auch sie in tiefsten Schlaf.
Als alle schnarchten, führte Rußschwarzchen das blinde Mädchen in die Höhle hinein. Dort war es dunkel, er konnte sie nun nicht mehr sicher führen. Aber sie ihn – denn dunkel war es für Rosenblau ja immer. Geschickt tastete sie sich an den Höhlenwänden entlang, bald fand sie eine gefesselte Person am Boden. Ihre geschickten Finger spürten die Knoten und lösten sie in einer Geschwindigkeit, die jeden Sehenden bei hellem Tageslicht übertraf. Noch bevor sie den Knebel lösen konnte, mit dem die Gefangene am Sprechen gehindert wurde, wusste sie, dass es das andere Mädchen war, denn sie spürte ein Bein kürzer als das andere.
Der Prinz war ebenso gefesselt und lag nur ein paar Meter weiter. Auch er wurde befreit, bald standen alle draußen in Freiheit. Auf dem schnellsten Weg eilte der Prinz mit seinen Rettern zum Schloss und schickte von dort aus seine Ritter in den Wald, wo sie die schlafenden Räuber und die ebenfalls schnarchende Hexe festnahmen. Letztere wurde so fest in Ketten gelegt, dass sie weder an ihren Zauberstab noch an ihre Zauberkräuter gelangen konnte. Ihrer gerechten Gefängnisstrafe entging auch sie nicht.
Der Prinz hatte das schöne blinde Mädchen aus dem Dorf längst wiedererkannt. Auf den Knien bat er sie um Verzeihung dafür, dass er sie im ersten Moment für dumm und ungeschickt gehalten hatte. Und wenn er schon mal auf seinen Knien war, bat er sie auch gleich, seine Frau zu werden. Rosenblau willigte lachend ein, aber nur, wenn Rußschwarzchen die ganze Belohnung alleine bekam. Die würde er bestimmt brauchen, hatte sie doch längst gespürt, dass die Stimme ihres Jugendfreundes einen ganz besonderen Klang bekam, sooft er von dem armen Mädchen mit der Kinderlähmung sprach.
Und wenn Rosenblau heiratete, wollte Rußschwarzchen das auch. Der Prinz war gerne damit einverstanden, dass die zwei Hochzeiten gemeinsam im Schloss gefeiert wurden.
Das arme Mädchen zog mit ihren Eltern in das Bauerndorf. Dort waren sie dank der Belohnung nun die wohlhabendsten Bauern, alle achteten und ehrten das junge Paar, das alle nur noch mit Herr und Frau Schwarzruß ansprachen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben noch heute alle glücklich.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Kinder der Klasse 4c der Grundschule Pullach

Version der Kinder der Ferienbetreuung Kirchheim bei München, November 2017

… Allerdings hörte auch Rosenblau mit ihrem gut trainierten Gehör die Schritte erst sehr spät, als diese schon ganz nahe waren. Offenbar versuchte jemand sich heranzuschleichen. Oder wollte er unbemerkt an ihnen vorbei? Bestimmt war es nur einer, und er setzte seine Füße sehr vorsichtig auf den Boden, um möglichst wenig Geräusche zu verursachen. „Rußschwarzchen“, flüsterte sie, „da kommt jemand. Dreh dich mal vorsichtig um.“
Der Kopf des Jungen arbeitete zwar oft nur langsam und schwerfällig, aber sein Gespür war gut genug, um jetzt keine langen Fragen zu stellen. Behutsam drehte er sich um, dann gab er ebenfalls flüsternd zur Antwort: „Ein junger Mann, sehr schön angezogen. Er will sich hinter uns verstecken. Da wird aber seine Hose schmutzig, dann kriegt der bestimmt Ärger…“
Plötzlich rief das Mädchen freudig: „Das muss der Prinz sein, ich erkenne den Duft seines Parfüms. Er hat gestern im Dorf mit mir gesprochen, deshalb erinnere ich mich daran. Rußschwarzchen, da müssen wir uns verbeugen…“ Und sofort machte sie eine Verbeugung in die Richtung, in der sie den Prinzen vermutete. Ihr Freund tat es ihr nach.
Zögerlich kam der Prinz auf sie zu. Bald erfuhren sie, dass dieser tatsächlich von den Räubern gefangen worden war, deren Räuberhöhle sich gleich hier hinter den Brombeersträuchern befand. Aber der Prinz hatte sich befreien können. Als die Räuber nämlich die durch die Zauberbrombeeren außer Gefecht gesetzten Bauern ausraubten und fortschleppten, war nur noch einer zu seiner Bewachung in der Höhle zurückgeblieben. Und der war schon alt und hörte nicht mehr gut. Die Gelegenheit hatte der Prinz genutzt: Er hatte sich aus seinen Fesseln befreit und war unbemerkt aus der Höhle geschlichen. Seinen Mantel hatte er zusammengerollt und in der Ecke der Höhle zurückgelassen, so dass die zurückgekehrten Räuber wohl dachten, er schlafe. Lange hatte sich der Prinz hier in der Nähe in einem Gebüsch versteckt, weil er nicht wusste, wie viele Räuber es insgesamt waren und ob nicht im nächsten Augenblick einer von ihnen auftauchen würde. Als er jetzt Rosenblau und Rußschwarzchen zum Höhleneingang gehen sah, glaubte er, dass die nicht zu den Räubern gehörten, und er versuchte sie zu belauschen. Vielleicht würden sie ihm ja Hilfe bringen? „Und jetzt erkenne ich dich auch,“ sagte er plötzlich zu Rosenblau mit einem Lächeln. „Du bist das hübsche Mädchen, das mir gestern schon in dem armen Dorf aufgefallen ist.“
Doch die unterbrach ihn: „Psst, da kommt noch jemand. Es müssen mindestens fünf recht kleine Leute sein, sie haben kurze Beine und setzen die Schritte immer knapp hinter einander.“ Wie in Zeitlupe drehte sich der Prinz um und versuchte zu erkennen, wen Rosenblau meinte. Denn dass das hübsche Mädchen nichts sehen konnte, das hatte er inzwischen begriffen.
Und wirklich, sieben kleine Männer mit roten Zipfelmützen kamen im Gänsemarsch direkt auf sie zu. Sie machten aber keinen gefährlichen Eindruck, und so blickte er ihnen offen entgegen. Als sie nicht mehr weit entfernt waren, reihten sie sich neben einander auf und machten vor dem Prinzen eine artige Verbeugung. Derjenige von ihnen, der den längsten Bart hatte, war offenbar der Anführer, denn er trat nun einen halben Schritt vor und begann zu sprechen: „Guten Tag, königliche Hoheit. Wir sind die sieben Zwerge und bitten Sie höflichst um Hilfe. Denn wir werden verfolgt. Hier im Wald gibt es nicht nur die junge Hexe, die bei den Räubern lebt, sondern auch eine ganz alte Hexe. Die hat eine kleine Hütte in der Nähe der großen Eiche. Und die will einen ganz fiesen Zaubertrank kochen. Mit uns als Zutat! Für was dieser Zaubertrank gut sein soll, wissen wir auch nicht. Aber wir wollen nicht gekocht werden! Bitte helfen Sie uns! Aber Sie müssen vorsichtig sein, hier ganz in der Nähe ist die Räuberhöhle…“
„Danke, das weiß ich“, entgegnete der Prinz. „Die haben mich nämlich gefangen, sie wollen Lösegeld von meinem Vater erpressen. Ich konnte mich zwar befreien, aber bestimmt werden sie das bald merken.“
„Sind die Räuber jetzt alle in ihrer Höhle?“, fragte der Zwerg mit dem langen Bart, und der Prinz meinte, vermutlich sei das so, aber sicher wisse er es nicht. Da hatten die Zwerge einen tollen Plan: Sie wollten schnell alle Maulwürfe, die im Wald leben, zur Unterstützung herbeirufen. Gemeinsam wollten sie eine Räuberfalle bauen: „Wir Zwerge graben nämlich in Bergen und Hügeln immer nach Gold und Edelsteinen,“ führte der Anführerzwerg aus, „das ist unsere Arbeit. Auch hier im Boden genau unter uns haben wir einen unterirdischen Stollen gegraben. Den wollen wir zusammen mit den Maulwürfen ganz schnell erweitern, bis der Boden nur noch aus einer dünnen Erdschicht besteht.“
„Haha, und wenn die Räuber aus der Höhle rausrennen, dann bricht unter ihnen alles zusammen.“ Rußschwarzchen war begeistert. „Das ist mir auch schon mal passiert, als ich zu Hause auf unser Schuppendach klettern wollte. Das hat Mama gar nicht gefallen.“
Rosenbau staunte, dass ihr Freund das so schnell begriffen hatte. Aber sie kannte ihn gut genug um zu wissen, dass es in seinem zähen, nebelverhangenen Denken manchmal solche Lichtblitze gab.
Inzwischen begannen die Zwerge bereits, ihren Plan auszuführen. Der Prinz, Rosenblau und Rußschwarzchen versteckten sich in dem dichten Gebüsch, in dem der Prinz schon zuvor gekauert hatte, von dort aus hörten sie leise die Grabegeräusche im Waldboden. Wie die Zwerge mit ihren vermutlich winzgen Werkzeugen ein solches Tempo an den Tag legen konnten, blieb ihnen schleierhaft. Schon nach einer Viertelstunde kamen die sieben Männchen wieder zum Vorschein. Sie brachten einen kleinen Sack mit, den sie auf dem Boden abstellten, vermutlich genau über der Falle. Um den Sack herum nahmen sie im Kreis Platz, dann holten sie duftende Kekse aus dem Sack hervor und begannen zu schmatzen. „Hier haben wir unsere Zwergenkekse,“ brüllte ein Zwerg in den Wald hinein, so laut, dass es bestimmt nicht nur Rosenblau hören konnte. „Zwergenkekse sind unsere Spezalität, die schmecken so lecker, wie sonst nichts auf der Welt. Und wir haben sie erst gestern gebacken, sie sind noch ganz frisch.“
„Oh jaaaa!“, stimmten die anderen Zwerge mit lautem Geschrei zu. „Wir lieben unsere Zwergenkekse! Das gibt ein Festessen. Lecker!!!!“
„Warum schreien die so?“, fragte Rosenblau flüsternd, und der Prinz antwortete: „Ich glaube, die wollen die Räuber aus ihrer Höhle locken.“
Genau so war es auch. In der Höhle hörten die Räuber ebenfalls das Gebrüll von den leckeren Keksen, und es wären schlechte Räuber gewesen, wenn die sich die Kekse nicht sofort unter die Nägel hätten reißen wollen. Mit erhobenen Säbeln und Keulen stürmten sie hinter den Brombeeren hervor, die junge Hexe mittendrin. Die schlauen Zwerge aber ließen ihre Kekse rasch fallen und rannten davon. Sobald die Räuber ein paar Meter weit gekommen waren, gab der Boden unter ihnen nach, mit lautem Gepolter stürzten sie in eine unterirdische Grube. Durch ihr Gewicht war die dünne Erdschicht zusammengebrochen, eine Art Krater war entstanden, auf dessen Grund sie nun kreuz und quer über einander lagen. Vor Schreck suchten die Räuber ihr Heil in der Flucht, sie entdeckten auch bald zahlreiche kleine Gänge, die von dieser kraterähnlichen Grube abzweigten. So schnell sie konnten, zwängten sie sich in diese Zwergenstollen. Jeder Räuber (und auch die Hexe) versuchte es an einer anderen Stelle, aber die Gänge waren so klein, dass alle in ihnen stecken blieben. Die Hexe hatte zwar ihre geheimen Zauberkräuter in der Tasche, aber in dem engen Zwergenstollen war sie so eingezwängt, dass sie nicht an ihre Tasche kam.
Nachdem die Räuber so ausgeschaltet waren, nahm der Prinz Rosenblau an die eine, Rußschwarzchen an die andere Hand. Zu den Zwergen sagte er nur: „Folgt uns!“, und schon führte der Prinz alle seine Retter durch den Wald bis zum Schloss seines Vaters. Sollte er den Räubern von dort aus Hilfe schicken? Nein, er überließ sie ihrem Schicksal. Sie hätten ihn auch in der Höhle verrotten lassen, selbst wenn der Vater das Lösegeld gezahlt hätte. So hatte er sie sprechen gehört. Dann sollten die Räuber zur Strafe ruhig auch in den Zwergengängen feststecken und verschimmeln.
Und wie ist die Geschichte ausgegangen?
Schon bei ihrer ersten Begegnung im Dorf hatte sich der Prinz in das schöne Mädchen Rosenblau verliebt, und so bat er sie nun, seine Frau zu werden. Die beiden heirateten und lebten glücklich im Schloss. Rußschwarzchen durfte ebenfalls im Schloss leben und wurde zum königlichen Vorkoster ernannt – eine Aufgabe, die er mit großer Freude gewissenhaft ausführte. Und die Zwerge, deren unterirdische Behausungen durch den Einsturz stark beschädigt waren? Auch die blieben im Schloss und übernahmen das Kochen in der Schlossküche. Dort waren sie in Sicherheit, die böse alte Hexe würde sich nicht ins Schloss wagen, also würde sie nie ihren Zwergenzaubertrank kochen können.
Täglich buken die Zwerge im Schloss ihre berühmten Zwergenkekse, von denen Rußschwarzchen beim Vorkosten immer ganz besonders viele probieren musste. So lebten also alle glücklich, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben noch heute alle glücklich in diesem Schloss.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Kinder der Ferienbetreuung Kirchheim bei München

Version der Klasse 2b der Grundschule an der St.-Konrad-Straße, Haar (Schuljahr 2016/2017)

… Allerdings waren das sehr eigenartige Schritte, die da zu vernehmen waren. Natürlich hatte Rosenblau mit ihrem gut trainierten Gehör sie zuerst wahrgenommen: „Psst, Rußschwarzchen, sei mal mucksmäuschenstill!“, raunte sie ihrem Freund zu. „Da kommt jemand. Oder etwas, es könnte auch ein Tier sein, denn es sind viele Schritte von kleinen Füßen. Die trippeln irgendwie. Aber ich habe auch leise Stimmen gehört, vielleicht sind es doch Menschen. Sehr kleine…“
„Verstecken wir uns lieber schnell“, gab der Junge flüsternd zur Antwort. „Hier, hinter den Brombeeren. Da unten geht es, da ist das Gestrüpp nicht so dicht. Kriechen wir dahinter.“ Schon kroch er voraus, Rosenblau blieb dicht hinter ihm und hielt dabei einen Zipfel seines Hemdes fest, damit sie ihn nicht verlor. Die andere Hand hielt sie sich schützend vor das Gesicht, um sich vor den Brombeerdornen zu schützen. Hinter dem Gestrüpp war auf einmal wieder mehr Raum, und weil sie ja auf allen Vieren kroch, spürte sie mit den Fingerspitzen, dass der Boden hier aus Felsgestein bestand, von vielen Füßen glatt getreten. „Was ist hier?“, flüsterte sie Rußschwarzchen zu.
Der antwortete leise: „Eine Art Höhle, der Eingang ist direkt hinter den Brombeersträuchern. Die Höhle muss ganz schön groß sein, soweit ich das sehe…“
Rosenblau lauschte auf die sich nähernden Schritte. „Und wer kommt da?“
„Kleine Männchen, es sind viele, so viele kann ich nicht zählen. Aber sie haben keine Zipfelmützen. Dann sind es keine Heinzelmännchen und auch keine Zwerge. Wie heißen die mit den strubbeligen Haaren?“
„Kobolde?“, riet das blinde Mädchen unsicher.
„Ja genau!“ ihr Freund schien sich darüber gar nicht zu wundern. „Jetzt kommen die direkt auf uns zu. Ich glaube die wollen auch in die Höhle.“
„Dann müssen wir weiter hinein, damit wir uns verstecken können. Sie dürfen uns nicht entdecken.“ Auf allen Vieren kroch das Mädchen weiter ins Innere der Höhle, Rußschwarzchen kroch neben ihr und achtete immer darauf, dass sie ihn irgendwo berühren konnte.
Aber leider kamen sie nicht weit, denn aus dem Inneren der Höhle drangen Stimmen und die Schritte schwerer Stiefel. „Jetzt werden die Kobolde bald da sein,“ konnte Rosenblau eine schrille Frauenstimme vernehmen, „dann sind die zwei Jugendlichen in der Falle. Gut dass ich die vor unserer Höhle bemerkt habe. Mit meinen magischen Kräften habe ich die Kobolde zu Hilfe gerufen, da werden wir die zwei gleich haben. Bestimmt wollen die den Prinzen befreien.“
Nun konnte sich Rosenblau also leicht ausrechnen, wo sie hier gelandet waren. Sie mussten aufstehen, denn auf allen Vieren konnten sie sich ja überhaupt nicht wehren. Mit der rechten Hand bekam sie einen auf dem Höhlenboden liegenden Stock zu fassen, das war ein Glück. Mit so einem Stock konnte sie sich den Weg ertasten, dann hatte sie die andere Hand frei, falls sie kämpfen mussten. Rosenblau ergriff den Stock, mit der gleichen Bewegung erhob sie sich auch schon aus der Hocke. Rußschwarzchen tat es ihr nach, ohne den Grund zu verstehen.
In dieser Aufwärtsbewegung schwenkte das blinde Mädchen den Stock in einer kreisförmigen Bewegung vor sich hin und her, um sicher zu sein, dass kein Hindernis in ihrem Weg lag. Aber inzwischen waren die Kobolde flink unter dem Brombeergestrüpp hindurchmarschiert (sie waren so klein, sie mussten sich nicht einmal ducken). Schon standen sie kampfbereit in unmittelbarer Nähe der beiden Jugendlichen.
Plötzlich vernahm Rosenblau ein erschrecktes und wütendes Geschrei, ihr Stock war auf einen beweglichen Widerstand gestoßen. Oder auf mehrere? In der schwungvollen Bewegung hatte Rosenblau, ohne es zu ahnen, sämtliche Kobolde gleichzeitig umgeworfen. Diese hielten sich nun ihre von den Schlägen mit dem Stock schmerzenden Köpfe.
Aber natürlich machte dies die Kobolde erst richtig wütend. Rußschwarzchen und Rosenblau saßen in einer schrecklichen Falle: Auf der einen Seite lauerten die Räuber mit der Hexe, auf der anderen Seite die erbosten Kobolde, dazwischen gab es kein Entrinnen. Was sollten sie nur tun? „Rußschwarzchen, siehst du noch irgendeinen anderen Weg?“, flüsterte das blinde Mädchen so ruhig wie möglich. Der aber schüttelte nur den Kopf, eine Bewegung, die sie zwar nicht sehen, dennoch aber spüren konnte. Waren sie verloren?
In den nächsten Augenblicken aber geschah nichts. Rosenblau wartete daruf, dass sie bald von Räuberhänden oder Kobolden gepackt würde, aber nichts passierte. Nicht einmal eine Bewegung oder ein Laut war zu hören. Da erst merkte Rosenblau, dass auch sie sich nicht mehr rühren konnte, alle in der Höhle waren wie eingefroren. Wie konnte das sein?
Endlich hörte sie etwas. Wieder Schritte, diesmal aber ganz anders, sehr langsam, wie bei einem ganz alten Menschen. Noch immer konnte sie sich nicht bewegen, aber da ertönte eine Stimme in der Höhle. Alt und rauh, aber ruhig und freundlich: „Verzeiht mir, dass ich euch allen zumindest vorübergehend die Bewegungen geraubt habe. Anders ging es nicht, sonst hättet ihr euch gegenseitig weh getan. Jetzt könnt ihr nicht anders, ihr müsst mich anhören.“ Der Mann, der da in die Höhle kam, war offenbar sehr alt, aber auch sehr höflich. Als er neben Rosenblau und Rußschwarzchen angekommen war, stellte er sich als guter Zauberer vor, sein Name sei nicht wichtig, so meinte er. „Die Hexe hat schon lange etwas gegen mich, weil ich ja nur für das Gute zaubere. Deshalb bekämpft sie mich. Und mit ihren Räubern hat sie schon vielen Menschen Schaden zugefügt. Die Kobolde hat sie mit ihrer Magie herbeigerufen. Ich habe gespürt, dass hier Gefahr droht, deshalb bin ich gekommen. Ihr Kobolde könnt jetzt frei entscheiden, darum gebe ich euch zuerst eure Stimmen wieder zurück: Wollt ihr weiter tun, was die böse Hexe euch befiehlt?“
„Nein!“, schallte es aus vielen kleinen Kehlen glechzeitig. „Das wollen wir nicht. Wir wollen auch für die gute Seite sein.“
„Dann müsst ihr uns das zeigen. Lasst euch einfallen, wie!“, gab der Zauberer zu bedenken. „In der Zwischenzeit gebe ich diese beiden jungen Menschen wieder frei. Ihr könnt euch wieder bewegen. Sagt mir: warum seid ihr hier?“
Rosenblau erzählte dem Zauberer, dass sie den Prinzen befreien wollen, da schmunzelte dieser: „Hab ich’s mir doch gedacht! Königliche Hoheit, darf ich bitten…?“ Dann murmelte er noch ein paar unverständliche Zauberworte, und schon lösten sich von ganz alleine die Stricke, mit denen der Prinz gefesselt war. Im Handumdrehen erhob sich der Prinz vom Boden, auf dem er gefesselt gelegen hatte, und trat näher, um seine Befreier zu sehen. Nicht schlecht staunte er, als er das blinde Mädchen wiedererkannte, die ihm seit dem gestrigen Tag nicht aus dem Kopf gegangen war. Unverzüglich fiel er vor ihr auf die Knie und bat sie, seine Frau zu werden.
Die hauchte erfreut eine leise Zustimmung, aber dann bat sie den Prinzen, auch ihren Freund Rußschwarzchen nicht zu vergessen. Noch ehe sie sich eine passende Belohnung ausdenken konnte, riefen die Kobolde: „Jetzt wissen wir, wie wir euch zeigen können, dass wir für das Gute sind: Das Mädchen dort ist blind. Mit unseren Zauberkräften können wir ihre Augen wieder gesund machen.
So nahm die Geschichte rasch ein gutes Ende: Rosenblau wurde gesund, sie heiratete den Prinzen und lebte glücklch mit ihm im Schloss. Die Räuber und die böse Hexe aber ließ der Prinz von seinen Rittern verhaften und im Schlossverließ einsperren. Und damit sich die Hexe nicht durch Zauberei befreien konnte, hängte der gute Zauberer zwei Fledermausflügel an das Türschloss der Gefängnistür. Diesen Zauber konnte sie nämlich nicht überwinden. Die 1000 Taler Belohnung wurden gerecht aufgeteilt, alle bekamen ihren Anteil: der gute Zauberer und die Kobolde, Rosenblau und Rußschwarzchen, und auch die armen Bauern im Dorf.
Und Rußschwarzchen? Der Prinz erkannte bald, dass der Junge mit seinen ungewöhnlichen Ideen sehr viel Lustiges hervorbrachte. Und so ernannte er ihn zum Hofnarren im Königsschloss, wo er nie mehr schwer arbeiten musste, sondern immer nur Spaß machen konnte.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Klasse 2b der GS an der St.-Konrad-Straße

Version der Klasse 2d der Grundschule an der St.-Konrad-Straße, Haar (Schuljahr 2016/2017)

… Die  Schritte waren sehr leise, jemand kam, der wohl gewohnt war, seine Füße möglichst lautlos auf den Boden zu setzen. Aber Rosenblau mit ihren gut trainierten Ohren vernahm die Schritte trotzdem. Wer mochte das sein? „Rußschwarzchen, da kommt jemand. Ich glaube es ist nur eine Person, sie muss schon recht nahe sein, schau dich mal vorsichtig um,“ raunte sie ihrem Freund zu.
Dieser wandte sich sofort um und erblickte einen grün gekleideten, jungen Mann, einen Hut mit kurzer Krempe und langer Feder auf dem Kopf. „Da kommt einer, ganz grün angezogen, den kenne ich nicht“, gab Rußschwarzchen mit viel zu lauter Stimme zur Antwort. Aber der junge Mann hatte sie ohnehin längst bemerkt, er war ihnen sogar gefolgt. Mit elastischen Bewegungen kam er näher.
„Was will der von uns?“, rief Rußschwarzchen, man spürte die Angst in seiner Stimme. „Vielleicht ist das ein Räuber. Der darf dir nichts tun!“ Den letzten Satz sprach er mit einer Entschlossenheit, die ihm kaum jemand zugetraut hätte.
Jetzt war der Fremde bei den beiden angelangt, seine Augen blickten neugierig und vorsichtig zugleich. „Wer seid ihr? Was tut ihr hie…?“ Weiter kam er nicht, denn Rußschwarzchen zögerte keine Sekunde. Sobald der Fremde nah genug herangekommen war, nahm er mit einer flinken Bewegung Schwung, ballte gleichzeitig seine rechte Hand zur Faust und schlug zu. Das alles mit einer Kraft, Geschmeidigkeit und Präzision, die jedem Berufsboxer zur Ehre gereichen würde.
„Au!!!“ Der Fremde schrie vor Schmerz laut auf und hielt sich die Hand an die Nase. „Das hat noch keiner gewagt!“, fügte er hinzu, nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte.
„Rußschwarzchen, was hast du getan?“, fragte Rosenblau sehr verunsichert. Sie hatte die Geräusche des Schlags gehört und aus den Bewegungen auch richtig geschlossen, dass ihr Freund den Fremden schlimm getroffen haben musste.
„Der darf dir nichts tun!“, wiederholte Rußschwarzchen und holte zum nächsten Schlag aus.
„Hör auf, du Dummkopf!“, erklang da die Stimme des Fremden, etwas dumpf, denn er hatte noch immer die Hand vor der Nase. Zwischen seinen Fingern fiel der erste Blutstropfen zu Boden. „Verdammt, meine Nase blutet,“ fügte er hinzu, sobald er es bemerkte. „Und ich habe kein Taschentuch.“
„Dann nimm doch das,“ murmelte Rußschwarzchen, der Verletzten immer helfen wollte. Er kramte das schöne Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche. Das Stofftaschentuch, das mit dem Wappen des Prinzen bestickt war, und das die beiden zuvor im Wald gefunden hatten. Der Fremde griff danach und wischte sich damit das Blut aus dem Gesicht, dann stutzte er: „Wo habt ihr zwei denn dieses Taschentuch her? Das muss dem Prinzen gehören, ich erkenne es an dem eingestickten Wappen. Aber ihr zwei seid doch arm, eurer Kleidung nach zu urteilen… Deswegen wollte ich euch eigentlich helfen, aber ihr habt mich ja gleich niedergeschlagen.“
„Helfen? Das kann ich doch nicht wissen. Du bist uns nachgeschlichen. Und Rosenblau darf niemand etwas tun!“ Rußschwarzchen war sehr entscheiden. Wenn es um das blinde Mädchen ging, gab es für ihn keinen Zweifel.
„Aber ihr müsst mich doch kennen. Alle armen Leute im Land kennen mich, man nennt mich Robin Hood“, entgegenete der Grüne.
„Ach sooo“, war nun Rosenblaus schöne Stimme zu vernehmen. „Das kann ich nicht sehen, weil ich ja blind bin.“ Dann erzählte sie Robin alles, was sie wusste: von dem gefangenen Prinzen, den sie befreien wollten, von der Belohnung und den armen Bauern in ihrem Dorf.
Und Robin erklärte sich sofort bereit zu helfen. „Die Räuber müssen hier irgendwo ihr Versteck haben. Die sind mir schon lange ein Dorn im Auge, denn sie bestehlen auch die Armen. Wer den Reichen etwas klaut, ist mein Freund, aber wer den Armen Schaden zufügt, der kriegt es mit mir zu tun.“
„Mit mir auch!“, rief Rußschwarzchen mit all der Entschlossenheit dieses Tages.
„Pscht!!!“, machten Rosenbau und Robin gleichzeitig, Rußschwarzchen hielt sofort inne – genau im richtigen Augenblick. Denn genau jetzt erscholl leise und dumpf dröhnend ein langgezogener Hilferuf. Die Stimme eines jungen Mannes, sie schien aus einer Art Höhle zu kommen, genau hinter dem dichten Brombeergestrüpp, vor dem sie noch immer standen. Trotz des dumpfen Klanges erkannte Rosenblau die Stimme: „Das ist der Prinz!“, flüsterte sie, „hier muss er gefangen sein.“
„Ach, halt doch die Klappe!“ Das war eine tiefe, sehr unfreundliche Männerstimme, die ebenfalls aus der Höhle hinter den Brombeeren zu kommen schien.
„Aha, die Räuber sind also auch da“, raunte Robin den beiden Jugendlichen zu. „Dann haben wir also die Räuberhöhle entdeckt. Kommt, verstecken wir uns in dem anderen Gebüsch gegenüber und beobachten erst einmal alles.
Rußschwarzchen hätte die Räuberhöhle lieber auf der Stelle im Sturm erobert, aber er sah ein, dass Robin sich mit solchen Dingen einfach besser auskannte. Also bezogen die drei ihren Beobachtungsposten. Und das war genau die richtige Taktik.
Einige Zeit später nämlich beschlossen die Räuber, erneut auf Beutezug zu gehen. Sie hatten großen Hunger, und abzuwarten, bis für den Prinzen Lösegeld gezahlt würde, dauerte ihnen zu lange. Im Gänsemarsch krochen sie hinter den Brombeeren aus ihrer Höhle hervor, der letzte von ihnen drehte sich noch einmal um und rief in die Höhle hinein: „Also, Kumpel, pass gut auf den gefesselten Prinzen auf. Das schaffst du alleine. Wenn er wieder schreit, hau ihm was auf die Rübe! Sobald wir Beute gemacht haben, kommen wir wieder.“
„Ist gut!“, scholl es dumpf aus der Höhle zurück. „Der Prinz wird keine Schwierigkeiten machen, dafür sorge ich!“
Dieses Gespräch hörten auch Robin und seine neuen Gefährten. Und so wussten sie, dass sie die Gelegenheit nutzen mussten: jetzt bewachte nur noch ein Räuber den Prinzen. Sollten sie gegen den kämpfen? Robin Hood hatte eine bessere Idee: er war sich sicher, dass der Räuber vor Langeweile bestimmt bald einschlafen würde. Und richtig, schon wenige Minuten später drang dumpfes Schnarchen hinter den Brombeeren hervor.
Jetzt schlichen sich die drei Retter in die Höhle – und zwar das blinde Mädchen voran. Denn für sie machte es ja keinen Unterschied, dass es hier dunkel war, sie konnte sich im Dunkeln besser als alle anderen orientieren. Fast lautlos hatten sie sogleich den schnarchenden Räuber umzingelt. Mit einer raschen Bewegung packte ihn Robin, und noch ehe der sichs versah, war er schon mit dem Strick, der Robin sonst als Gürtel diente, gefesselt. Die Befreiung des Prinzen ließ natürlich auch nicht lange auf sich warten. Robin führte diesen und die beiden Jugendlichen über eine Abkürzung, die nur wenige kannten, auf dem schnellsten Weg zum Schloss, wo der König über die Rettung seines Sohnes mehr als glücklich war.
Nachdem er den Prinzen mit Freudentränen in den Augen umarmt hatte, gab der König sogleich den Rittern die nötigen Befehle: Sie sollten sofort alle Räuber im Wald verhaften und ins Gefängsnis werfen. Den gut bewaffneten königlichen Rittern gelang dies problemlos, alle Räuber und auch die Hexe wurden eingesperrt. Aber konnte diese sich nicht aus dem Gefängnis hinaushexen? Das wusste Robin zu verhindern: Man nahm ihr einfach den Zauberstab weg und verbrannte diesen, so verlor sie ihre Zauberkräfte.
Der Prinz hatte ja schon zuvor ein Auge auf das schöne Mädchen Rosenblau geworfen. Jetzt begriff er endlich, dass die Blindheit die Ursache für ihre gelegentliche Ungeschicklichkeit war. Aber egentlich war sie viel geschickter als alle anderen. Der Prinz zögerte nicht länger, sofort bat er sie, seine Frau zu werden. Und Rosenblau willigte gerne ein, aber nur unter der Bedingung, dass ihr Freund Rußschwarzchen ebenfalls im Schloss leben dürfe.
Rußschwarzchen bekam außerdem die vom König als Belohnung ausgelobten 1000 Goldtaler, auf die Rosenblau als Gemahlin des Prinzen natürlich leicht verzichten konnte. Und Robin? Der wollte nichts von dem Geld, ihm lag ja stets am Herzen, dass die Reichen den Armen etwas geben. Er wünschte sich vom König Pfeil und Bogen und ein neues Schwert. Das waren seine Wünsche für sich selbst. Für die armen Bauern im Dorf aber hatten die drei noch eine zu-sätzliche Bitte: der König solle aus dem Schloss täglich gutes Essen in das Dorf liefern lassen. Auf diese Weise ging es nun allen Menschen in jenem Land gut. Alle lebten glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch.

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Version der Hortkinder von Konfetti e.V., München (Mai 2017)

… Selbst Rosenblau mit ihrem gut trainierten Gehör konnte diese Geräusche, die da langsam näher kamen, nicht gleich als Schritte erkennen. Langsame, schlurfende Geräusche waren das, aber sehr kurz und leise, von einer Art Murmeln begleitet. „Sei mal still,“ raunte sie ihrem Freund Rußschwarzchen zu. „Ich höre etwas. Dreh dich vorsichtig um, vielleicht kannst du etwas sehen. Es könnte ein kleines Tier sein, vielleicht ein Fuchs? Aber spricht der?“
Während sich Rußschwarzchen unsicher umwandte, konnte sie sogar einen gemurmelten Satz von diesem eigenartigen Wesen verstehen: „Zu dumm, Blaubeeren gibt es auch noch nicht. Ich hab so Hunger.“
„Da kommt ein kleines Männchen“, flüsterte Rußschwarzchen. Es hat eine rote Zipfelmütze auf dem Kopf und so einen langen Bart…“
„Ach, ein Zwerg“, antwortete Rosenblau, „deswegen waren die Schlurfgeräusche so kurz, er hat ja ganz kurze Beine.“
Der Zwerg schien die beiden noch nicht bemerkt zu haben, irgendetwas suchte er offenbar, wahrscheinlich Nahrung. Jetzt rief er erfreut: „Oh, da sind Brombeeren. Wunderschöne Brombeeren, an diesem großen Strauch. Die pflücke ich mir gleich!“ So schnell er konnte, rannte er zu dem Brombeergestrüpp.
„Halt, lieber Zwerg!“, rief das blinde Mädchen ohne lange zu überlegen. „Die Brombeeren darfst du nicht essen, die müssen verzaubert sein. Jetzt ist doch Mai, da kann es noch keine reifen Brombeeren geben.“
Verblüfft hielt der Zwerg inne und überlegte. Nach einer Weile antwortete er: „Ja stimmt, da hast du recht. Hab ich ganz vergessen. Wisst ihr, ich hab so Hunger, ich kann gar nicht mehr richtig denken…“
Langsam kam der Zwerg näher, dann saßen alle drei gemeinsam auf dem Waldboden. Der Gnom mit der roten Zipfelmütze dankte den beiden Jugendlichen nochmals für die Warnung, dann erzählte er, dass er ja eigentlich wisse, dass hier im Wald Räuber hausten, und bei ihnen auch eine Hexe. Vor Hunger habe er das nur vergessen. Und Rosenblau berichtete von dem Prinzen, den sie suchten. Dann überlegten sie gemeinsam, was sie zusammen tun könnten. „Das wird nicht leicht sein,“ gab das Mädchen zu Bedenken. „Sogar mit ihrer List mit dem Kuchen konnten die Frauen aus unserem Dorf den Räubern nicht auf die Schliche kommen.“
„Kuchen?“ Der Zwerg wollte das genau wissen. Dann hatte er den rettenden Einfall: Sie könnten ja gemeinsam schnell Kuchen backen, die meisten Zutaten dafür hatte er in seinem Zwergenhaus. Nur keine Milch, stattdessen würden sie den Saft dieser verzauberten Brombeeren verwenden. Bestimmt würden die Räuber diesen Kuchen verschlingen, ohne zu merken, dass der Brombeersaft darin war – und sich dann mit ihrem eigenen Zauber vergiften.
So schnell er auf seinen kurzen Beinen konnte, führte der Zwerg seine neuen menschlichen Freunde zu seinem Zwergenhaus. Aber als sie dort waren, standen sie vor dem nächsten Problem: Das Zwergenhaus war natürlich sehr klein. Rosenblau und Rußschwarzchen passten überhaupt nicht durch die Tür. Wieder war es der Zwerg, der Rat wusste: Er hatte einige Zauberkräuter, mit denen er die beiden Jugendlichen einfach schrumpfen lassen konnte. „Aber müssen wir dann immer so klein bleiben?“, fragte das blinde Mädchen, bevor diese Schrumpfkräuter zum Einsatz kamen.
„Nein, nein“, beruhigte der Zwerg sie, „wenn ihr wieder größer werden wollt, sagt mir nur Bescheid. Da gibt es nämlich noch andere Kräuter, die diesen Schrumpfzauber rückgängig machen. Dann seid ihr wieder so wie vorher.“ Schon bestreute er sie mit seinen Schrumpfkräutern, dann fuhr er fort: „Jetzt kommt nur in mein Haus, wir wollen gleich mit dem Kuchenbacken anfangen. Aber bevor wir den Brombeersaft in den Teig rühren, esse ich ein bisschen Zucker, Mehl und Butter, einfach so. Weil ich doch so Hunger habe.“, kündigte der Zwerg an.
„Die Idee ist echt gut,“ meinte Rußschwarzchen, „weil wir nur den Saft nehmen, werden die Räuber die Brombeeren im Kuchen nicht erkennen. Aber warum hast du die normalen Zutaten nicht vorher schon gegessen?“
Der Zwerg zuckte nur mit den Schultern: „Hab ich nicht drangedacht. Ich sag doch, wenn ich Hunger habe, kann ich einfach nicht gut denken…“
Als der Kuchen fertig war, mussten sich Rußschwarzchen und der Zwerg sehr anstrengen, nicht doch von dem frisch gebackenen, duftenden Backwerk zu naschen. Aber dann hatte der Zwerg noch einen guten Einfall: Er wusste, auf welchem Weg die Räuber oft durch den Wald schlichen. Dorthin wollten sie mit dem Kuchen gehen, und wenn dann Räuber kämen, würde er ihnen vorschwindeln, dass man durch diesen Kuchen sogar unsichtbar werden könnte. Dann könnten die Räuber viel besser stehlen – und bei so einer Aussicht würden die Räuber bestimmt nicht zögern, den ganzen Kuchen aufzuessen.
Genau so machten sie es auch. Bald schon schliefen alle Räuber durch den verzauberten Brombeersaft im Kuchen und schnarchten geradezu um die Wette. Und die Hexe? Die hatte auch Hunger, hatte genau wie die anderen Räuber den Kuchen in sich hineingestopft und sich mit den anderen um die letzten Krümel gestritten. Jetzt schlief auch sie.
Die schnarchenden Räuber ließen sie einfach liegen, denn jetzt galt es ja den Prinzen zu befreien. Und wer konnte wissen, wieviel Zeit sie dazu hatten? Bestimmt war der Prinz in der Räuberhöhle gefangen, aber wo mochte diese sein?
Zum Glück funktionierte das Denken beim Zwerg jetzt wieder besser, und so fiel ihm ein, dass er im Wald mal einen hohlen Baumstamm entdeckt hatte. Dass der Baumstamm hohl war, konnte man von außen aber kaum erkennen, denn er hatte eine Art Tür: große Rindenstücke ließen sich an Türangeln nach hinten klappen. Das hatten die Räuber gebaut, ihr Geheimausgang.
Schnell eilten die drei Freunde nun zu diesem Baum, klappten die Geheimtür auf und krochen in den hohlen Baumstamm. Aber dort war irgendwie kein Boden, alle drei rutschten schräg nach unten in den Berg hinein, wie auf einer riesigen Rutschbahn. Und wo landeten sie? Genau mitten in der Räuberhöhle.
Dort war es stockfinster, aber das bemerkte Rosenblau natürlich nicht, für sie war die Dunkelheit ja normal. Ihre scharfen Sinne sagten ihr schon nach wenigen Sekunden: Hier waren keine Räuber, nur ein Mensch atmete nicht weit von ihnen entfernt, er schien am Boden zu liegen. Und er duftete nach einem edlen Parfum – das war also der Prinz, den Rosenblau am Tag zuvor schon einmal gerochen hatte. In Windeseile war der gefesselte Prinz befreit und alle gelangten über den normalen Eingang der Räuberhöhle wieder in den Wald – genau hinter den verzauberten Brombeersträuchern.
Der Prinz dankte seinen Rettern zunächst nur mit knappen Worten, denn jetzt eilten sie alle auf dem schnellsten Weg ins Schloss.
Der König dort war überglücklich, seinen Sohn wohlbehalten wieder bei sich zu haben. Unverzüglich schickte er seine Ritter in den Wald, die die noch immer schnarchenden Räuber sofort festnahmen und ins Gefängnis warfen. Natürlich bekamen die drei Retter die vom König versprochene Belohnung, die sie gerecht unter sich aufteilen wollten – aber nicht nur das: Dem Prinzen war endlich klar geworden, dass er Rosenblau liebte, und er bat sie, seine Frau zu werden. Die willigte gerne ein, aber nur unter der Bedingung, dass auch Rußschwarzchen im Schloss leben durfte.
Und der Zwerg? Der aß sich erst einmal richtig satt, und dann fiel ihm ein, dass der Oberzwerg des Waldes ihm einmal etwas von ganz besonderen Heilkräutern erzählt hatte. Mit seinem Anteil an der Belohnung wanderte der Zwerg zum Oberzwerg – und der wollte Rosenblau und Rußschwarzchen mit seinen Heilkräutern gerne gesund machen. Auf diese Weise konnte Rosenblau zum ersten Mal im Leben tatsächlich sehen. Und Rußschwarzchens verschleierte Gedankengänge wurden auf einmal klar und klug. So klug, dass der Prinz ihn bat, künftig sein Berater zu werden.
Weil nun alles gut ausgegangen war, ließ der König im Schloss alles für ein großes Fest vorbereiten. Und zu diesem Fest wurden auch die Bauern des armen Dorfes eingeladen. Die staunten nun nicht schlecht, als sie erfuhren, dass die von allen oft verhöhnte Rosenblau als Prinzessin im Schloss leben würde, der von allen für dumm gehaltene Rußschwarzchen als Berater des Prinzen. Da erkannten die Bauern ihre Fehler und baten die beiden um Verzeihung.
So lebten nun alle glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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…Das langsame Schlurfgeräusch dieser Schritte war kaum zu hören, nur Rosenblau mit ihrem feinen, gut trainierten Gehör hatte es vernommen. „Psst,“ raunte sie ihrem Freund Rußschwarzchen zu, „da kommt jemand. Dreh dich ganz vorsichtig um. Ich glaube nicht, dass es ein Mensch ist.“
„Quaaak!“, machte es da schon hinter den beiden.
„Ist das ein Frosch?“, fragte das blinde Mädchen erstaunt. Irgendetwas schien eigenartig an dem Frosch, er setzte seine patschigen Füße anders auf den Boden, als es Frösche gewöhnlich tun.
Rußschwarzchen konnte nicht sofort antworten, er musste erst die Gedanken in seinem Kopf sortieren. Aber da drang schon die quakende Stimme des Frosches, oder was es auch war, an Rosenblaus Ohren: „Nein, ich bin kein Frosch, sondern eine Kröte.“
„Und du kannst sprechen?“ IhreVerwunderung kannte keine Grenzen, nur für Rußschwarzchen schien eine sprechende Kröte ziemlich normal zu sein: Wenn Menschen sprechen konnten, warum sollten es dann Kröten nicht können?
„Ich bin ein verzauberter Prinz“, erklärte die Kröte. „Kommt doch näher und helft mir.“
Ob die beiden Freunde so schnell schon den entführten Prinzen gefunden hatten? Rußschwarzchen eilte geschickt auf dem holprigen Waldpfad zu der Kröte hin, aber er vergaß nicht, seine Hand nach hinten auszustrecken, so dass Rosenblau sie ergreifen und ihm folgen konnte. Neugierig beugten sich die beiden über die Kröte, mit einem Mal quakte diese ein unverständliches Zauberwort – und im gleichen Augenblick verwandelte sie sich in eine ziemlich große, schwarz ge- kleidete, vermummte Gestalt, die hämisch grinste.
Das blinde Mädchen sah natürlich nicht, was da für eine plötzliche Bewegung neben ihr vor sich ging, und Rußschwarzchen konnte alles überhaupt nicht begreifen: „Wer? Wo? Was? … Wo ist … die Kröte… ich meine … der Prinz…?“, stotterte er. Aber da war er schon von den starken Armen des Räubers gepackt, noch ehe er sich’s versah, waren seine Hände auf dem Rücken gefesselt. Und Rosenblau erging es genauso, sie hatte keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren oder zu entkommen.
„He, he, es ist schon gut, dass wir eine eigene Hexe haben“, feixte der Räuber, während er die beiden Jugendlichen vor sich her in die Höhle trieb, welche sich gleich hinter dem Brombeergebüsch auftat. „Sie hat gehört, dass da jemand vor unserem Eingang war, und hatte diese geniale Idee. Mit ihrer Zauberei konnte ich den zur Kröte verhexten Prinzen spielen – und mich im richtigen Moment mit einem kleinen Zauberwort zurückverwandeln. Aber diese zwei da würden uns ohnehin nicht gefährlich werden. Die eine ist blind, der andere blöd im Kopf – bei denen kann ich mir sogar das Durchsuchen sparen. Ihr kommt jetzt mit in die Höhle, da liegt schon der gefesselte Prinz, neben dem ist noch ein Plätzchen für euch frei…“ Böse stieß er die beiden vor sich her, die blinde Rosenblau hatte große Mühe nicht hinzufallen.
Mehrere hundert Meter ging es in die Höhle hinein, offenbar unterirdisch, das konnte Rosenblau aus dem modrig-feuchten Geruch und dem Klang ihrer Schritte schließen. Endlich wurden sie auf den feuchten, harten Boden gestoßen, wo sie sich hinlegen sollten. Rechts neben Rosenblau lag noch jemand, und am besonderen Duft seines edlen Parfums erkannte sie den echten Prinzen, denn dem war sie ja am Tag zuvor im Dorf begegnet. Der böse Räuber schlurfte bald wieder davon, offenbar zu den anderen Räubern, die in einiger Entfernung an einem kleinen Feuer saßen, über dem sie ein gefangenes Rebhuhn brieten.
„Guten Tag, königliche Hoheit,“ flüsterte Rosenblau nach rechts. „Seien Sie unbesorgt, wir sind gekommen, um Sie zu befreien.“ Vor Staunen konnte der Prinz nichts antworten, aber das Mädchen fuhr zu ihrem Freund gewandt fort: „Rußschwarzchen, ist es hier hell?“
„Nein, total schummrig,“ murmelte der Junge. „So finster wie in unserem Rübenkeller zu Hause.“
„Das ist gut,“ entgegnete sie. „Als blindes Mädchen bin ich die Dunkelheit ja gewöhnt, ich werde mich hier besser als alle anderen zurechtfinden. Wenn ich nur diese blöden Fesseln aufbekäme.“
„Würde dir ein Messer helfen?“, fragte Rußschwarzchen.
„Ja natürlich, aber woher soll ich das nehmen?“
„Ich habe doch eines dabei. Ich habe es in mein rechtes Hosenbein mit hineingekrempelt. Als wir in den Wald gingen, hab ich eines mitgenommen. Weil ich mir dachte: wenn wir gegen Räuber kämpfen, brauche ich eine Waffe. Aber in der Hand kann ich es nicht halten, weil ich doch dich führen muss.“
„Oh Rußschwarzchen, auf deine Art bist du klüger als viele andere,“ antwortete Rosneblau und musste sich anstrengen, vor Freude nicht zu laut zu sprechen. „Bleib einfach still liegen, ich rutsche auf dem Boden zu dir und hole mir das Messer.“ Mit geschickten Händen und völlig lautlos tastete das Mädchen nach dem Messer, bald hatte sie es aus der schützenden Lederhülle gezogen, schon war der Strick ihrer Handfessel durchtrennt. Wenige Augenblicke später waren auch der Prinz und Rußschwarzchen befreit. Keiner hätte das im Dunkeln so schnell und lautlos geschafft wie sie. Dann flüsterte sie: „Bleibt hier, ich suche mal nach einem Ausgang!“ Schon kroch sie ohne das geringste Geräusch auf allen Vieren davon.
Nach etwa zehn Minuten war sie wieder zurück. „Wir dürfen nicht in die Richtung der Räuberstimmen fliehen, sondern in die entgegengesetzte. Wird es dort immer dunkler?“ Der Prinz bestätigte es. „Dort ist eine kleine Extrahöhle, das hab ich gerade ertastet. Sie ist nur durch einen schmalen Gang zugänglich, neben dem liegt ein großer Stein, den ihr zu zweit rollen könnt. Dorthin locke ich jetzt die Räuber, dann könnt ihr den Gang mit dem großen Stein verschließen.“
„Aber was werden die Räuber dann mit dir machen?“, fragte Rußschwarzchen, und alle wunderten sich, wie er so schnell auf diesen Gedanken gekommen sein konnte. Die Sorge um seine Freundin stand für ihn einfach immer an erster Stelle.
„Keine Angst,“ beruhigte ihn das Mädchen, „am Ende der Extrahöhle ist eine Falltür, die habe ich sogar schon aufgemacht. Darunter ist ein weiterer Gang, und der führt ins Freie, denn ich rieche von dort frischere Luft. Vermutlich der geheime Ausgang der Räuberhöhle. Da lasse ich mich einfach hinununterfallen und versperre von unten die Falltüre mit einem großen Stock, den ich dagegen klemme. So ein Stock liegt oben neben der Falltür, er müsste die richtige Länge haben, ich hab es schon ungefähr ausprobiert. Wahrscheinlich haben die Räuber den Stock sogar bereit gelegt, um die Geheimtür zu versperren, falls Ritter ihre Höhle stürmen. Jetzt macht euch bereit!“
Schon war Rosenblau davongekrochen, bald hörte man lautes Scharren aus der Extrahöhle, auf das auch bald die Räuber aufmerksam wurden. Natürlich glaubten sie sich entdeckt und stürzten kampfbereit in die Richtung des Geräuschs – alles klappte genau so, wie Rosenblau es geplant hatte. Von der einen Seite versperrten Rußschwarzchen und der Prinz die Extrahöhle mit dem Stein, von unten klemmte das Mädchen den Stock gegen die Falltür, er hatte genau die richtige Länge. Die Räuber schlugen von oben gegen die Falltür, sie hämmerten mit den Fäusten – aber der Stock gab keinen Millimeter nach.
Rosenblau kroch durch den geheimen Ausgang ins Freie, der Prinz und Rußschwarzchen verließen die Räuberhöhle durch den normalen Eingang – bald hatten sie das blinde Mädchen entdeckt, das neben dem Geheimausgang auf sie wartete.
Natürlich eilte der Prinz mit seinen beiden Rettern auf schnellstem Weg zum Königsschloss, von wo aus er die Ritter losschickte, die die gefangenen Räuber ohne Schwierigkeiten verhaften konnten.
Der König zögerte nicht, den beiden Jugendlichen die versprochene Belohnung von 1000 Goldtalern auszuhändigen, aber Rosenblau meinte nur: „So viel Geld brauchen wir beide ja gar nicht. Davon können jetzt alle armen Leute in unserem Dorf zufrieden leben.“
Da fiel der Prinz auf seine Knie und bat das blinde Mädchen: „Du bist so schön, klug und hilfsbereit, ich will keine andere heiraten. Willst du meine Prinzessin werden?“
Alle im Schloss hielten für einen Moment den Atem an, aber Rosenblau lächelte: „Königliche Hoheit, Ihr Antrag ehrt mich sehr, aber ich muss ihn ablehnen. Mein Herz gehört Rußschwarzchen. Ich kenne keinen Menschen, der nur halb so liebevoll für mich sorgt wie er.“
Rußschwarzchen lachte: „Na klar, das war doch schon immer so.“
Wirklich heirateten die beiden und sie lebten lange glücklich in dem kleinen Bauerndorf, wo sie fortan nie mehr verspottet sondern von allen geehrt wurden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

© 2017 Bertram der Wanderer und die Klasse 2f der GS an der Astrid-Lindgren-Straße

Version der Hortkinder der Nordstern Kiddies, Haus f. Kinder des Kreisjugendrings München-Stadt, März 2017

…Rosenblau und Rußschwarzchen vernahmen diese Schritte und erstarrten. Wer kam da? Ob es einer der Räuber war? Konnten sie sich verstecken? Aber wo? Die blinde Rosenblau konnte ein Versteck ja nicht sehen, und ihren Freund Rußschwarzchen nach einem Versteck zu fragen, würde die Räuber erst recht auf sie aufmerksam machen. Falls da Räuber kamen… Auf jeden Fall war es besser, sich so leise wie möglich zu verhalten. „Rußschwarzchen, bleib mucksmäuschenstill,“ raunte das blinde Mädchen ihrem Freund zu.
Dann nahmen ihre trainierten Ohren wahr, wie diese Schritte immer näher kamen. Falls es ein Räuber war, muste der zumindest allein sein, das konnte sie sofort erkennen. Es waren die Schritte einer einzigen Person, und besonders schwer schien diese auch nicht zu sein. Aber sie kam direkt auf die beiden Jugendlichen zu, vermutlich waren sie längst entdeckt. Rosenblau wagte nicht zu atmen. Und Rußschwarzchen? Der konnte zwar nicht begreifen, was da vor sich ging, aber er spürte, dass seine Freundin Angst hatte. Irgendetwas schien gefährlich zu sein, und es war wohl besser, ganz still zu bleiben.
Schließlich waren diese Schritte recht nah herangekommen, nur noch wenige Meter hinter den beiden Jugendlichen hielten sie inne. „Habt keine Angst, ich tue euch nichts.“ Das war eine Frauenstimme, sehr leise. Ob auch sie von den Räubern nicht gehört werden wollte? Rosenblau konnte vor Anspannung nichts erwidern.
Nach einer kurzen Pause flüsterte die Frau hinter ihnen: „Es ist gut, dass ihr diese Brombeeren nicht gegessen habt. Die sind nämlich verzaubert. Gut, dass ihr so aufpasst. Ihr müsste hier so schnell wie möglich verschwinden, aber ganz leise. Genau hinter den Brombeersträuchern ist der Eingang zur Räuberhöhle. Wahrscheinlich haben die Räuber euch noch nicht bemerkt, kommt schnell mit.“
Rosenblau wendete sich um, ihr Gesicht mit den blinden Augen zeigte nun zu der Frau. Wer war sie nur? Rußschwarzchen tat es ihr gleich.
Die Frau machte den beiden ein Zeichen, dass sie ihr folgen sollten. Dieses Zeichen konnte das Mädchen natürlich nicht sehen, aber ihr Freund sah es, und irgendwie spürte er, dass sie mitkommen sollten. Und dass sie so wenigstens vorübergehend aus der Gefahr kämen. Also nahm er die Hand des Mädchens, denn dass sie ihn brauchte, um im Wald nicht zu stolpern, das wusste er ja. Das war ja schon immer so, darüber musste er nicht nachdenken.
Die unbekannte Frau führte die beiden nur ein kurzes Stück weiter, dann versteckten sie sich hinter ein paar dicht bei einander stehenden Bäumen, so dass man sie vom Höhleneingang bestimmt nicht sehen würde. Mit ruhigen, leise gesprochenen Worten erklärte die Frau: „Wisst ihr, ich bin auch bei den Räubern, aber ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Ich will euch nichts tun, ich bitte euch vielmehr, mir zu helfen. Die Räuber zwingen mich für sie zu arbeiten. Nicht nur mit normaler Arbeit, auch mit dem, was die Menschen Zauberei nennen. Ich kenne mich sehr gut mit Kräutern aus, das habe ich von meiner Großmutter gelernt. Von ihr habe ich auch ein paar Fähigkeiten geerbt, die andere Menschen nicht haben und die sie deshalb für böse und gefährlich halten.
„Aber das ist doch dumm,“ rief Rußschwarzchen dazwischen, und Rosenblau machte ihm rasch ein Zeichen, leiser zu flüstern. „Aber du kannst doch auch manches, was andere nicht können,“ raunte er ihr zu. „Zum Beispiel kannst du besser hören als die meisten. Das ist doch nicht gefährlich. Die sind aber dumm.“   Die Frau lächelte, dann erzählte sie weiter. Die meisten Menschen würden sie für eine Hexe halten, sagte sie. Auch die Räuber hätten davon gehört, und da hatten sie die Kinder der Frau entführt. „Meine zwei Goldstücke, meine Tochter und mein Sohn. Sie sind fünf und sieben Jahre alt, was sollte ich tun? Die Räuber halten sie irgendwo gefangen, wo das ist, konnte ich nicht herausfinden. Wenn ich nicht zu den Räubern helfe, wollen sie meine Kinder umbringen. Ich darf nicht einmal weit von der Räuberhöhle weggehen, die Räuber kontrollieren mich fast immer. Auch meine Zauberkräfte helfen mir nicht, denn wenn ich sie gegen die Räuber einsetze, könnten die zwar gefangen werden, aber dann würden meine Kinder bestimmt verhungern. Zum Glück haben die Räuber heute Mittag ein Wildschwein erlegt, gebraten und aufgegessen, jetzt sind sie satt und schnarchen beim Mittagsschlaf. So konnte ich mich wenigstens ein kurzes Stück aus der Höhle schleichen. Ihr beide könntet aber im ganzen Wald suchen. Meine Kinder müssen irgendwo in diesem Wald gefangen sein, denn wenn einer von den Räubern meinen Kindern Essen bringt, kommt er nach ungefähr einer Stunde wieder zurück. Bitte helft mir! Wenn meine Kinder frei sind, dann werde ich den Räubern davonlaufen und die Ritter holen, dass sie die Räuber festnehmen.“
Nach kurzer Überlegung antwortete Rosenblau: „So könnten wir auch den Prinzen befreien. Das Problem ist nur: ich bin blind, im Wald kann ich mich nur schlecht zurechtfinden.“
„Das ist mir schon aufgefallen,“ entgegnete die Frau, „und dafür brauchte ich nicht mal meine Zauberkräfte. Dein Freund führt dich ja immer an der Hand und geht besonders vorsichtig, wenn auf dem Weg ein Hindernis liegt. Außerdem hältst du meist den Kopf etwas schief, so dass du die Richtung von Geräuschen leichter wahrnehmen kannst.“ Dann fuhr sie fort: „Aber weißt du, ihr beide habt es zusammen bis hierher geschafft. Ihr werdet es auch schaffen, meine Kinder zu finden. Bitte, helft ihnen!“
Natürlich konnten Rosenblau und Rußschwarzchen diese Bitte nicht abschlagen. Ohne zu zögern machten sie sich wieder auf den Weg und suchten im Wald nach irgendwelchen Hinweisen auf den Ort, an dem die Kinder der „Hexe“ gefangen waren. Rosenblaus Gehirn arbeitete dabei fieberhaft: Während sie versuchte, jedes noch so leise Geräusch wahrzunehmen, prägte sie sich auch noch jeden Weg ein, den sie zurücklegten. Wie sie das machte? Sie setzte ihre Schritte ganz gleichmäßig und zählte diese mit, immer von einer Abbiegung bis zur nächsten. Auf diese Weise entstand in ihrem Kopf eine ganz spezielle „Landkarte“ des Waldes.
Als es schon fast Abend wurde, vernahmen ihre Ohren pötzlich Hilferufe. Dumpf klangen sie, wie aus einer tiefen Höhle heraus. Und es waren zwei Kinderstimmen. Die Höhle, in der die Kinder der Zauberin gefangen waren, konnte nicht weit sein. Aber wie sollten sie diese befreien?
Da erlauschte das Mädchen noch ein anderes Geräusch: das langsame Hufgetrappel von Pferden. Schwere Pferde, es mussten Reiter darauf sitzen, und leise hörte man auch Eisenklirren. Bei den Räubern hatte sie keine Pferde gehört oder gerochen, und das metallische Klirren konnte eigentlich nur von Schwertern, eisenbeschlagenen Schilden oder Rüstungen stammen. Da kamen Ritter!
Der Rest der Geschichte ist rasch erzählt: Hier näherten sich wirklich die königlichen Ritter, die sich natürlich auf den Weg gemacht hatten, den Prinzen zu retten. Rosenblau wartete mit Rußschwarzchen, bis die Ritter bei ihnen angekommen waren, dann erzählte sie alles. Und die Ritter fackelten nicht lange: in wenigen Augenblicken waren die Kinder der Zauberin befreit. Anschließend führte Rosenblau die Ritter zur Räuberhöhle (wobei die zwei Jugendlichen sogar auf den Pferden mitreiten durften, so dass sich ihre Füße ein wenig ausruhen konnten).
Bald waren alle Räuber von der Übermacht der gut bewaffneten Ritter gefangen, und der Prinz war frei. Als dieser schließich erfuhr, wem er seine Rettung hauptsächlich zu verdanken hatte, und noch dazu das schöne Mädchen Rosenblau wiedererkannte, fiel er sogleich auf seine Knie und bat sie: „Willst du meine Prinzessin werden?“
Rosenblau lächelte leise, dann antwortete sie zögernd: „Köngliche Hoheit, Ihre Frage ist eine unbeschreibliche Ehre für mich. Doch muss ich sie verneinen. Mein Freund Rußschwarzchen ist derjenige, der immer treu zu mir gehalten hat, auf den ich mich immer verlassen konnte. Und mehr noch: auf seine Weise ist er klüger und vor allem liebevoller als alle Menschen, die ich kenne. In meinem Herzen hat er den größten Platz, mit ihm an meiner Seite will ich durch das Leben gehen.“
„Und dass ich dich lieb habe, ist sowieso klar,“ fügte Rußschwarzchen ganz schlicht hinzu.
Der Prinz blickte die beiden an, dann räusperte er sich und meinte: „Vor dieser Liebe würde ich meinen Hut ziehen, wenn mir den die Räuber nicht weg- genommen hätten.“
„Und die Belohnung? Die tausend Goldtaler, die der König versprochen hat?“, fragte einer der Ritter, die neben ihm standen.
„Bitte betrachtet dies als das Hochzeitsgeschenk, das euch mindestens zusteht,“ sagte der Prinz zu Rosenblau und Rußschwarzchen, die sich wie meist an den Händen hielten.
„Darf ich auch noch etwas sagen?“ Sehr leise meldete sich die Frau zu Wort, die immer als Hexe verschrien war und deren Kinder sich nun glücklich an sie schmiegten. „Ich habe euch ja erzählt, dass ich mich sehr gut mit Kräutern auskenne,“ fuhr sie fort. „Heilen kann ich die Krankheit von Rosenblaus Augen und das Durcheinander in Rußschwarzchens Kopf nicht. Aber ich kenne Kräuter, mit Hilfe derer es euch besser gehen wird.“
Und wirklich: Wenige Wochen später heirateten Rosenblau und Rußschwarzchen. Die Kräutertränke der Zauberin halfen den beiden, so dass Rosenblau nun ganz schemenhafte Umrisse erkennen konnte, wie durch dichten Nebel hindurch. Und Rußschwarzchen musste sich beim Denken nicht mehr gar so anstrengen. Da die beiden auch noch die tausend Goldtaler bekamen, konnten sie glücklich und ohne Sorgen im Dorf leben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann werden sie dort auch heute noch als Helden gefeiert.

© Bertram der Wanderer und die Hortkinder der „Nordstern Kiddies“

Version der Klasse 3a der Grundschule am Gernerplatz, Puchheim (Schuljahr 2016/17)

…Die blinde Rosenblau, deren Gehör ja weit besser trainiert war als das der meisten Menschen, vernahm diese Schritte schon, als sie noch sehr weit weg waren. Rasch wisperte sie ihrem Freund zu: „Da kommt jemand, es sind mehrere. Wir müssen uns verstecken, aber nicht bei diesen Brombeeren. Die sind mir nicht geheuer, vielleicht sind sie verzaubert. Siehst du etwas anderes, wo wir uns verstecken können?“
„Na ja“, gab Rußschwarzchen zur Antwort, „auf der anderen Seite von den Brombeeren, da ist erst so niedriges Buschzeugs, aber dahinter stehen ein paar Bäume ganz nah bei einander. Mindestens 5 oder 12, so viele kann ich nicht zählen.“
„Dann schnell, führ mich dorthin. Aber vorsichtig, uns darf niemand sehen oder hören. Vielleicht kommen die Räuber.“ Instinktiv ging Rosenblau auf alle Viere, um sich kleiner zu machen. Auch der Junge ging in die Hocke, dann kroch er voran. Das Mädchen folgte ihm so dicht, dass sie seine Bewegungen erspüren konnte. Kaum hatten sie sich hinter den Bäumen in Sicherheit gebracht, tauchten auch schon mehrer schwarz gekleidete Gestalten auf, schwarze Tücher vor den Gesichtern. Im Gänsemarsch kamen sie auf dem schmalen Pfad durch den Wald, vor dem Brombeergestrüpp blieben sie stehen. Einer nach dem anderen ging in die Hocke und kroch hinter die Brombeerbüsche, so verschwanden sie alle. War da eine Höhle? Oder ein Geheimgang?
Nach einer Weile war nicht einmal mehr das Rascheln von Zweigen zu hören. Da fragte Rosenblau: „Wohin sind sie? Was haben sie gemacht! Wie viele sind sie?“
Ihr Freund beschrieb alles, was er gesehen hatte, so gut er konnte, schließlich meinte er noch: „Wie viele sie waren, kann ich nicht genau sagen, du weißt ja, beim Zählen tue ich mir immer so schwer. Aber es waren mehr, als der Oberbauer in unserem Dorf immer Schafe auf die Weide führt.“
Rußschwarzchen konnte ja kaum Rechnen, aber auf diese Weise verstand das blinde Mädchen: „Aha, ungefähr acht also, und schwarz gekleidet, bestimmt waren es die Räuber. Und hinter diesen komischen Brombeeren, die im Mai ja gar nicht wachsen können, sind sie verschwunden. Vielleicht ist dahinter der Eingang zu ihrem Räuberversteck. Oh, jetzt höre ich wieder Schritte, ich glaube, sie kommen zurück.“ Die beiden Jugendlichen verharrten regungslos hinter den Bäumen, sie wagten kaum zu atmen.
Nach einander krochen die schwarzen Gestalten hinter dem Brombeergestrüpp hervor, dort musste also wirklich der Eingang zu einer großen Höhle sein. Diesmal waren es aber deutlich mehr als vorher, das konnte auch Rosenblau hören. Anscheinend hatten die Räuber ihre Kumpane geholt. Ob die Höhle jetzt leer war? „So, Leute“, hörte sie einen der Männer mit tiefer Bassstimme sprechen. „Dann wollen wir uns mal den Schatz holen. Gut, dass ihr den gefunden habt. Jetzt werden wir reich. Auf geht’s, Männer!“ Er war offenbar der Anführer.
Ein anderer gab zu bedenken: „Soll nicht doch einer von uns hier bleiben? Damit der Prinz nicht abhaut.“
„Keine Sorge,“ entgegnete eine krächzende Frauenstimme, „der ist gefesselt, allein befreit sich der nicht. Und ihr habt ja gesagt, der Schatz ist so groß, wir müssen alle beim Tragen mithelfen. So eine Last trage ich sogar gerne, hähä…“ Daraufhin verschwanden die Räuber auf dem gleichen Weg, auf dem die acht Räuber zuvor gekommen waren.
Die beiden Jugewndlichen warteten, bis sie sicher sein konnten, dass die Räuber weg waren. Dann krochen sie unter den Brombeersträuchern hindurch, Rußschwarzchen wieder voran. Dahinter entdeckten sie wirklich den Eingang zur Räuberhöhle, diese aber war sehr tief, kaum drang Licht durch das Gestrüpp hinein. Nach ein paar Schritten waren sie von völliger Dunkelheit umgeben. „Ich sehe nichts mehr,“ murmelte Rußschwarzchen ängstlich. „Wie soll ich dich weiter führen?“
Rosenblau lachte leise: „Dann tauschen wir die Rollen. Ich bin es ja gewohnt, bei mir ist immer Dunkelheit. Komm, ich führe jetzt dich.“ Und schon tastete sie sich an der Wand der Höhle entlang an Rußschwarzchen vorbei und weiter vorwärts. Der Nachbarjunge folgte, in ihrer Nähe fühlte er sich immer sicher.
Plötzlich blieb Rosenblau ruckartig stehen. „Scht!“ machte sie nur, dann lauschte sie angestrengt. Weiter drinnen in der Höhle, einige Meter entfernt, hörte sie ein Scharren und Schaben. Dann leise gestöhnte Worte: „Die Räuber sind weg, ich muss diese vermaledeiten Fesseln aufkriegen. Heiliger Leonhard, steh mir bei!“
Das konnte nur der Prinz sein, der die Gunst der Stunde nutzen und sich von den Fesseln befreien wollte. So schnell es ihnen im Dunkeln mögich war, eilten die beiden zum Prinzen, dem Rosenblau sofort zuflüsterte, dass sie gekommen seien, um ihm zu helfen. Mit ihren geschickten Händen war es ihr ein Leichtes, in der völligen Dunkelheit die Knoten der Fesseln zu lösen. Dann schlichen die drei unter ihrer Führung wieder zum Ausgang der Höhle, krochen unter den Büschen hindurch (an denen sich alle blutende Schrammen von den harten Brombeerdornen holten) – und schon flohen sie gemeinsam durch den Wald dem Königsschloss zu. Natürlich bemerkte der Prinz bald Rosenblaus Blindheit, ihm fiel ein, dass er das schöne Mädchen schon am Tag zuvor im Dorf gesehen hatte – und er bewunderte ihren Mut und ihre Geschicklichkeit. Und den Mut ihres Freundes nicht minder.
Lange dauerte es, bis sie zum Schoss gelangten, denn der Weg war weit. Aber sie hatten sich so viel zu erzählen, dass ihnen die Zeit kurz erschien. Als die Ritter von innen das Schlosstor öffneten, gab es ein großes Hallo und viel Freudentränen, noch mehr Freudentränen vergoß der glückliche König über die Rettung des Sohnes.
Plötzlich ertönte lautes Wehgeschrei vor dem Schloss, außerdem ein grässliches Gebrüll und Gefauche. Was war das? Vom Wehrgang hinter der Mauer herab blickten sie alle durch die Schießscharten (außer Rosenblau, die nicht nach unten zu schauen brauchte, sie suchte sich vielmehr einen Platz, von dem aus sie gut hören konnte). Völlig außer Atem und vor Angst und Anstrengung keuchend schleppten sich die Räuber samt Anführer und Hexe zum Schloss – dorthin gejagt und verfolgt von einem furchtbaren Drachen, der hinter ihnen Feuer aus seinem riesigen Maul spuckte. Schon standen sie vor dem geschlossenen Tor und baten flehend um Einlass, der Drache drohte sie zu verbrennen.
Die Ritter aber rührten sich nicht. Schließlich begann der Drache mit dröhnender Stimme zu sprechen: „Ihr Winzlinge habt meinen Schatz gestohlen. In meine Drachenhöhle seit ihr geschlichen und habt den Schatz hinausgetragen. MEINEN Schatz den ICH bewache. Das sollt ihr mir büßen. Ich werde euch verbrennen!“
„Hilfe, nein!“, schrien alle Räuber wie aus einem Munde. „Wir bringen den Schatz auch wieder zurück, das versprechen wir!“
„Wehe, wenn nicht!“, drohte der Drache. „Aber Zurückbringen reicht nicht. Zur Strafe müsst ihr Räuber etwas Gutes tun. Bei euch ist doch eine Hexe. Sie soll dieses blinde Mädchen da oben auf der Mauer wieder gesund machen. Und den Jungen daneben auch.“
„Das Mädchen will ich gesund machen,“ beteuerte die Hexe sofort. „Gegen Blindheit kenne ich einen Zauberspruch. Aber bei dem Jungen weiß ich nicht, was ich zaubern soll. Bitte, bitte, lieber Drache, tu uns nichts…“
Schon sprach sie eine Zauberformel, und Rosenblau auf der Mauer entfuhr ein leiser Schrei: „Auf einmal ist alles so anders, hier oben in meinen Augen. Ist das Sehen? Sind das Farben?“
Rußschwarzchen neben ihr verstand nicht, was sie meinte. In seinem Kopf war ein anderes Probem: „Meint der Drache mich mit dem Jungen, der gesund werden soll? Aber ich bin doch gar nicht krank. Mein Kopf ist nur anders als der Kopf von anderen Menschen. Ich bin nicht krank!“ Die letzten Worte sagte er sogar ein bisschen trotzig.
Da holte der Prinz tief Luft, alle anderen verstummten. Mit ruhiger Stimme verkündete der Prinz eine Entscheidung: „Ich habe Rußshwarzchen inzwischen ein wenig kennen gelernt und glaube, er ist glücklich so, wie er ist. Vielleicht sogar glücklicher als manch anderer. Ritter, öffnet das Tor und verhaftet die Räuber und die Hexe. Sie alle sollen eingesperrt werden. Aber bevor sie ins Gefängnis kommen, sollen sie den ganzen Schatz zurück in die Drachenhöhle tragen. Denn der Schatz gehört dem Drachen.“ Dieser grunzte zufrieden.
Doch der König unterbrach seinen Sohn: „Ich habe versprochen, demjenigen, der dich befreit 1000 Goldtaler zu zahlen. Wer soll die Belohnung bekommen?“
„Bevor ich darauf antworte, muss ich erst meine Retterin etwas fragen.“ Der Prinz blickt zu Rosenblau, die ihn mit großen Augen anstrahlte: „Du schönes Mädchen, ich habe mich von Anfang an in dich verliebt. Willst du meine Prinzessin werden?“
Rosenblau lächelte, sacht nickte sie.
Der Prinz fuhr fort: „Dann brauchst du das Geld nicht, denn im Schloss hast du immer genug. Und Rußschwarzchen macht sich nichts aus Geld, dem ist eine andere Belohnung bestimmt lieber. Also soll der Drache zu seinem Schatz auch noch die 1000 Taler bekommen, denn er hat die Räuber gefangen.“ Erfreut blies der Drache Feuer in die Luft, bevor der Prinz fortfuhr: „Rußschwarzchen, welche Belohnung wünschst du dir denn?“
Dieser zögerte keine Sekunde: „Weihnachtsplätzchen! Die schmecken mir am allerbesten. Aber bitte gaaaaanz viele. Mindestens mehr als … ähhh… sieben!“
Der Prinz lachte: „Ich werde sofort dem Koch Bescheid sagen: Von jetzt an sollen dir immer Weihnachtsplätzchen ins Dorf geschickt werden, so oft du nur willst. Egal ob es Dezember ist oder Juli.“ Rußschwarzchen klatschte begeistert in die Hände, und Rosenblau auch.
Bald wurde im Schloss eine große Hochzeit gefeiert, zu deren Feier der Drache ein unvergessliches Feuerwerk an den Nachthimmel blies. Alle Menschen in jenem Land lebten lange Zeit glücklich, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

© Bertram der Wanderer und Klasse 3a

Version der Klasse 3b der Grundschule am Gernerplatz, Puchheim (Schuljahr 2016/17)

… Als Rosenblau die Schritte, die auch noch von lauten Stimmen begleitet wurden, zuerst vernahm, erschrak sie heftig. „Hilfe, da kommen Leute, vielleicht die Räuber!“, flüsterte sie, so leise es ihr in der Aufregung möglich war. „Rußschwarzchen, schnell, wir müssen uns verstecken. Nur wo? Siehst du etwas?“
Ihr Freund wusste sofort ein gutes Versteck: „Ja, gleich hier, da sind die Brombeersträucher. Dahinter geht das Verstecken gut, die Büsche sind dicht, da findet uns keiner.“ Schon nahm er sie wieder bei der Hand und zog sie hinter sich her in das dichte Gestüpp. Rosenblau musste den Kopf so tief wie möglich einziehen, sie hielt die Arme schützend nach oben, denn die Brombeerzweige mit ihren festen Dornen stachen sie überall sehr schmerzhaft, sie konnte die Dornen ja nicht sehen und ihnen nicht ausweichen. Auch Rußschwarzchen trug manche blutende Schramme davon, er schien das aber gar nicht zu bemerken, so erfüllte ihn die Angst vor den Räubern und die Sorge um seine blinde Freundin. Er blickte sich um, ob sie ihm auch nachkäme, dabei zog er sie weiter am Arm hinter die Hecke. Dass am Boden viele große Steine lagen, hinter denen sich eine große Höhle auftat, das sah er nicht. Im Rückwärtsgehen stolperte er über so einen Stein. Mit einem Aufschrei fiel er nach hinten und riss Rosenblau mit sich.
Zu allem Überfluss war der dunkle Gang, der hinter dem Eingang begann, ein wenig abschüssig, und so schlitterten die beiden zunächst nach unten, tiefer in die Höhle hinein. Rußschwarzchen strampelte mit den Beinen, dadurch kamen ein paar der großen Brocken ins Rollen, die polterten krachend mit den beiden Gestürzten mit. Rosenblau hatte sich ebenfalls furchtbar erschrocken und schrie laut und kreischend.
Dieses laute Poltern und die Schreie, all das drang zu den Räubern, die sich tiefer in der Höhle befanden und dort den gefangenen Prinzen bewachten. Das Pferd des Prinzen hatten zwei der Räuber bereits genommen, mit ihm waren sie auf dem Weg zum nächstgelegenen Pferdemarkt, der sich aber in einer Entfernung von drei Tagesreisen befand.
Wer waren denn dann die Leute, deren Schritte und Stimmen Rosenblau gehört hatte? Auch sie gehörten zur Räuberbande. Allerdings waren sie schon am frühen Morgen des vorangegangenen Tages in eine ganz andere Richtung aufgebrochen, um dort aus einem Dorf Essen zu stehlen. Jetzt endlich kehrten sie mit ihrer Beute zurück, ein paar trockenen Broten und drei Hühnern, die sie aus einem Stall geklaut hatten. Unterwegs hatten sie auch noch einen Gauner getrofen, einen Betrüger, der den Bauern in den Dörfern irgendwelche Wundermittel aufschwatzte und sie so um ihr Geld brachte. Dieser Ganove hatte sich den Räubern angeschlossen, er hatte nämlich einem Bauern ein Fläschchen Wein abgeluchst, das wollten sie gemeinsam nun zum Hühnerbraten leeren. Aber die Räuber, die sich der Höhle näherten, hatten Rosenblau und Rußschwarzchen noch nicht gesehen, sie hatten nur einen lauten Schrei vernommen, deshalb duckten sie sich erst einmal in ein Gebüsch, um abzuwarten, was da bei ihrer Höhle los war.
Die restlichen Räuber und die Hexe, die noch in der Höhle waren, vernahmen das laute Gepolter der Steine, die Schreie und den ganzen Krach, der wegen eines leichten Echos hier zusätzlich verstärkt wurde. Daher glaubten sie, dass viele Männer ihre Höhle entdeckt hätten, vielleicht sogar die Ritter des Königs, und sie suchten ihr Heil in der Flucht. Die Säbel, Keulen und alle sonstigen Waffen ließen sie liegen und rannten zu ihrem Geheimgang. Dieser führte an einer anderen Stelle im Wald ins Freie, ganz in der Nähe jener Stelle, wo sich ihre Kumpane mit dem Gauner duckten. Die dachten nun ebenfalls, dass man schnell abhauen müsse, und so liefen alle Hals über Kopf davon.
Rosenblau und Rußschwarzchen kamen nach ihrem überraschenden Sturz rasch wieder auf die Beine. Der Junge beschrieb seiner blinden Freundin, dass sie eine Höhle entdeckt hatten, und sie schlichen so vorsichtig wie möglich weiter in die Höhle hinein, um sich dort zu verstecken. Mit einem Mal vernahmen sie ein leises Wimmern. „Vielleicht braucht jemand Hilfe“, flüsterte Rosenblau. Siehst du jemanden?“
Rußschwarzchen antwortete: „Da vorne ist ein kleines Feuer auf dem Boden, dahinter in einer Ecke liegt jemand. Ein vornehm gekleideter Mann, er ist gefesselt und um seinen Mund ist ein Tuch gebunden.“
„Oh, Rußschwarzchen!“, entgegnete das Mädchen leise. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass da Feuer und Licht ist. Davor hätten wir uns verstecken müssen. Sind Räuber da?“
„Nein, nur der eine da liegt auf dem Bden.“ Das musste der Prinz sein!
Natürlich schlichen sie zu ihm und lösten mit vereinten Kräften sofort die Fesseln. Der Prinz dankte ihnen nur mit wenigen Worten, dann wisperte er: „Vielleicht kommen die Räuber wieder zurück. Schnell weg!“ Und sie eilten zum Höhlenausgang, wobei Rußschwarzchen das blinde Mädchen wie immer an der Hand führte. Da erkannte der Prinz ihre Krankheit – und er erkannte sie, da sie ihm doch am Tag zuvor in dem armen Bauerndorf aufgefallen war.
Gemeinsam wanderten die drei durch den Wald, bis sie nach langem Marsch beim Schloss ankamen. Der König war überglücklich, seinen Sohn wohlbehalten wiederzusehen, und er ließ sofort seinen Schatzmeister rufen, um Rosenblau und Rußschwarzchen die versprochene Belohnung auszuzahlen. Der Prinz aber hielt ihn an der Hand fest: „Einen Moment, Vater. Ich will zuerst die Ritter bitten, in den Wald zu reiten und dort alle Räuber festzunehmen. Das wird für unsere Ritter nicht schwer sein.“ Er hielt kurz inne, dann fuhr er fort: „Und noch etwas. Ich bin Rosenblau und Rußschwarzchen unendlich dankbar für ihre Hilfe und ihren Mut. Aber in meinem Herzen ist mehr als nur Dankbarkeit. Ich weiß so sicher, wie ich noch nie etwas gewusst habe: Rosenblau ist die Frau, nach der ich gesucht habe. Ich wünsche mir, dass sie meine Prinzessin wird, wenn sie es auch will.“ Mit einem leichten Zögern blickte er sie von der Seite an.
Rosenblau nickte kaum merklich. Aber dann murmelte sie: „Und Rußschwarzchen, mein bester Freund, was wird aus ihm?“
Dieser platzte sofort heraus: „Ich will ein Ritter werden! Hier im Schloss!“
Der Prinz hatte auf der langen Wanderung zum Schloss auch Rußschwarzchen kennen gelernt, daher gab er nun zu Bedenken: „Ein Ritter muss viele Dinge können, vor allem das Kämpfen mit Schwert und Morgenstern, das Reiten, das Schießen mit Pfeil und Bogen, das könnte für dich zu schwierig werden. Aber ich weiß eine andere Aufgabe für dich, die du gut erfüllen kannst, wenn du magst: Willst du unser wichtigster Wächter auf dem Turm werden? Von dort könntest du das ganze Land überblicken und immer rechzeitig Alarm schlagen, wenn Feinde kommen.“
Rußschwarzchen bekam sogar feuchte Augen, dann murmelte er nur: „Uiii, ja!“
Bald darauf heiratete der Prinz seine „Prinzessin Rosenblau“. Und Rußschwarzchen? Der erfüllte seine neue Aufgabe mit großem Fleiß und noch größerer Zuverlässigkeit. Und er freute sich so sehr darüber, endlich etwas gut zu können, endlich von den anderen geschätzt zu werden, dass sein Blick immer klarer, seine Haltung immer aufrechter wurde. Das fiel einem Stubenmädchen auf, die im Schloss immer die schönen Zimmer sauber hielt. Und wie es das Schicksal wollte, verliebten auch diese beiden sich in einander und heirateten ebenfalls. Alle lebten nun glücklich im Schloss, und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie auch heute noch glücklich.

© Bertram der Wanderer und Klasse 3b

Version der Klasse 3c der Grundschule am Gernerplatz, Puchheim (Schuljahr 2016/17)

… Rosenblau, die die Schritte zuerst gehört hatte, flüsterte ihrem Freund zu: „Da kommt jemand, es sind mehrere, das kann ich hören. Vielleicht die Räuber. Schnell, verstecken wir uns!“
Und Rußschwarzchen tat das sofort: So rasch er konnte, kroch er hinter die dichten Brombeersträucher, dabei bemerkte er, dass dahinter der Eingang zu einer tiefen Höhle verborgen war. Aber leider hatte er nicht daran gedacht, dass Rosenblau ja kein Versteck sehen konnte. Hilflos blieb sie stehen, lauschte nach allen Richtungen. Von hinten kamen die Schritte immer näher, aus der Richtung, in der zuvor der Junge gestanden hatte, war nur undeutliches Blätterrascheln zu vernehmen. Wohin sollte sie?
Rußschwarzchen spähte durch das Brombeergestrüpp und versuchte, die gefährlichen Früchte zu ignorieren. Da erblickte er drei edel gekleidete, fremde Männer, die sich näherten und dabei auf dem Boden nach etwas zu suchen schienen. Er wagte nicht mehr, sich zu bewegen.
Einer der Fremden sah nun das im Wald stehende Mädchen. Er gab seinen Kameraden einen Wink, mit wenigen langen Schritten hatten sie sie umringt. „Wer bist du? Was machst du hier?“, herrschte einer von ihnen Rosenblau an, die natürlich nicht sehen konnte, wer sie da ansprach.
Das Mädchen bekam schreckliche Angst: drei Männer standen um sie herum, mit jungen Stimmen, den geschickten Bewegungen nach flink und kräftig. Ob es die Räuber waren? Aber dann durfte sie ihnen nicht verraten, warum sie hier war. Und von Rußschwarzchen durfte sie erst recht nichts erwähnen. Hoffentlich verhielt er sich still. Fieberhaft überlegte sie, dann begann sie zu stottern: „Ich… ich, mein Name… ich bin ähhh, Maria, und ich suche … ähhh … Pilze.“
„Du brauchst keine Angst vor uns zu haben,“ meinte nun ein anderer dieser Männer viel freundlicher. „Wir tun dir nichts. Aber wir möchten dich etwas fragen. Hast du hier im Wald einen vornehmen jungen Mann gesehen? Vermutlich zu Fuß. Den suchen wir nämlich…“
‚Dann sind sie keine Räuber,‘ fuhr es Rosenblau durch den Kopf. Vielleicht andere Leute, die die Belohnung bekommen wollen.‘ Trotzdem blieb sie vorsichtig und verriet nichts. „Nein, gesehen habe ich den nicht“, gab sie wahrheitsgemäß zur Antwort. „Wer soll das denn sein?“
Die Ritter begannen, sich ein wenig mit ihr zu unterhalten. Sie erzählten von dem Prinzen, den die Räuber gefangen hatten, und dass sie ihn befreien wollten. Sie waren viele, hatten sich aber in Gruppen aufgeteilt, um den Wald besser absuchen zu können. Dass sie Ritter waren, erzählte sie natürlich nicht, denn sie glaubten ja, dass das Mädchen dies erkennen müsse. Die aber wunderte sich nur über deren vornehme Sprache.
Rußschwarzchen hatte zunächst mit großer Angst gesehen, dass seine Freundin umzingelt war. Sein Schreck war so groß, dass er sich nicht zu rühren wagte. Dann aber merkte er, dass diese Männer Rosenblau nichts taten. Was sie sprachen, konnte er nicht verstehen, und so wandte er sich um, denn er hatte ja hinter den Brombeersträuchern diesen langen Gang entdeckt. Wo mochte er hinführen? Langsam tappte er vorwärts, immer weniger Licht drang hinein, je weiter er dem Gang folgte, der in den Felsen gehauen war und langsam schräg nach unten verlief. Als es schon sehr dunkel um ihn herum war, bemerkte er, dass vor ihm irgendwie Licht sein musste. Behutsam schlich er auf Zehenspitzen weiter, schließlich erkannte er ein Feuer, das da in einer größeren Höhle angezündet war. Um das Feuer herum saßen ein paar schwarz vermummte Gestalten, so hatte er sich immer Räuber vorgestellt. Er hielt den Atem an und schlich noch ein bisschen weiter. In einer Ecke der Höhle lag auf dem Boden ein junger Mann mit sehr schönem Gewand, der war an Händen und Füßen gefesselt. Ob das ein Prinz sein konnte?
Da fiel Rußschwarzchen etwas ein: die Männer, die sich draußen mit Rosenblau unterhielten, die schauten doch auch sehr vornehm aus. Und sie hatten Waffen dabei. Das waren ja die königlichen Ritter! Bestimmt wollten sie den Prinzen befreien!
Ohne zu zögern schlich Rußschwarzchen zurück. Sobald er sich mühsam durch das Brombeerdickicht gekämpft hatte, sprach er die Riter an und bat sie um Hilfe. Als Rosenblau seine Stimme vernahm, fiel ihr ein Stein vom Herzen: Rußschwarzchen war in Sicherheit! Die Ritter aber brauchten nicht lang, um aus den bruch-stückhaften Angaben des Jungen die Situation zu erkennen. Sofort traf der Älteste von ihnen eine Entscheidung: auf schnellstem Weg wollte er zu dem Treffpunkt eilen, den alle königlichen Rittergruppen, die den Wald durchsuchten, zuvor vereinbart hatten. Wenn er alle Ritter zusammenbrachte, würden sie die Räuber bestimmt fangen können. Seine beiden Kolegen ließ er am Höhleneingang zurück, um eine Flucht der Räuber zu verhindern und die beiden Jugendlichen zu schützen.
Die meisten anderen Ritter waren inzwischen bereits bei diesem Treffpunkt angekommen. Doch leider kamen auch unegfähr zehn Räuber dorthin, die Räuber, die zuvor die schlafenden Bauern zur anderen Waldseite geschleppt hatten. Diese Räuber waren von der Anstregung, welche die schnarchenden Bauern ihnen bereitet hatten, noch ganz erschöpft. Die Ritter hingegen waren frisch und kampfbereit. Nur kurz dauerte das Gefecht, schon waren diese zehn Räuber gefangen und gefesselt. Ein Ritter bewachte sie, die anderen hasteten nun zur Höhle, um endlich den Prnzen zu befreien.
Rußschwarzchen und Rosenblau hatten mit den beiden Rittern beim Eingang gewartet. Nun schlichen alle Ritter in die Höhle, in Windeseile waren auch dort alle Räuber und die Hexe gefangen. Der Prinz wurde befreit und konnte glüklich zu seinem Vater ins Schloss zurückkehren.
Rußschwarzchen führte seine blinde Freundin ins Dorf zurück, wo die Bäuerinnen zuerst heftig mit ihnen schimpften. Aber als Rosenblau erzählte, dass es ihnen mit Hilfe der Ritter gelungen war, den Prinzen zu befreien, freuten sich alle sehr, und die Freude war noch größer, als schließlich auch die schlafenden Bauern aufgewacht und wohlbehalten zurückgekehrt waren.
Ein paar Tage später aber kam eine goldene Kutsche in das Dorf gefahren, mit ihr wurden Rosenblau und Rußschwarzchen abgeholt und zum Königsschloss gebracht. Der König hatte nämlich entschieden, dass die Ritter zwar tapfer gehandelt hatten, dass die Befreiung des Prinzen aber in erster Linie diesen beiden jungen Menschen zu verdanken war, deshalb sollten die beiden auch die Belohnung bekommen. Der Prinz überreichte ihnen einen Sack mit 1000 Talern, bedankte sich nochmal herzlich für die Hilfe, und dann fragte er Rosenblau: „Du warst so mutig und so gut zu mir. Und deine Schönheit ist mir gleich aufgefallen. Willst du denn meine Prinzessin werden?“
Das blinde Mädchen errötete, dann antwortete sie mit einem leisen Lächeln: „Diese Frage ehrt mich sehr, königliche Hoheit. Und ich finde Sie auch sehr nett. Aber heiraten kann ich Sie nicht, denn mein Freund Rußschwarzchen ist mir immer schon ganz nah am Herzen…“ Plötzlich tat sie einen überraschten Schrei und riss dabei die Augen auf: „Oh, was ist das? Alles ist so hell! Ich sehe plötzlich! Das müssen also Farben sein, von denen alle immer reden..“
Rußschwarzchen hatte wie meist mit hängendem Kopf neben ihr gestanden, aber auch er richtete sich mit einem Mal auf. Sehr gerade stand er nun da, sein Blick war konzentriert und klar. Als er zu sprechen anfing, konnte man seine Sprache und Stimme nicht wiedererkennen: „Ja, liebe Rosenblau, auch ich fühle mich plötzlich ganz anders. In meinem Kopf sind so viele klare Gedanken, das muss ein Wunder sein, oder Zauberei.“
Was war geschehen? Die Hexe hatte im Gefängnis eingesehen, dass sie und die Räuber viel Unrecht getan hatten. Und um das wenigstens ein bisschen wiedergutzumachen, hatte sie mit einem Zauberspruch die beiden jungen Menschen geheilt. Hätte sie sich mit einem anderen Zauber auch befreien können? Vielleicht schon, aber weil ihr ja klar geworden war, dass sie die Strafe wirklich verdiente, verzichtete sie fortan auf jeden bösen Zauber.
Rußschwarzchen und Rosenblau waren also wieder ganz gesund, sie kehrten glücklich mit der Belohnung ins Dorf zurück und dort heirateten sie bald. Von den 1000 Talern konnten sie und auch alle anderen armen Bauern im Dorf nun lange glücklich leben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

© Bertram der Wanderer und Klasse 3c

Version der Klasse 3/4 a der Grundschule am Gernerplatz, Puchheim (Schuljahr 2016/17)

… Rosenblau hatte diese Schritte schon gehört, als die Person, die sich hier näherte, noch sehr weit weg war. Denn die Ohren des Mädchens waren ja weit besser als das Gehör anderer Menschen. Schnell wisperte sie ihrem Freund Rußschwarzchen zu: „Da kommt jemand, wir müssen uns verstecken. Siehst du hier irgendwo ein Gebüsch, außer diesen Brombeeren?“
„Ja, gleich neben dir, nur ein paar Schritte.“ Rußschwarzchen tippte seine blinde Freundin an der rechten Schulter an, die verstand und kroch sogleich auf allen Vieren in diese Richtung. Auch Rußschwarzchen wollte zu dem Gebüsch laufen, doch leider stolperte er über einen langen Ast, der hier im Wald auf dem Boden lag. Mit einem Aufschrei stürzte er, und das auch noch so unglücklich, dass er mit dem Kopf auf einem großen, runden Stein aufschlug. Nür für einen ganz kurzen Augenblick war er bewusstlos, aber als er die Augen wieder öffnete, hatte er völlig vergessen, wer er war und was er hier wollte. Durch den Schlag hatte er eine schlimme Gedächtnislücke, eine Amnesie, bekommen.
Das blinde Mädchen wollte ihn gerne zu sich ins Gebüsch ziehen, doch wie sollte sie das tun? Also flüsterte sie ihm nur zu, er solle zu ihr kommen, aber dann wurden die herannahenden Schritte immer lauter: Die Hexe, die bei den Räubern lebte, hatte Rußschwarzchen entdeckt!
„Wer bist du? Was willst du hier?“, fauchte sie ihn an.
„Ich … äääh, nichts, ich heiße … äh, ich glaube… vielleicht Max, und ich bin hier, weil ich ein Räuber bin!“ Seine letzten Worte kamen rasch, laut und klar aus seinem Mund, irgendwie musste in seinem Kopf ein Erinnerungsfetzen an die Räuber aufgetaucht sein.
„Du meinst, du willst wohl ein Räuber werden,“ wies ihn die Hexe zurecht. „Nun gut, dann komm mit!“
Rußschwarzchen stand vom Boden auf, ihm war dabei nicht schwindlig, sein Kopf hatte nur eine kleine Beule, er blutete nicht einmal. Dann trottete er neben der Hexe her, die ihn in die Räuberhöhle hineinführte. Am Eingang, der sich direkt hinter den Brombeersträuchern befand, merkte Rußschwarzchen, dass sich die Schleife der Schürze, die er seit dem Morgen noch immer trug, gelöst hatte. Sie baumelte ihm nun vor den Füßen, da riss er sie sich über den Kopf und warf sie achtlos hinter sich auf den Boden. Ein Räuber mit Schürze schien ihm irgendwie unpassend.
Rosenblau in dem Gebüsch gegenüber versuchte vergeblich, die Richtung der sich entfernenden Schritte zu erlauschen.
In der Räuberhöhle brachte die Hexe Rußschwarzchen, der sich nun Max nannte, direkt zum Räuberhauptmann. Dieser kratzte sich den struppigen Bart, nachdem er den Bericht der Hexe gehört hatte, dann meinte er: „Na meinetwegen, einen jungen Nachwuchsräuber können wir schon brauchen. Aber erst musst du dich beweisen. Zeig uns einmal, dass du etwas stehlen kannst. Jetzt sofort. Na los, geh schon!“
„Max“ tat, wie ihm geheißen und stolperte unbeholfen wieder zum Höhleneingang.
Rosenblau war in der Zwischenzeit langsam und fast zentimeterweise aus dem Gebüsch hervorgekrochen. Ihre gut trainierten Ohren waren gespitzt und wachsam wie noch nie, denn sie musste sich rechtzeitig wieder verstecken können, falls die Räuber aus der Höhle herauskämen. Ihr Gefühl für die Richtung wies ihr den richtigen Weg und so kroch sie langsam auf den Höhleneingang zu. Plötzlich bekamen ihre Finger etwas zu fassen: ein Stück Stoff, sie befühlte es weiter, spürte einen daran genähten Stoffgürtel und eine Schlaufe für den Hals – es musste die Schürze von Rußschwarzchen sein. Also war sie auf der richtigen Spur!
Da vernahm sie langsame, tapsige Schritte, die sich aus der Höhle heraus dem Eingang näherten. Schritte, die sie wohl kannte: Rußschwarzchen, und zwar allein! Schnell rollte sie sich vom Eingang weg hinter die Brombeersträucher (dass es die Brombeeren waren, merkte sie bald, als sie sich an den Dornen der Zweige heftig stach). Als sie erlauschte, wie Rußschwarzchen aus der Höhle kam und noch ein paar Schritte weiter getappt war, rief sie leise seinen Namen. Denn da sie aus der Höhle keine Stimmen gehört hatte, vermutete sie, dass die Räuber tief genug in der Höhle sein mussten, so dass diese auch keine Geräusche von draußen hören konnten.
Rußschwarzchen aber hielt sich ja für ‚Max‘, und an Rosenblau konnte er sich noch immer nicht erinnern. „Uii, da ist ja schon jemand zum Ausrauben!“, rief er und wollte sich gleich auf Rosenblau stürzen. Die aber summte geistesgegenwärtig genau das Lied, das die beiden als Kinder immer gemeinsam gesungen hatten. Der Junge hielt inne: Dieses Lied kannte er sehr gut, aber woher? Irgendwie fühlte er, dass da eine Art Erinnerung war, er verstand den Zusammenhang noch nicht, aber es fühlte sich sehr vertraut und gut an.
„Rußschwarzchen, ich bin es,“ flüsterte Rosenblau.
„Aber, ich… heiße doch Max… oder???“ In ihm keimte ein Zweifel auf.
Langsam und geduldig erklärte Rosenblau ihrem Freund, was geschehen war. Sie vermutete auch, dass der Gedächtnisverlust auf den Sturz zurückzuführen war, dessen Geräusche sie ja gehört hatte. Rußschwarzchen tastete ein bisschen an seinem Kopf herum – ja, da war eine Beule. Also begann er, Rosenblau zu glauben. Es dauerte eine ganze Weile, die Nacht war inzwischen längst hereingebrochen. Aber Rosenblau erzählte immer wieder, warum sie und ihr Freund hier waren – bis die Erinnerung in Rußschwarzchen allmähich zurückkehrte. Es ging um den Prinzen, und den mussten sie befreien!
Jetzt war Rußschwarzchen kaum noch zu bremsen. Am liebsten wäre er in die Höhle gestürmt. Rosenblau aber hielt ihn zurück, gemeinsam krochen sie vorsichtig hinen – und dann vernahm das Mädchen ein lautes Schnarchen: die Räuber waren inzwischen tief eingeschlafen und schnarchten um die Wette. Hoffentlich schlief auch die Hexe!
Rußschwarzchen, der ja vorher in der Höhle gewesen war und dort auch einen gefesselten jungen Edelmann in einer Ecke erspäht hatte, führte seine blinde Freundin langsam kriechend weiter, schließlich an den schnarchenden Räubern vorbei, bis zum Prinzen. Mit erstaunlich geschickten Händen löste Rußschwarzchen dessen Fesseln, und schon schlichen alle aus der Höhle hinaus.
Draußen bedankte sich der Prinz überschwänglich bei seinen Rettern. Dann eilte er schnellsmöglich zum Königsschloss und rief alle Ritter zusammen. Mit diesen galoppierte er zurück, alle Räuber und auch die Hexe wurden verhaftet und bestraft, so wie sich das gehört.
Rosenblau und Rußschwarzchen bekamen natürlich die vom König versprochene Belohnung – aber noch mehr. Der Prinz hatte das blinde Mädchen, das ihm doch schon in dem Dorf aufgefallen war, und das er von da an nicht vergessen konnte, längst erkannt – und wenn sie einverstanden war, dann gab es bald eine wundervolle Hochzeit in diesem schönen Königsschloss.
Fortan lebten alle glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch.

© Bertram der Wanderer und Klasse 3/4 a

Version der Klasse 3/4 b der Grundschule am Gernerplatz, Puchheim (Schuljahr 2016/17)

Das blinde Mädchen hörte diese Schritte lange, bevor ihr Freund etwas vernommen hätte. Aber die Schritte kamen ihr sehr eigenartig vor. „Rußschwarzchen“, flüsterte sie. „Da kommt jemand. Oder etwas. Es klingt wie Schritte von Kindern, aber ihr Rhythmus ist gut auf einander abgestimmt. So wie beim Marschieren von Soldaten.“
„Heißt das, dass die Soldaten kommen? Vielleicht wollen die auch die Räuber fangen. Das dürfen die nicht. Die Belohnung wollen wir kriegen…“ Der Junge klang so enttäuscht, dass Rosenblau beinahe lachen musste.
„Nein, so meine ich das nicht“, wisperte sie schnell, „es können keine Soldaten sein. Ihre Füße trippeln schnell, das heißt also, dass sie klein sind. Oder es ist ein großes Tier, so wie ein riesiger Käfer mit vielen Beinen. Vielleicht ein Tier, das uns fressen will. Rennen wir schnell weg! Aber du musst mich führen!“
Rußschwarzchen hätte dies ohnehin getan, er hielt seine Freundin fest an der Hand, die würde er nicht loslassen, wusste er doch, dass sie ihn brauchte. Aber weil er schnell fliehen wollte (das hatte er nämlich auch begriffen), zog er sie ziemlich heftig hinter sich her, so dass Rosenblau nicht die Zeit blieb, mit ihren Füßen zu tasten. Sie musste einfach einen Fuß vor den anderen setzen, egal wie der Boden beschaffen war. Dummerweise lag da ein Ast quer, der rutschte ihr zwischen die Knöchel, dann stand ihr linker Fuß auf dem einen Ende des Stocks. Als sie den rechten Fuß hob, blieb sie mit dem Schuh am Stock hängen, stolperte und fiel der Länge nach nach vorne, wobei ein lautes, dumpfes Poltern entstand, der weiche Waldboden vibrierte.Rußschwarzchen hätte vor Schreck beinahe ihre Hand losgelassen. Aber er hielt sie eisern, ihr Arm zog ihn zu ihr hinunter in die Hocke.
„Rosenblau, was ist mit dir? Warum bist du hingefallen?“ Das schrie er geradezu, dann hielt er kurz inne und dachte nach. Schließlich ließ er ihre Hand los, richtete sich auf und sagte mit sehr lauter Stimme, wie wenn er sie in weiter Entfernung erreichen wollte: „Ist dir etwas geschehen? Tut dir etwas weh? Warte, ich helfe dir hoch.!“ Dabei ging er um die am Boden Liegende herum und versuchte, ihre Gliedmaßen irgendwie hochzuziehen.
Die marschierenden Schritte waren inzwischen ganz nahe gekommen: es war eine Gruppe von Zwergen. Diese hatten schon mehr als eine halbe Stunde zuvor die beiden Jugendlichen im Wald beobachtet, die etwas zu suchen schienen, das Mädchen war offensichtlich blind. Zunächst waren die Zwerge den beiden langsam und in einiger Entfernung gefolgt, hatten immer mehr den Eindruck gewonnen, dass die beiden Hilfe bräuchten. Jetzt erblickten sie das noch immer am Boden liegende Mädchen und den Jungen daneben, die Zwerge hielten an. Einer von ihnen (es war wohl der Anführer, denn er trug als einziger ein Gänseblümchen an seiner Mütze) sprach sie an: „Was ist denn los mit euch? Können wir…“
Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment begann eine heftige Bewegung im Brombeergebüsch.Die Blätter raschelten, die Zweige ruckten auf und nieder. Was war da los? War das Zauberei? Die Zwerge duckten sich sofort und krochen rückwärts hinter die Bäume, die den Pfad, auf dem sie gekommen waren, säumten. Im Handumdrehen waren alle Zwerge gut versteckt, und ohne dass sie sich hätten absprechen müssen.
Seitlich hinter dem Brombeergestrüpp tauchten nun zwei Gestalten auf, in schwarze Mäntel gekleidet und jeweils mit einem Säbel bewaffnet, ein Mann und eine Frau: Begleitet von einem Räuber kam die Hexe aus der Höhle, sie wollte herausfinden, woher das Poltern und die Geräusche stammten, die alle im Versteck in Alarmbereitschaft versetzt hatten. Der Räuber erblickte Rosenblau und Rußschwarzchen zuerst, zog sein Schwert und stürmte auf die beiden los. Wollte er sie töten?
Im selben Augenblick hoben alle Zwerge hinter den Bäumen jeweils ihre linke Hand und murmelten eine Zauberformel – da rannte der Räuber gegen eine unsichtbare Wand. Wirklich, es war nichts zu sehen, aber der Räuber kam keinen Millimeter weiter, wie wenn er gegen eine feste Steinmauer gelaufen wäre. Unverrückbar stand dieser Schutzwall der Zwerge auf dem Waldboden, dahinter war das blinde Mädchen und ihr Freund in Sicherheit.
Rosenblau lag noch immer mit dem Gesicht zum Boden, sie bewegte sich kaum. War sie schwer verletzt, vielleicht sogar bewusstlos? Zum Glück nicht. Sie verharrte nur und lauschte auf jedes noch so kleine Geräusch. Denn alles war so fremd für sie, sie konnte sich keinen Reim darauf machen, was hier geschah. Und Rußschwarzchen konnte kein Wort hervorbringen, er war zu verblüfft.
Der Räuber startete noch einen zweiten Anlauf, aber wieder rannte er gegen diese Mauer aus Luft. Da begann die Hexe zu kichern. „He he, hier müssen Zwerge sein, diesen Zauberwall kenne ich. Und die Zwerge halten sich für so schlau. Aber ich bin stärker. Da zaubere ich einfach dagegen.“ Mit der Hand machte sie ein paar Beschwörungszeichen in die Luft und murmelte etwas. „So, Räuber, jetzt können wir…“ Schon war der Zauberwall aufgehoben, der Räuber tat ein paar Schritte nach vorne und packte Rußschwarzchen an der Schulter. Dieser schrie auf. Der Unhold hatte schon sein Schwert erhoben.
„Tut uns nichts“, rief verzweifelt das hilflose Mädchen, das nicht einmal wusste, zu wem sie das sagte.
„Tu ihm nichts!“, befahl im gleichen Moment die Hexe. „Die zwei nehmen wir mit. Vielleicht kriegen wir für die auch noch Lösegeld.“ Sie trat hinzu, der Räuber und sie packten auch Rosenblau, dann schleiften sie die beiden Wehrlosen hinter die Brombeerbüsche und verschwanden.
Nach einer Weile lösten sich die Zwerge aus der Erstarrung, in die sie vor Schreck gefallen waren. „Die haben uns nicht gesehen“, kicherte einer. Und ein anderer stimmte zu: „“Kann gut sein. Aber wir kennen jetzt den Eingang zur Räuberhöhle. Jetzt warten wir, wenn sie heute Nacht schlafen, schleichen wir uns rein.“
Rosenblau und Rußschwarzchen wurden tief in die Räuberhöhle gebracht, dort saßen die anderen Räuber um ein kleines Feuer (das Rosenblau zwar nicht sehen, aber riechen konnte). Dann wurden die beiden Jugendlichen an Händen und Füßen mit Eisenketten gefesselt, die mit einem Vorhängeschloss gesichert wurden. Schließlich legten die Räuber sie an die hintere Wand der Höhle. Dort musste noch jemand liegen, Rosenblau hörte Atemzüge eines Menschen, sie schnupperte. Das war ja der Prinz! Denn der benutzte ein besonderes, edles Parfüm, seinen Duft hatte sie am Tag zuvor im Dorf wahrgenommen, als der Prinz dort auf seiner Brautschau vorbeigekommen war. Sie hatten ihn gefunden, jetzt mussten sie ihn nur noch befreien. Aber wie?
Als nach mehreren Stunden (es musste schon am Abend gewesen sein) die Räuber hämisch lachend um ihr Feuer saßen und sich dabei ausmalten, was sie sich alles mit dem Lösegeld kaufen würden, nutzte sie die Gelegenheit, mit Rußschwarzchen und auch mit dem Prinzen einige leise gewisperte Worte zu wechseln. Rußschwarzchen hatte längst begriffen, dass er sich mucksmäuschenstill verhalten und alles seiner Freundin überlassen musste. Die würde schon einen Weg finden, sie zu retten, für ihn war sie das klügste Mädchen auf der Welt.
Und der Prinz? Er erzählte, dass die Räuber ihn seit vielen Stunden hier gefangen hielten, vielleicht schon seit Tagen. In der Höhle hatte er jedes Zeitgefühl verloren, er sah ja nicht, ob es Tag oder Nacht war. Außerdem berichtete er, dass immer Räuber in der Höhle gewesen waren, nur einzelne von ihnen hatten die Höhle zeitweise verlassen.
Draußen warteten die Zwerge, bis es Nacht wurde. Dann schlichen sie sich im Schutz der Dunkelheit hinter die Brombeerbüsche und in die Höhle hinein. Was war das? Lautes Schnarchen drang aus der Höhle. Die Räuber waren wohl tief eingeschlafen, vielleicht träumten sie vom Lösegeld. Hoffentlich schliefen alle! Auf Zehenspitzen schlichen die Zwerge zu den schlafenden Räubern, bald entdeckten sie die drei Gefangenen, die aufrecht sitzend an der hinteren Wand lehnten. Da die Zwerge normalerweise in den Bergen nach Gold und Edelsteinen graben, waren ihre Augen an die Dunkelheit gut gewöhnt, so erkannten sie bald die Eisenketten und Vorhängeschlösser. Dazu musste es einen Schlüssel geben. Sie schlichen um die schnarchenden Räuber herum. Da entdeckte einer neben der ebenfalls schlafenden Hexe einen großen Ring mit vielen Schlüsseln dran. So leise wie möglich nahm er den Bund und trug ihn zu den Gefangenen. Welcher Schlüssel passte? Sollten die Zwerge die Schlüssel ausprobieren? Aber bestimmt machte das metallische Klirren und Scharren dabei verdächtige Geräusche…
Da streckte Rosenblau die gefesselten Hände nach dem Schlüselbund aus. Mit ihrem feinen Gehör hatte sie das leise Klirren der Schlüssel erkannt. Jetzt tastete sie mit geübten Fingern die Schlüssel ab, auch immer wieder das Vorhängeschloss an Rußschwarzchens Ketten. Endlich war sie sich sicher. „Der ist es,“ flüsterte sie kaum hörbar. Die Zwerge nahmen den Schlüssel und wirklich: er passte. Und nicht nur bei dem Jungen, die Schlösser bei allen drei Gefangenen ließen sich damit aufsperren. So leise wie möglich legten sie die Ketten auf den Boden, dann schlichen sie auf Zehenspitzen an den schnarchenden Räubern vorbei ins Freie.
Und wie ist die Geschichte ausgegangen? Der Prinz eilte mit Rosenblau und Rußschwarzchen auf schnellstem Weg zum Schloss, während die Zwerge in der Nähe der Höhle blieben, um die Räuber verfolgen zu können, falls diese aufwachten und flüchteten. Doch dies war gar nicht nötig, denn noch ehe der Morgen hereingebrochen war, galoppierten schon die königlichen Ritter herbei. Der Prinz hatte sie losgeschickt, um die Räuber verhaften und einsperren zu lassen. Auch die Hexe wurde ins Gefängnis geworfen, aber die Tür zu ihrer Zelle wurde von den Zwergen mit einem speziellen Zauber gesichert, so dass sie nicht mehr hexen konnte.
Und die Belohnung? Die Zwerge bekamen die 1000 Goldtaler und dazu noch die große Höhle, in der zuvor die Räuber gehaust hatten. Dort hatten die Zwerge viel mehr Platz als in ihrer Zwergenhütte, sie fühlten sich sehr wohl.
Der Prinz und Rosenblau verliebten sich in einander, sie heirateten und aus Rosenblau wurde Prinzessin Rose. Rußschwarzchen durfte ebenfalls im Königsschloss wohnen. Der Prinz hätte ihm gerne alles geschenkt, was der sich wünschte, aber Rußschwarzchen wünschte sich, im Schloss arbeiten zu dürfen. Und zwar in der Küche, er wollte das Kochen lernen (und ganz besonders wollte er lernen, wie man Weihnachtsplätzchen backt). Schließlich gab der Prinz seinen Bitten nach: der Junge lernte beim Koch sehr viel, das Kochen und Backen machte ihm so viel Freude, dass er sich die Rezepte mit der Zeit gut merken konnte. Als Koch verdiente er sein eigenes Geld, und da er ja für Essen, Kleidung und Wohnen im Schloss nichts zu bezahlen brauchte, kaufte er sich stets einen großen Vorrat an Weihnachtsplätzchen. Bei seiner Arbeit trug er immer eine blütenweiße Kochschürze, und so wurde Rußschwarzchen von allen Leuten nur noch Weißschürzchen genannt.

© Bertram der Wanderer und Klasse 3/4 b

Version der Klasse 4a der Grundschule am Gernerplatz, Puchheim (Schuljahr 2016/17)

… Als Rosenblau mit ihren gut trainierten Ohren diese Schritte zuerst hörte, legte sie ihrem Freund Rußschwarzchen rasch den Zeigefinger auf die Lippen. Der verstand sofort und blieb mucksmäuschenstill, während das blinde Mädchen lauschte. Nach einer Weile flüsterte sie: „Da kommt jemand, es ist nur eine Person, und sie muss recht klein sein, denn die Schritte folgen in kurzen Abständen auf einander, die Beine sind nicht lang. Vielleicht ein Kind, möglicherweise ist eines der kleinen Kinder aus unserem Dorf in den Wald gelaufen und braucht Hilfe. Es kommt näher, muss bald da sein. Schau dich mal um!“
Sofort wandten sich beide dem Geräusch der herannahenden Schritte zu. „Du hast Recht“, murmelte der Junge leise. „Auf dem gleichen Pfad, auf dem auch wir hierhergegangen sind, kommt ein Kind, aber ich kenne es nicht. Es schaut ganz komisch aus, hat eine rote Zipfelmütze auf und einen strubbeligen Bart im Gesicht…“
„Oh, Rußschwarzchen!“, entgegnete sie und hätte beinahe laut losgelacht. „Dann ist es doch kein Kind, sondern ein Zwerg!“
Schon war der Zwerg bei den beiden angelangt, er deutete zum Gruß eine leichte Verbeugung an, dann fragte er die beiden, ob er ihnen helfen könne. „Wisst ihr, ich habe vorhin schon beobachtet, wie ihr hier im Wald etwas gesucht habt. Ihr habt herumgetastet und immer auf den Boden geschaut. Ich helfe euch gerne. Was sucht ihr denn?“
Rosenblau erklärte dem freundlichen Zwerg, dass sie die Spur des Prinzen und der Räuber gesucht hätten, sie erzählte auch von der Belohnung, und dass die Erwachsenen aus dem Dorf es nicht geschafft hätten, den Prinzen zu finden. Da unterbrach sie der Zwerg: „Ich kann mir schon denken, wo der Prinz ist. Genau hier hinter diesen Brombeerbüschen befindet sich der Eingang zur Räuberhöhle. Zum Glück ist die ziemlich tief, deshalb haben uns die Räuber noch nicht gehört. Und auch nicht die Anführerin, das ist nämlich eine Hexe. Aber wir sollten uns besser erst einmal verstecken, ich weiß schon wo. Kommt mit, dann erzähle ich euch noch mehr!“
Sollten sie wirklich mit diesem unbekannten Zwerg in den Wald gehen? Vielleicht wollte er sie in einen Hinterhalt locken? Rußschwarzchen blickte seine Freundin ratlos an, die schien diese unausgesprochene Frage gespürt zu haben und nickte kaum merklich mit dem Kopf. Die Stimme des Zwerges klang so ehrlich und freundlich, da hatte sie keine Bedenken.
Der Zwerg führte die beiden zu einer kleinen Waldlichtung, die von hohen Tannen umgeben war. Auf dieser versteckten Lichtung wuchsen eigenartige Kräuter, sie verströmten einen Duft, der Rosenblau völlig fremd war. An einer Stelle hatten die Tannen viele Samen ausgesät, es wuchsen dicht neben einander junge Bäume, ein richtiges Dickicht. Hierhin führte der Zwerg seine Gefährten und sie versteckten sich dahinter, mit Blick zur Lichtung.
Dann berichtete der Zwerg: Er selbst war eigentlich ein Prinz, der Prinz von Butzelwald. Vor einigen Jahren schon hatten die Räuber auch ihn hier im Wald gefangen genommen und in der Höhle, vor der die Brombeersträucher wuchsen, eingesperrt. Von seinem Vater hatten die Unholde ein hohes Lösegeld verlangt, und dieser hatte es auch gezahlt, der gefangene Prinz hatte mit eigenen Augen gesehen, wie die Räuber in der Höhle das Gold unter sich aufteilten und dabei hämisch den König hochleben ließen. Aber freigelassen hatten sie ihn dennoch nicht. „Ich war nämlich so zornig, als ich hörte, wie die Räuber sich über meinen Vater lustig machten,“ fuhr er fort. „Da habe ich die Hexe eine hässliche Kuh genannt. Die wurde aber schrecklich wütend und hat mich in einen Zwerg verzaubert. Ich bin an diesen Ort gebunden, der Zauberbann der Hexe verhindert, dass ich den Wald verlassen kann. Jetzt will ich wenigstens helfen, den anderen Prinzen zu befreien, bevor ihm ein ähnliches Schicksal widerfährt.“
Der Zwerg hatte auch schon einen Plan: Er wusste, dass genau auf dieser Lichtung irgendwelche Kräuter wuchsen, die die Hexe jeden Tag hier sammelte. Bald würde sie kommen, dann wollte er sie wieder hässlich nennen und damit wütend machen, das war ja ihr Schwachpunkt, dann konnte sie ihre Wut kaum im Zaum halten. Der Zwerg wollte sie dazu bringen, ihm nachzurennen, dann könnten Rosenblau und Rußschwarzchen sie im dichten Gebüsch von hinten packen. „Nun ja,“ wandte das blinde Mädchen ein, „der Plan könnte klappen, wenn du nicht direkt auf uns zurennst, sonst entdeckt die Hxe auch uns. Aber es könnte auch schiefgehen, und dann bist du in der größten Gefahr, lieber Zwerg. Oder… ähhh…“, sie begann zu stottern: „…äh, ich muss ja eigentlich ‚Königliche Hoheit‘ sagen…“
Der Zwerg wischte ihre Bedenken mit einer Handbewegung beiseite: „Nenn mich nur weiter Zwerg, der Name ist doch egal. Und für mich ist das nicht gefährlich. Schlimmeres kann mir die Hexe nicht antun, denn wenn sie mich noch übler hätte verhexen können, dann hätte sie das längst getan. Immer wenn ich ihr hier im Wald begegne, drehe ich ihr eine lange Nase, um sie zu ärgern.“
Plötzlich hielt er inne. „Still, sie kommt!“, raunte er den anderen zu, dann starrten alle höchst konzentriert auf die Lichtung. Alle? Na ja, Rosenblau hielt den Kopf ziemlich schief, wie man es tut, wenn man die leisesten Geräusche zu erhaschen versucht.
Zielstrebig wanderte die schwarz gekleidete Hexe auf die Lichtung zu, schon am Rand blieb sie kurz stehen und bückte sich: „Ah, da ist ja schon eines meiner wunderbaren Kräutlein, die jede Krankheit heilen können. Und wie gut ihr duftet! Schade, dass ihr so selten wachst, und auch nur hier auf meiner Lichtung. Hätte ich mehr von euch, würde ich unermesslich reich werden. Aber so muss ich euch aufsparen, für mich selbst und für meine Räuber.“ So murmelte sie, steckte das Kraut in ihren ledernen Kräuterbeutel, dann tat sie ein paar Schritte und bückte sich wieder: „Noch ein kleines Krautblättlein, sehr schön. Und sogar noch eines!“
Kaum hatte sie auch diese Kräuter in ihrem Beutel verstaut, brüllte schon der Zwerg mit verstellter Stimme aus dem Dickicht: „Na, du hässliche Kröte, was tust du hier? Fang mich doch!“ Dann duckte er sich schnell und kroch durch das dichte Gestrüpp der jungen Tannen, wobei er hoffte, dass ihm hier seine Kleinheit ein Vorteil sein würde.
Die Hexe schaute zu ihm hinüber, wütend zog sie die Luft ein. Es dauerte nur eine Sekunde, dann ließ sie den Kräuterbeutel einfach fallen und nahm die Verfolgung auf. Aber sie hatte den Zwerg nicht gesehen, wusste also nicht, wem sie da hinterherrannte, sie sah nur undeutliches Geraschel im Gebüsch. Mit einem Aufschrei stürzte sie hinzu und versuchte, mit großen Schritten das niedrige Gestrüpp zu überwinden, wobei sie ihr schwarzer Mantel eher hinderte. Noch ein langer Schritt, sie musste diesen Kerl, der sie hässlich genannt hatte, bestrafen. In diesem Moment blieb einer ihrer Füße im dichten Tannengestrüpp hängen, gerade als sie zu einem weiteren Satz nach vorne ausholen wollte. Sie verlor das Gleichgewicht, stürzte mit großer Wucht mit dem Kopf voraus zu Boden und schlug auf einen spitzen Felsen, etwa so groß wie ein Fußball, auf. Reglos blieb sie liegen.
Die beiden Jugendlichen verfolgten dieses Geschehen, verstanden aber nicht, was eigentlich passierte. Rosenblau, weil sie nur die Geräusche wahrnehmen konnte, und Rußschwarzchen, weil er es eben so schnell nicht verstehen konnte. Aber als es jetzt mit einem Mal völlig still geworden war, fiel dem Mädchen ein: die Hexe hatte doch etwas von Kräutern, die geusnd machen, gemurmelt. Und sie hatte sie in eine lederne Tasche gesteckt, das konnte sie aus den Geräuschen folgern, die Tasche war dann auf den Boden gefallen. Und dieser besondere Duft hier musste auch von den Kräutern sein… So geräuschlos wie möglich kroch sie auf allen Vieren aus dem Versteck hervor auf die Waldlichtung. Sie tastete, ja, hier war der Beutel. Und der Duft, der ihm entströmte, war sehr stark. Mit geschickten Fingern öffnete sie den Beutel (der Deckel war nur mit einer Lederschlaufe locker zugemacht), sie fühlte drei Blätter, also war kein anderes Kraut darin. Die Hoffnung gab ihr die Kraft, einen Versuch zu wagen, und sie steckte sich ein Blatt in den Mund.
Nicht einmal eine Minute später ertönte ein leiser Aufschrei auf der Lichtung: „Oh,was ist das?! Meine Augen, alles ist so anders! Sind das Farben, von denen immer alle reden?“ Mit ungläubigem Staunen und weit aufgerissenen Augen blickte sie in alle Richtungen. Rußschwarzchen lief zu ihr und freute sich mit ihr, auch wenn er noch nicht begriffen hatte, worüber sie sich freute.
Da erklangen feste, sichere Schritte hinter den Tannen. Ob die Hexe kam? Rosenblau wagte es hinzusehen, nein, die Hexe lag immer noch auf dem Boden, vielleicht war sie sogar tot. Plötzlich stand ein großer, nicht mehr ganz junger Mann zwischen den Bäumen, seine dunklen, gelockten Haare waren ordentlich gekämmt, er trug ein edles Gewand aus teuerem Stoff. Wer mochte er sein?
„Gestattet bitte, dass ich mich vorstelle: ich bin der Prinz von Butzelwald. Die Hexe muss wirklich durch den Sturz auf den Kopf gestorben sein, denn im selben Moment war der Zauberbann erloschen und ich war erlöst. Für euren Mut und eure Hilfe danke ich euch von Herzen.“
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Der Prinz von Butzelwald hätte gerne seine eigene Ritter zur Hilfe gerufen, aber sein Land war weit entfernt. Daher wanderte er mit Rosenblau und Rußschwarzchen zum König, der zur Befreiung seines Sohnes sofort alle Ritter losschickte. Die Räuber hatten durch den Tod der Hexe auch ihre Anführerin verloren, sie ergaben sich nach kurzem Kampf und wurden ins Gefängnis geworfen. Rosenblau eilte zum gefangenen Prinzen in die Höhle hinein und löste sofort seine Fesseln – und sobald dieser wieder auf seinen Beinen stand, fiel er vor ihr auf die Knie und bat sie um ihre Hand. Da Rosenblau den Prinzen heiraten durfte, verzichtete sie gerne auf ihren Teil der Belohnung. Die bekam Rußschwarzchen allein, nun war er der reichste Mann im Dorf, wurde von allen dort geachtet und von seiner besten Freundin oft besucht. Und dass er mit dem Denken so seine Schwierigkeiten hatte, machte nichts aus, denn alle Bauern halfen ihm nun gerne, hofften sie doch, ein paar Talerchen abzubekommen. Der Junge aber war zwar nicht klug, doch blöd war er auch nicht, und so hielt er sein Geld gut zusammen.
Der Prinz von Butzelwald fuhr mit einer königlichen Kutsche in sein Land, wo er mit viel Jubel empfangen wurde. Aber auch er wollte sich für die Hilfe erkenntlich zeigen. Und als er erfuhr, dass Rußschwarzchen am allerliebsten Weihnachtsplätzchen mochte, hatte er den richtigen Einfall: Sooft der Junge es wollte, bekam er ein großes Paket mit Vanillekipferln geschickt. Denn im Land Butzelwald gibt es die besten Vanillekipferl auf der ganzen Welt.
So waren also alle glücklich, und wenn sie nicht gestorben sind, dann isst Rußschwarzchen heute noch mit großem Genuss seine geliebten Vanillekipferl.

© Bertram der Wanderer und Klasse 4a

Version der Klasse 4b der Grundschule am Gernerplatz, Puchheim (Schuljahr 2016/17)

… Bereits aus großer Entfernung konnte das blinde Mädchen diese Schritte vernehmen, kein Wunder bei ihrem so gut trainierten Gehör. Für einen Moment stützte sie sich mit der Hand auf einem großen Felsblock auf, der da ein Stück neben dem dichten Brombeergestrüpp auf dem Waldboden lag. Angestrengt lauschte sie, Rußschwarzchen bemerkte dies und rührte sich nicht, um sie nicht zu stören. Dann wisperte sie: „Da kommen zwei Leute, sie müssen sehr groß und schwer sein, das höre ich an ihren Schritten. Und sie bleiben immer wieder stehen, so wie man das macht, wenn man etwas sucht. Schnell, Rußschwarzchen, versteck dich gut, dass dich niemand sehen kann. Und nicht bei diesen Brombeeren, die sind gefährlich, glaube ich.“
Dann tastete sie mit ihren flinken Händen an dem Felsbrocken entlang. Er war groß, dahinter gab es etwas Platz, sie spürte nämlich nichts über dem Boden, aber dann verlief eine Wand aus Erde und Gras schräg nach oben, wohl ein steiler Hügel. Der Spalt zwischen Hügel und Fels war groß genug, hier konnte sie sich auf den Boden kauern, bestimmt würde man sie so nicht sehen. Schon war Rosenblau versteckt.
Ihr Freund Rußschwarzchen hingegen stand noch immer direkt vor diesen Brombeersträuchern. Die Ratschläge, die ihm das Nachbarmädchen schnell zugeflüstert hatte, waren zu viele für seinen langsam arbeitenden Verstand. Wie hatte sie das gemeint? Schnell verstecken, aber nicht bei den Brombeeren? Was ist gefährlich? Wer kommt? „Rosneblau,“ raunte er in die Richtung, in die sie verschwunden war, wie meinst du…“
„Scht!“, unterbrach sie ihn sofort. „Los, versteck dich!“
Die Schritte kamen immer näher, sie hörte von oben auch das Knacken von Ästen, vermutlich von breiten Schultern stämmiger Männer.
„Aber wo?“ Rußschwarzchen überlegte noch immer so fieberhaft, wie er eben konnte. Langsam wandte er den Kopf nach allen Seiten, aber nichts schien ihm als Versteck geeignet. Außer dem Brombeergestrüpp, aber dort sollte er ja nicht… Vielleicht, wenn er nicht hinsah? Der Junge drehte sich um und versuchte rückwärts hinter die Brombeersträucher zu kriechen.
Jetzt wurden zwei Gestalten sichtbar, mit langen Zottelhaaren, die fast ihre ganzen Körper zu bedecken schienen, sie stapften auf dem Pfad direkt auf Rußschwarzchen zu, und sie waren ziemlich groß. Der Junge erschrak und wollte sich rückwärts in das Brombeergestrüpp kauern, da stach ihn ein spitzer Brombeerdorn direkt in den Po. „Auuu!“, schrie er aus Leibeskräften, was natürlich auch die beiden herannahenden haarigen Wilden sofort hörten. Sie blieben stehen, einer von ihnen zeigte mit seiner schmutzigen Hand, die eher einer Pfote ähnelte, auf den Jungen, der vor Schmerz hochgefahren war. Der andere nickte nur, dann stampften sie auf Rußschwarzchen zu, der vor Erstaunen keinen Laut hervorbrachte, packten ihn gleichzeitig an den Schultern und schleiften ihn ein Stück mit sich mit.
Rosenblau hörte nur die entsprechenden Geräusche und war in größter Sorge. Hatten diese großen Männer ihren Freund geschlagen? Oder entführt? Dass es sich bei den beiden um große, haarige Trolle handelte, konnte sie ja nicht sehen.
Nachdem die Trolle mit Rußschwarzchen auf dem Waldpfad um eine Kurve gebogen waren, blieben sie stehen und betrachten sich ihren Fang eingehend. Dann fing einer von ihnen mit tiefen, kehligen Lauten zu sprechen an: „Ob das der Prinz ist, für den es die Belohnung geben soll?“
Der andere antwortete mit ähnlicher Stimme: „Ich weiß nicht. Irgendwie sieht er nicht wie ein Prinz aus. Dieser Junge hier hat so ein schmutziges Hemd an.“
„Schmutzig wie wir“, pflichtete der erste ihm bei. „Der Prinz, den wir suchen, muss anders aussehen.“
Da fand Rußschwarzchen die Sprache wieder: „Ach, den Prinzen sucht ihr. Ich auch. Wir können doch zusammen suchen, dann ist das leichter.“
Einer der Trolle nickte: „Meinetwegen. Aber ob wir dir von der Belohnung etwas abgeben, das wissen wir noch nicht!“
Der andere nickte ebenfalls. Sie nahmen Rußschwarzchen in ihre Mitte und stapften mit ihm weiter in den Wald. Dieser fand das so aufregend, dass er an seine blinde Freundin zunächst nicht mehr dachte.
Die versuchte inzwischen verzweifelt herauszufinden, was mit Rußschwarzchen geschehen war. Behutsam tastete sie sich in die Richtung, aus der sie ihn zuletzt wahrgenommen hatte, bei diesen verwünschten Brombeeren. Zentimeterweise kroch sie auf allen Vieren hinter dem schützenden Felsblock hervor, dann langsam weiter, so gelangte sie von der Seite genau hinter die Brombeerbüsche, denn hier gab es ebenfalls eine Art Spalt zwischen Hügel und Gestrüpp, breit genug, dass sie gerade noch durchkriechen konnte, ohne sich ständig die Haut an den Dornen aufzureißen. Plötzlich spürte sie einen Luftzug neben sich. Dort im Hügel musste eine Öffnung sein, vielleicht eine Höhle, die weiter in den Hügel hineinführte. Ob Rußschwarzchen dort hineingeraten war? Sie richtete sich halb auf, um die Abmessungen des Höhleneingangs befühlen zu können. Schließlich machte sie einen Schritt hinein, dann noch einen, und noch einen, dabei lauschte sie angestrengt. Mit der Hand spürte sie die kalte, feuchte Felswand der Höhle, an ihr entlang ging sie langsam weiter.
Plötzlich stieß ihr Fuß gegen ein paar kleine Steine, die vor ihr auf dem Boden lagen, sie hatte sie ja nicht sehen können. Die Steine kullerten nach vorne, im gleichen Augenblick hörte sie, wie zwei Menschen auf einmal hochfuhren. Ein Stück weiter in der Höhle saßen zwei der Räuber als Wachposten auf dem Boden, die hatten das Holpern der Steine gehört.
„Wer da?“, schrie der eine, dann waren sie schon auf den Beinen und zu Rosenblau geeilt. „Aah, ein junges hübsches Mädchen, wie kommt die denn hierher?“, nuschelte die gleiche Stimme erfreut.
„Finger weg!“, schnauzte ihn der andere an. „Die will ich für mich haben.“
„Du Blödmann, das könnte dir so passen,“ schimpfte der erste zurück. „Ich hab sie zuerst gesehen.“
„Ist mir doch egal, du Depp. Ich nehme sie mir, und wenn dir das nicht gefällt, dann kriegst du was in die Fr…“ Weiter kam er nicht, denn der erste Wächter hatte ihn schon mit der einen Hand an den fettigen Haaren gepackt und ihm mit der anderen eine Ohrfeige verpasst.
Der Geschlagene schüttelte sich und zischte: „Das wirst du mir büßen!“ Dann hieb er seinem Gegner die geballte Faust in die Magengrube, dass der beinahe vornüber fiel. Sobald er aber das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, packte er das Handgelenk des anderen und drehte ihm mit einer raschen Bewegung die Hand auf den Rücken, dass dieser vor Schmerz aufschrie.
Rosenblau hörte nur die Geräusche dieses Kampfes, sie presste sich so flach wie möglich gegen die Höhlenwand, um nicht von einem Schlag getroffen zu werden, und wagte nicht zu atmen. Zu den übrigen Räubern in der Höhle waren die Kampfgeräusche natürlich längst vorgedrungen, sie stürmten herbei.
Einer der beiden Kämpfenden schrie die anderen Räuber an: „Was wollt ihr hier? Verschwindet! Das Mädchen gehört mir!“
„Welches Mädchen?“, fragte einer der neu Hinzugekommenen, aber zur Antwort erhielt er einen Tritt gegen das Schienbein. Der ließ sich das nicht gefallen und schlug zurück. Der andere Wächter drosch auf den nächstbesten Räuber ein – alle begannen eine wilde Prügelei, in der auch die Hexe und der Anführer der Räuber kräftig mitmischten. Jeder schlug jeden, dabei kannten die meisten den Grund des Streits nicht einmal.
Das blinde Mädchen nutzte die Gunst der Sunde, die Räuber hatten sie nämlich noch immer nicht entdeckt, abgesehen von den zwei Wächtern, aber die waren ja beschäftigt. An der Wand entlang tastete sie sich weiter in die Höhle hinein, bis sie vor sich einen Menschen mehr spürte als hörte. Er atmete gepresst, würgte dabei leicht und schien auf dem Boden zu liegen. Sie ging in die Hocke und tastete: ja, da lag jemand, gefesselt und geknebelt. Rußschwarzchen war es nicht, die Kleidung dieses Gefangenen fühlte sich weich und edel an: der Prinz! Mit ihren geschickten Händen konnte sie die Knoten und Fesseln lösen, die völlige Dunkelheit ringsum spielte für sie ja keine Rolle. Der Prinz war befreit und wusste noch nicht einmal von wem.
Aber wie sollte sie mit ihm aus der Höhle gelangen? Auf dem Weg zum Ausgang schlugen die Räuber ja noch immer wild auf einander ein…
Zum Glück war Rußschwarzchen draußen bei den Trollen. Diese hatten gleich Vertrauen zu dem Jungen gefasst, denn er war der erste Mensch, der sich vor den schmutzigen, großen und kräftigen Gesellen nicht fürchtete. Ein Stück weit waren sie zusammen in den Wald gestapft, aber dann war ihm Rosenblau wieder eingefallen. Die sollte mitkommen! Also überredete er die beiden Trolle noch einmal zurückzugehen, und hinter den Brombeersträuchern hörten sie den Kampf der Räuber. Nun, Trolle fackeln da nicht lange. Bevor Rußschwarzchen einen Gedanken hätte fassen können, hatten die Trolle schon die Brombeersträucher einfach mit bloßen Händen aus dem Erdboden gerissen, waren in die Höhle geeilt und hatten den noch immer prügelnden Räubern derart heftige Ohrfeigen verpasst, dass diese die Englein singen hörten.
Aber wie konnten sie alle Räuber gleichzeitig gefangen nehmen? Dafür hatten die Trolle den rettenden Einfall: Sobald jetzt der Prinz, Rosenblau und Rußschwarzchen aus der Höhle gelaufen waren, packten die Trolle einfach den großen Felsbrocken, hinter dem sich das Mädchen versteckt hatte, und wuchteten ihn vor den Höhleneingang. Dieser Stein war groß und schwer genug, den würden die Räuber bestimmt nicht so schnell wegrücken können, zumal sie von den Schlägen arg benommen waren.
Dann gingen alle auf schnellstem Wege zum Königsschloss, wo der König über die Rettung seines Sohnes unbeschreiblich glücklich war. Aber es gab noch mehr Glück im Schloss: Nachdem die Ritter zur Höhle losgeschickt waren, um die Räuber und die Hexe endgültg ins Gefängnis zu sperren, fiel der Prinz vor Rosenblau auf die Knie und bat sie, seine Frau zu werden. Und das blinde Mädchen willigte gerne ein, allerdings nur unter der Bedingung, dass auch ihr Jugendfreund Rußschwarzchen sorglos im Schloss leben dürfe. Und wer bekam die 1000 Goldtaler? Der Prinz traf eine weise Entscheidung: Rosenblau und Rußschwarzchen sollten ja nun im Schloss bleiben, wo sie diese Taler gar nicht brauchten. Also gab er die Belohnung von Herzen gern den Trollen, die sich glücklich damit wieder in ihren Wald begaben.
Und so lebten alle glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch.

© Bertram der Wanderer und Klasse 4b

Version der Klasse 4c der Grundschule am Gernerplatz, Puchheim (Schuljahr 2016/17)

… Als sie die Schritte gehört hatte, packte Rosenblau ihren Freund am Arm. „Pst, da kommt jemand!“, zischte sie. „Es sind mindestens drei Leute, vielleicht auch mehr. Und sie sind schon ganz nah. Komisch, dass ich die zuvor nicht gehört habe. Schnell, wo können wir uns verstecken?“
„Na hier, bei diesen Brombeeren. Das Gebüsch ist sehr dicht,“ antwortete er mit normaler Sprechstimme, was Rosenblau zu einem energischen „Pscht!!!“ veranlasste. Er aber hatte sich schon umgedreht und zog sie an der Hand seitlich hinter die dichteste Stelle des Gestrüpps. Die Zweige waren hoch gewachsen und hingen von dort wieder herab, sie hatten schon dichte Blätter.
Leider auch harte, spitze Dornen. „Au!“, entfuhr es Rosenblau, sie versuchte den Schrei zu unterdrücken, mit dem linken Unterarm war sie an einer Dorne entlangeschrammt, bestimmt hatte sie sich eine Wunde gerissen und blutete. Der Junge betrachtete mitfühlend ihren Arm, dann drückte er sie noch dichter an sich, damit sie von draußen nicht gesehen würden.
Hinter den beiden war ein Luftzug zu spüren, es roch ein bisschen modrig. ‚Ob hier der Eingang einer Höhle ist?‘, überlegte das Mädchen. Dann muss sie groß und tief sein, sonst würde man nicht so viel Luftbewegung spüren.‘ Aber da wurde sie schon aus ihrer Überlegung gerissen, denn Rußschwarzchen schmatzte ein bischen und machte Bewegungen mit Zunge und Zähnen, er aß etwas, und zuvor hatte er auch noch etwas von dem Brombeerbusch abgerissen, das hatte sie ebenfalls deutlich gehört. Konnte er den süßen Brombeeren nicht widerstehen? „He!“, mahnte sie ihn so leise wie möglich, „Du isst doch wohl nicht diese Brombeeren? Die sind bestimmt vergiftet oder verzaubert.“
Er brummte nur etwas, aber dann zwang er sich, die süßen Früchte zu „übersehen“.
Inzwischen waren die Schritte sehr nahe gekommen, Rosenblau wagte nicht zu atmen. Eine scharfe Männerstimme befahl: „Da sind sie! Die schnappen wir uns. Bleib du hier stehen, falls uns einer entkommt!“
Eine Frauenstimme antwortete nur kurz: „Ja!“. Dann gab es heftige Bewegungen, von beiden Seiten drangen je zwei Männer hinter die Brombeerbüsche, packten die beiden in ihrem Versteck, zerrten sie grob nach vorne.
„Vorsicht, ich bin blind, ich sehe nichts!“, rief Rosenblau, aber da war es schon zu spät. Mit einem Fuß blieb sie am Gestrüpp hängen und stürzte nach vorne, erstaunlich geschickt aber fing sie den Sturz ab und federte zurück auf die Beine.
Die Frau, die vor dem Gebüsch gewartet hatte, sah das und meinte: „Sie sagt offenbar die Wahrtheit.“
Einer der Männer – ob es Räuber waren? – herrschte die zwei Jugendlichen an: „Was tut ihr hier?“
Rosenblau schoss ein rettender Gedanke durch den Kopf, den sie sogleich aussprach, wobei sie möglichst harmlos zu klingen versuchte. „Pilze“, antwortete sie. „Wir sind so arm und haben nichts zu essen, deshalb suchen wir Pilze. Wir wollten nachschauen, ob hier unter dem Gebüsch welche wachsen. Bitte, tun Sie uns nichts!“
Rußschwarzchen hatte die vier schwarz gekleideten, unrasierten und ungewaschenen Männer und die Frau gesehen, das mussten Räuber sein. Er bekam schreckliche Angst und fing zu stottern an: „Uuuund iiich hhhab aauch nnnur eine Bbbbeere gegegegessen. Eeehrlich! Nnnur eine!“ Dabei machte er ein sehr dümmliches Gesicht.
Der Räuber, der auch vorhin die Anweisungen gegeben hatte, meinte nach kurzer Überlegung: „Die eine ist blind, die kann den Weg zu unserer Höhle nicht verraten. Und der andere ist blöd. Die sind harmlos, lassen wir sie laufen. Mit dem Prinzen haben wir schon genug zu bewachen. Aber gut, Hexe, dass du die beiden von unserer Höhle aus gehört hast. So konnte ich mit ein paar von euch rechtzeitig rausschleichen, um zu sehen, wer da zu unserem Eingang kommt.“
Dann brachten die Räuber die beiden Jugendlichen auf dem schnellsten Weg zum Waldrand. Rosenblau sagte dabei kein Wort, und Rußschwarzchen machte es wie sie, er begriff ohnehin nicht, was hier geschah. Aber im Kopf des blinden Mädchens arbeitete es fieberhaft: Während sie zwischen zwei Räubern lief, bemühte sie sich, immer gleich große Schritte zu machen und zählte diese mit. Nach jeder Abbiegung begann sie von Neuem zu zählen und prägte sich so den Weg genauer ein, als es die meisten Sehenden gekonnt hätten. Und gleichzeitig überlegte sie: Diese Brombeerbüsche mussten wirklich den Eingang zur Räuberhöhle verbergen, das ließ sich aus dem Luftzug, den sie gespürt hatte, und aus den Worten der Räuber schließen. Und dort war offensichtlich der Prinz gefangen. Außerdem waren die Räuber deutlich mehr als vier, und bei ihnen war auch eine Hexe.
Erst als die Räuber vom Waldrand aus den beiden den Weg zum Dorf zeigten und sie allein weitergehen ließen, konnte sie wieder Rußschwarzchens Hand ergreifen und sich von ihrem Freund führen lassen. Dieser war froh, wieder die Nähe des Mädchens zu spüren, so fühlte er sich sicher und irgendwie glücklich.
Bald kamen sie am Dorf an, wo die Frauen inzwischen ihr Verschwinden bemerkt hatten. Die Männer waren noch immer nicht zurück, die Bäuerinnen waren in größter Sorge. Sie glaubten, die beiden Nachbarkinder wären einfach spazieren gewesen, die jeweiligen Mütter wollten gerade mit einer entsprechenden Standpauke anfangen, da konnte Rosenblau allen klarmachen, dass sie das Versteck der Räuber entdeckt hatten.
„Waaas? Ihr?“, riefen alle Bäuerinnen ungläubig. Aber Rosenblau berichtete völlig klar und präzise, da wollten sich die Frauen gleich zu der Höhle hinter dem Brombeergestrüpp aufmachen. Rosenblau warnte: „Ihr seid unbewaffnet und wollt gegen die Räuber kämpfen? Wir sind vier Räubern und einer Hexe begegnet, aber bestimmt sind viel mehr Räuber in der Höhle. Wir sollten die Räuber überlisten. Wahrscheinlich sind diese Brombeeren verzaubert oder vergiftet. Wir müssen erreichen, dass die Räuber die Beeren essen.“
„Oh ja,“, pflichtete ihr die älteste Großmutter des Dorfes bei. „Mit Kuchen. Wir haben doch schon einmal geschafft, dass die Räuber Kuchen gegessen haben. Ich kenne das Rezept für eine Torte, bei der werden die Räuber nicht mal merken, dass sie ihre eigenen Brombeeren essen.“
Der Plan stand fest. Als die Räuber in der Nacht vermutlich schliefen, schlich sich Rosenblau allein nochmals zur Räuberhöhle, den Weg fand sie problemlos, die Dunkelheit machte für sie ja keinen Unterschied. Einen ganzen Korb voll Brombeeren pflückte sie dort, wobei sie kaum ein Geräusch verursachte, dann schlich sie wieder zurück.
Sogleich buken die Frauen die Torte, im Morgengrauen brachte sie Rosenblau zum Höhleneingang. Sie hoffte nur, dass die Räuber das Fehlen der Beeren an ihren Büschen nicht bemerken würden.
Der Brombeerkuchen duftete verführerisch, kaum wachten die Räuber auf, stürzten sie sich auch schon darauf. Und die Zauberbrombeeren taten ihre Wirkung: nach nur wenigen Bissen vom Kuchen schlief jeder Räuber sofort und auf der Stelle ein. Weil alle so gierig waren, hatte auch der letzte von ihnen schon genug Torte in seinen Mund gestopft, bevor er merkte, was mit den Kumpanen geschah.
Auch für die Hexe hätte es gereicht, aber die hatte Verdacht geschöpft und nichts von dem Kuchen gegessen. Allerdings warnte sie die Räuber auch nicht.
Noch während des Kuchenbackens war eine Bäuerin auf dem einzigen Reitesel des Dorfes zum Schloss geeilt, um die Ritter zur Hilfe zu holen. Die lagen nun in mehreren Gruppen unweit von der Höhle auf der Lauer, und als das laute Schnarchen der Räuber ertönte, stürmten sie die Höhle.
Hätte die Hexe sie verzaubern können? Eigentlich schon. Aber die Hexe hatte gehofft, dass der Kuchen von unbekannten Rettern stammte. Daher war sie sofort zum Prinzen gerannt und hatte dessen Fesseln gelöst. Er stand bereits neben den Brombeerbüschen und gab seinen Rittern Anweisungen.
Aber warum hatte die Hexe geholfen? Sie war nicht freiweillig bei den Räubern. Die Unholde hatten nämlich die Kinder der Hexe entführt und hielten sie an einem geheimen Ort versteckt. Sie drohten die Kinder umzubringen, wenn ihre Mutter nicht die Räuber unterstützte. Nun ergriff die Hexe die Chance, die Räuber zu besiegen und so auch ihre Kinder wieder zu befreien. Als der Prinz dem Räuberhauptmann das Schwert an die Kehle hielt, verriet der sehr schnell, wo diese Kinder gefangen gehalten wurden.
Zuletzt erinnerte sich der Prinz, dass er ja eigentlich auf Bautschau war. Eine weitere Suche schien jedoch unötig: Rosenblau hatte ihn mit ihrer Schönheit, mit ihrem Mut und ihrer Klugheit sehr beeindruckt, gewiss war sie die Richtige. Sofort bat er sie, seine Frau zu werden.
Das blinde Mädchen lächelte, aber gab ihm zur Antwort: „Königliche Hoheit, wie groß diese Ehre für mich ist, kann ich nicht beschreiben. Nur muss ich Sie enttäuschen: ich kann Sie nicht heiraten. Außer meinen Eltern hat in meinem Herzen schon immer Rußschwarzchen den wichtigsten Platz. Er hat stets an mich geglaubt, und an sich selbst. Und keiner hat je so viel liebevolle Rücksicht auf meine Blindheit genommen. Wenn er mich einen Weg entlang führt, dann ist das für mich, als ob ich selbst sehen könnte. Und ich spüre, ihm geht es ähnlich. Verzeihen Sie mir, dass ich Ihre Bitte ablehnen muss. Ich möchte mit Rußschwarzchen weiter im Dorf leben.“
Da erkannte der Prinz, dass die Liebe eben die größte Macht auf Erden ist. Er willigte ein, und natürlich bekamen Rosenblau und Rußschwarzchen die gesamte Belohnung. Sie heirateten bald, und da sie nun die reichsten Leute im Dorf waren, wurden sie von allen geachtet und geschätzt.
Lange lebten sie glücklich mit einander, und wenn sie nicht gestorben sind, dann werden sie auch heute noch von allen im Dorf nur „Herr und Frau Rosenreich“ genannt.

© Bertram der Wanderer und Klasse 4c